Direkt zum Inhaltsbereich

Schock für Wissenschaftler

Von HIV "geheiltes" Baby wieder in Behandlung

Ernüchterung statt medizinischer Sensation. Bei dem HIV-infizierten "Mississippi-Baby" in den USA, das als funktionell geheilt galt, ist der Aids-Erreger wieder entdeckt worden. Damit hat sich eine große Hoffnung im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit zerschlagen.

Veröffentlicht:

NEW YORK. Herber Rückschlag für die Aids-Forschung: Bei einem als geheilt geglaubten vierjährigen Kind in den USA ist das HI-Virus wieder aufgetaucht.

Nach zwei Jahren ohne Medikamente, in denen keine Viren im Körper des Mädchens nachweisbar waren, sei der Aids-Erreger nun wieder präsent, teilten die Ärzte des Kindes an der Universität von Mississippi am Donnerstag (Ortszeit) mit.

"Dies ist natürlich eine enttäuschende Wende für das junge Kind, für seine Ärzte und für die gesamte Aids-Forschung", sagte der Direktor des US-Aidsforschungsinstitutes NIAID, Anthony Fauci, laut Mitteilung.

"Wissenschaftlich erinnert uns das daran, dass wir immer noch viel zu lernen haben über die Feinheiten von HIV und wo der Virus sich im Körper versteckt."

Baby galt als funktionell geheilt

Das als "Mississippi-Baby" bekannt gewordene Kind war 2010 in einer ländlichen Gegend dieses US-Bundesstaats zur Welt gekommen. Die Mutter war HIV-positiv, wusste davon aber nichts.

Nachdem Tests die Infektion nachgewiesen hatten, begannen die Ärzte rund 30 Stunden nach der Geburt damit, das Baby mit einer Kombination aus drei Medikamenten zu behandeln. Bereits nach einem Monat waren die Viren nach Angaben der Ärzte kaum noch im Körper des Mädchens nachweisbar. Später galt es als "funktionell geheilt".

Bei einer Routine-Untersuchung Anfang des Monats seien dann allerdings wieder HI-Viren im Körper der Vierjährigen entdeckt worden, teilte die Universität von Mississippi mit. "Es war wie ein Tritt in den Magen, als wir die Testergebnisse gesehen haben", sagte die behandelnde Ärztin des Kindes, Hannah Gay, laut Mitteilung.

Das Mädchen müsse nun wieder behandelt werden. "Ich bin aber sicher, dass es ein langes und gesundes Leben haben wird", sagte die Medizinerin. "Die Suche nach einem Heilmittel ist wie ein riesiges Puzzle." Leider habe man nun doch nicht das letzte Puzzleteil gefunden.

Warum ist das Kind so lange HIV-frei geblieben?

Experten hatten zunächst aufgrund der frühen Behandlungserfolge des "Mississippi-Babys" den Schluss gezogen: Bei Neugeborenen müsse von vornherein verhindert werden, dass sich bestimmte Reservoire im Körper mit Viren füllen.

Als solche Speicher, in denen die Erreger Jahre oder auch Jahrzehnte ruhen können, gelten unter anderem Lymphgewebe, Gedächtnis-Helferzellen, Knochenmark und Gehirn. Die Aids-Forscher wollen nun klären, warum das Kind so lange HIV-frei blieb.

Denn normalerweise seien die Erreger bei Abbruch einer Therapie schon nach wenigen Wochen nachweisbar, nicht nach Jahren.

In Deutschland werden pro Jahr nach Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) etwa 200 bis 250 Babys von HIV-infizierten Müttern geboren. Cornelia Feiterna-Sperling, Kinderärztin in der HIV-Kindertagesklinik der Charité in Berlin, geht sogar von mindestens 350 solchen Geburten aus.

"Allein an der Charité sind es etwa 50 pro Jahr." Ein Großteil der Frauen ahnt zuvor nichts von der Infektion.

