Interview

Viele Chirurgen patzen bei Kindern

Inline-Skating, Trampolinspringen, Mountain-Biken: Was Kindern und Jugendlichen Spaß macht, kann für sie aber sehr gefährlich sein. Immer wieder kommt es zu Unfällen mit Knochenbrüchen. Häufig werden die jungen Patienten daraufhin falsch behandelt, kritisiert der Kinderchirurg Professor Lucas Wessel anlässlich des Weltkindertages (20. September).

Veröffentlicht: 19.09.2012, 18:56 Uhr

Professor Lucas Wessel

Viele Chirurgen patzen bei Kindern

© Professor Wessel

Aktuelle Position: Direktor der Kinderchirurgischen Uniklinik in Mannheim.

Werdegang/Ausbildung: Medizinstudium von 1974 bis 1981 in Gent/Belgien. Assistenzarzt in Kliniken von NRW und Hessen.

Karriere: Leitender Oberarzt in der Heidelberger Kinderchirurgie, bis 2008 Direktor der Klinik für Kinderchirurgie in Lübeck.

Ärzte Zeitung: Herr Professor Wessel, welche Sportarten bergen für Kinder und Jugendliche die höchsten Unfallgefahren?

Professor Lucas Wessel: Die höchsten Unfallzahlen bei Kindern sehen wir beim Snowboarden, beim Skateboarden und Inline-Skating sowie beim Trampolinspringen. Auch Mountain-Biken, insbesondere Downhill, gilt als unfallträchtig, allerdings sind hier vorwiegend Jugendliche betroffen. Sehr beliebt und gar nicht ungefährlich sind auch Turnschuhe mit Rollen, die sogenannten Heelys.

Ärzte Zeitung: Welche typischen Verletzungen treten bei Kindern und Jugendlichen auf, die bei Trendsportarten verunglücken?

Wessel: Einer amerikanischen Studie zufolge erleiden bei Snowboard-Unfällen 27 Prozent der Kinder Kopf- und Halsverletzungen, bei 58 Prozent sind die oberen und bei 10 Prozent die unteren Extremitäten betroffen. Ähnliche Blessuren, einschließlich Kopfverletzungen entstehen auch bei dem neuerdings sehr beliebten Downhill Skateboarding. Beim Trampolinspringen sind durch das Abfangen von Stürzen vor allem die oberen Extremitäten gefährdet. Besonders kritisch ist es, wenn Kinder unterschiedlichen Gewichts springen. Dann können die Kleinsten hinauskatapultiert werden, was schwere Kopfverletzungen zur Folge haben kann. Beim Klettern werden überwiegend umgeknickte Finger oder Frakturen an den Extremitäten behandelt.

Ärzte Zeitung: Bei der Behandlung von Kindern mit Unfallverletzungen wird über hohe Fehlerquoten berichtet. Was läuft hier schief?

Wessel: Jeder Chirurg darf in Deutschland Kinder behandeln. Das Problem ist aber, dass Unfallverletzungen bei Kindern häufig anders therapiert werden müssen als bei Erwachsenen. Da sie noch im Wachstum sind, werden Fehlstellungen oft durch korrigierendes Wachstum spontan ausgeglichen. Behandlungsfehler geschehen vor allem an Oberarm und Handgelenk.

Betrachtet man die Zahlen der Schlichtungsstellen der Deutschen Ärztekammern, wird deutlich, dass die Binsenweisheit, dass Kinder keine kleinen Erwachsenen sind, zu selten beherzigt wird. Bestätigte Fehler bei Kindern betreffen eine ungenaue klinische Befunderhebung, die Fehldeutung des Röntgenbefunds, eine dem Frakturmuster nicht angemessene konservative oder operative Behandlung oder eine unterlassene oder unzureichende Frakturkontrolle.

Die Behandlung von Frakturen um das Ellenbogengelenk zeigte bei Schlichtungsverfahren mit 77 Prozent die höchste Fehlerquote (Dtsch Arztebl Int 2010; 107: 903). Hier wird bei Kindern zum Beispiel viel zu häufig mit Plattenosteosynthesen gearbeitet, wenn ein einfacher Kirschner-Draht oder auch nur ein Gips genügen würden.

Ärzte Zeitung: Wie häufig wird eine Fehlbehandlung anerkannt?

Wessel: Hierzu haben die Autoren Vinz und Kollegen im Deutschen Ärzteblatt 2009 von den Erfahrungen der Schlichtungsstelle der norddeutschen Ärztekammern berichtet. Bei 189 Kindern wurde zwischen 2002 und 2007 in einem Arzthaftpflichtverfahren eine Frakturbehandlung beanstandet. In 64 Prozent der Fälle wurde die fehlerhafte Behandlung bestätigt. Diese Quote liegt doppelt so hoch wie der Durchschnitt aller Schlichtungsverfahren. 13 Prozent der Kinder werden von der fehlerhaften Behandlung schwere Dauerschäden davontragen.

Die Fragen stellte Christine Starostzik.

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