Herzklappenprothese

Wann Antibiotika bei Dentaleingriffen?

Patienten mit künstlichen Herzklappen haben nach invasiven zahnärztlichen Eingriffen womöglich ein erhöhtes Risiko für infektiöse Endokarditiden. Das Ausmaß ist nach aktuellen Studien aber ebenso unklar wie der Nutzen einer antibiotischen Prophylaxe.

Von Robert BublakRobert Bublak Veröffentlicht:
Gefahr für Patienten beim Zahnarzt mit Antibiotika bannen - möglich oder nicht?

Gefahr für Patienten beim Zahnarzt mit Antibiotika bannen - möglich oder nicht?

© Eric Fahrner / stock.adobe.com

PARIS. Forscher um Sarah Tubiana von der Université Paris Diderot haben untersucht, ob es einen Zusammenhang zwischen infektiösen Endokarditiden durch orale Streptokokken und invasiven zahnmedizinischen Prozeduren gibt. Dazu zählen Manipulationen an der Gingiva und an der periapikalen Zahnregion sowie Eingriffe, bei denen die orale Mukosa perforiert wird (Ausnahme: lokalanästhetische Injektionen). Im Fokus der Kohorten- und Cross-over-Studie standen Patienten mit prothetischem Herzklappenersatz (BMJ 2017; 358: j3776). An der Kohortenstudie waren knapp 139.000 Probanden mit künstlichen Klappen beteiligt. Bei ihnen waren während eines medianen Follow-up von 1,7 Jahren fast 400.000 zahnmedizinische Eingriffe nötig, mehr als 100.000 davon waren als invasiv anzusehen. In etwas mehr als der Hälfte davon wurde eine Prophylaxe mit Antibiotika eingesetzt. 267 Probanden entwickelten während der Nachbeobachtung eine infektiöse Endokarditis mit oralen Streptokokken.

Verglichen mit Zeiten ohne Eingriffe war das Risiko, an infektiöser Endokarditis zu erkranken, in den drei Monaten nach einem invasiven Dentaleingriff im Schnitt um 25 Prozent erhöht. Mit einer antibiotischen Prophylaxe lag die Häufigkeit im Mittel um 17 Prozent niedriger, ohne Prävention war sie um 58 Prozent erhöht. Die Konfidenzintervalle über- oder unterschritten aber jeweils den Neutralwert. Somit war keines der Ergebnisse statistisch signifikant.

Etwas anders fielen die Resultate der Cross-over-Studie aus. 648 Patienten mit Klappenprothesen und einer ersten Diagnose einer infektiösen Endokarditis nahmen teil. Es zeigte sich, dass Endokarditiden häufiger dann aufgetreten waren, wenn sich die Patienten in den drei Monaten davor einer invasiven Zahnprozedur unterzogen hatten. Die Rate der Eingriffe lag in diesem Zeitraum bei 5,1 Prozent, in den endokarditisfreien Kontrollzeiträumen hingegen bei 3,2 Prozent. Die Differenz war statistisch signifikant. Ein Nutzen der Antibiotikaprophylaxe war aber auch hier nicht nachzuweisen; die Teststärke der Studie war dafür vielleicht zu gering.

Es sei möglich, dass invasive dentale Eingriffe zu infektiösen Endokarditiden bei Erwachsenen mit Klappenersatz beitrügen, resümieren die Forscher. Vermutlich entstünden die meisten Endokarditiden bei diesen Patienten jedoch aus alltäglichen Bakteriämien, wie sie etwa beim Zähneputzen oder Kauen aufträten. Speziell die Rolle der antibiotischen Prophylaxe vor zahnärztlichen Eingriffen müsse in Studien mit höherer Teststärke untersucht werden.

Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie empfiehlt eine antibiotische Endokarditisprophylaxe vor zahnärztlichen Eingriffen nur für Höchstrisikopatienten – wozu Träger von Klappenprothesen allerdings zählen – und nur für solche invasiven Prozeduren, wie sie auch in der französischen Studie definiert waren. Eingesetzt werden dabei Amoxicillin oder Ampicillin (2 g oral oder i.v.) oder im Fall von Allergien Clindamycin (600 mg oral oder i.v.) als Einzeldosis 30 bis 60 Minuten vor der Intervention.

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