Virusübertragung bei Geburt - Risiko gering

Bis in die 90er Jahre wurde HIV-Infizierten zur Abtreibung geraten - das liegt heute in weiter Ferne: Hat die Therapie früh genug eingesetzt und die Viruslast unter die Nachweisgrenze gedrückt, können die Frauen ihr Kind sogar auf natürlichem Weg zur Welt bringen.

"Die Gefahr, das Virus dann während der Geburt auf das Neugeborene zu übertragen, liegt bei unter einem Prozent", erklärt Annette Haberl, Ärztin im HIV-Zentrum der Frankfurter Uniklinik. Ohne Behandlung betrage es 20 bis 25 Prozent, werde das Kind gestillt, könne es auf bis zu 40 Prozent steigen.

Weltweit sind mehr als 35 Millionen Menschen mit HIV infiziert, die meisten von ihnen leben in Afrika südlich der Sahara. Nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts haben sich in Deutschland etwa 78.000 Menschen mit dem Erreger angesteckt.

Im neuen Aids-Jahresbericht spricht das RKI für 2013 von 3263 HIV-Neudiagnosen - das sind rund zehn Prozent mehr als 2012. (dpa)

Mehr zum Thema

S1-Leitlinie zu neurologischen HIV-Manifestationen

Noch keine Lösung für HIV-assoziierte kognitive Defizite

Das könnte Sie auch interessieren
Neue Empfehlung zu HWI und Zystitis

© EAU

Ergänzung EAU-Leitlinie 2026

Neue Empfehlung zu HWI und Zystitis

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Therapie bei unkomplizierter Zystitis

© Dr_Microbe | Adobe Stock

Evidenz, Resistenz & Wirksamkeit

Therapie bei unkomplizierter Zystitis

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Chronisch rezidivierende Vulvovaginalmykosen

© Domepitipat | iStock

Lebensqualität zurückgewinnen

Chronisch rezidivierende Vulvovaginalmykosen

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Thailandpilz, Tierkontakt & Nagelpilz

© Iuliia Petrovskaia | iStock

Dermatophyten-Infektionen

Thailandpilz, Tierkontakt & Nagelpilz

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Welche Rolle spielen Biofilme bei Therapieversagen und Rückfällen?

© robertprzybysz | iStock

Persistierende Onychomykosen

Welche Rolle spielen Biofilme bei Therapieversagen und Rückfällen?

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Die kardiorenalmetabolische Organachse: ganzheitliche Versorgung durch interdisziplinäre Zusammenarbeit (Quelle: Michalopoulou E et al., J Clin Med 2025, 14:428)

© Springer Medizin Verlag

Biomarker gegen Diabetes-Folgen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Roche Diagnostics Deutschland GmbH, Mannheim
Abb. 1: Folgen einer Fehldiagnose bei Menschen mit einer Seltenen Erkrankung (SE), die angaben, dass ihre SE oder die SE einer von ihnen betreuten Person mindestens einmal falsch diagnostiziert wurde (n=4.756)

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [2]

Neuromyelitis-Optica-Spektrum-Erkrankungen

Weshalb das rechtzeitige Erkennen und Behandeln wichtig ist

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Alexion Pharma Germany GmbH, München
Abb. 1: AIO-KRK-0424/ass-Registerstudie: Leitlinienadhärenz

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [5]

BRAFV600E-mutiertes mCRC nach systemischer Vortherapie

Registerstudie weist auf Defizite in der Umsetzung der Leitlinienempfehlungen hin

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Pierre Fabre Pharma GmbH, Freiburg
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Neovaskuläre altersbedingte Makuladegeneration

Anti-VEGF-Injektionen: Versäumte Termine kosten nAMD-Patienten wohl Sehschärfe

Lesetipps
Reiseimpfungen bei Kindern: Müssen Abstandsregeln eingehalten werden?

© Porträt: BVKJ | Spritze: Fiedels / stock.adobe.com

Sie fragen – Experten antworten

Reiseimpfungen bei Kindern: Müssen Abstandsregeln eingehalten werden?