Verwirrtheit und Lähmungen - das kann auch Epilepsie sein

MANNHEIM (mut). Bei Patienten über 65 Jahre tritt eine Epilepsie häufiger auf als bei jungen Patienten, wird aber seltener erkannt. Bei der Therapie sollten Arzneien im Vordergrund stehen, die nicht sedieren und wenig mit anderen Präparaten interagieren.

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Ein Grund, warum viele Anfälle nicht erkannt werden: Sie dauern oft nur kurz, sind häufig nicht konvulsiv oder werden als Schlaganfall fehlgedeutet. Obwohl etwa ein Drittel der Epilepsie-Patienten über 65 Jahre alt ist, liegt ihr Anteil in Spezialambulanzen sehr niedrig: Nach einer Untersuchung waren dort nur sechs Prozent von knapp 6000 Patienten über 65 Jahre alt. Darauf hat Professor Christian Elger von der Klinik für Epileptologie der Universität Bonn auf dem Neurologie-Kongreß in Mannheim hingewiesen.

Elger geht davon aus, daß deswegen so wenig alte Menschen in Spezialambulanzen erscheinen, weil bei ihnen eine Epilepsie häufig nicht erkannt wird. Dabei müßten gerade sie dorthin kommen, weil ihre Behandlung häufig schwierig ist. So komme es bei alten Menschen oft zu ungewöhnlichen Epilepsie-Verläufen, die sich deutlich von denen jüngerer Patienten unterscheiden, sagte Elger auf einer Veranstaltung von Sanofi-Aventis.

Die meisten Anfälle bei alten Menschen verlaufen sehr kurz

Die meisten Anfälle verlaufen sehr kurz - etwa eine Minute - und ohne Konvulsionen. Sie werden dann häufig von Angehörigen oder den Pflegekräften nicht bemerkt, vor allem wenn die Attacken nachts auftreten. Dagegen ist die postiktuale Phase oft deutlich verlängert und kann bis zu 24 Stunden dauern.

In dieser Zeit können sich Halbseitenlähmungen, die nach einem Schlaganfall bestehen, verstärken. Zudem können die Patienten noch Stunden nach dem Anfall sehr verwirrt wirken, sagte Elger. Hatten die Patienten bereits einen Schlaganfall, werde das dann oft als erneuter Apoplex fehlgedeutet.

Die richtige Diagnose ist jedoch sehr wichtig, so Elger. Denn mit einer antiepileptischen Therapie lassen sich die Anfälle meist gut vermeiden und ein Status epilepticus verhindern. Dieser Zustand ist für ältere Patienten besonders gefährlich: Etwa 35 Prozent der Patienten sterben daran - bei Menschen unter 65 Jahren sind es 16 Prozent.

Kaum Enzym-Induktion und Sedierung mit Valproat

Zur Therapie wird in Deutschland bei alten Menschen vor allem Carbamazepin verwendet, sagte Dr. Günter Krämer von der Schweizerischen Epilepsie-Klinik in Zürich. Carbamazepin sei aber zur Neueinstellung bei älteren Patienten wenig geeignet: Als unerwünschte Wirkungen können Müdigkeit, kognitive Störungen und Gangstörungen auftreten. Mit Valproat (Ergenyl®) komme es zu keiner Sedierung.

Im Gegensatz zu Carbamazepin gebe es damit auch keine nennenswerten Enzym-Induktion. Zudem wirke Valproat auch gut bei generalisierten Anfällen, die etwa häufig bei Demenz-Patienten mit Epilepsie auftreten. Eine Gewichtszunahme, wie sie oft bei jungen Patienten mit Valproat zu beobachten sei, komme bei alten nur selten vor.

Bei einem Treffen deutschsprachiger Epileptologen in Zürich im Mai diesen Jahres sei Valproat als breit wirksame, risikoarme und preiswerte Therapie-Option bei Patienten mit Altersepilepsie bewertet worden, berichtete Elger.



STICHWORT

Altersepilepsie

Häufigkeit: Etwa ein Drittel der 600 000 bis 800 000 Epilepsie-Kranken in Deutschland ist über 65 Jahre alt. Die Prävalenz ist bei Menschen über 70 Jahren am höchsten: Sie liegt bei etwa 150 Patienten pro 100 000 Personen und ist damit dreimal so hoch wie bei Menschen zwischen 25 und 55 Jahren und ein Drittel höher als bei Kindern.

Ursachen: Bei etwa 38 Prozent der alten Menschen ist die Epilepsie Folge eines Schlaganfalls, bei etwa 30 Prozent Folge eines Schädel-Hirn-Traumas, einer intrazerebralen Blutung, einer Atherosklerose der Hirngefäße, einer neurodegenerativen Erkrankung oder eines plötzlichen Entzugs von Benzodiazepinen. Bei etwa einem Drittel sind die Ursachen unbekannt. (mut)

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