Erfahrungen eines Neurologen

Wenn Alzheimer nach frisch gebackenem Brot riecht

Erst lässt der Geruchssinn nach, dann treten plötzlich Phantosmien auf – ein US-Neurologe berichtet über seine beginnende Alzheimerdemenz, und weshalb die frühe Diagnose für ihn besonders wichtig war.

Von Thomas Müller Veröffentlicht: 19.03.2019, 11:55 Uhr
Wenn Alzheimer nach frisch gebackenem Brot riecht

Der Geruch von frischem Brot ist unververkennbar – und kann in seltenen Fällen bei einer beginnenden Alzheimerdemenz als Phantosmie auftreten.

© contrastwerkstatt /stock.adobe.com

PORTLAND. Bei den ersten Duftattacken roch es nach einer Mischung aus frisch gebackenem Brot, kombiniert mit einem Parfum, später dominierte eine zitrusähnliche Note, schreibt der Neurologe Dr. Daniel Gibbs aus Portland in den USA (JAMA Neurol 2019; 76: 249).

Mal wurde der Arzt nur wenige Minuten von den Phantosmien heimgesucht, mal dauerten sie bis zu einer Stunde. Zunächst traten sie ohne erkennbare Trigger mehrmals im Monat auf, dann jedoch immer seltener, bis sie nach über zehn Jahren ganz verschwanden.

Ein Jahr vor Beginn der Duftattacken hatte Gibbs bereits erkannt, dass er schwache Düfte kaum mehr wahrnehmen konnte.

Zu diesem Zeitpunkt war er 55 Jahre alt. Aufgrund des schwindenden Geruchssinns befürchtete er, dass er an Parkinson erkranken könnte, und nahm eine genealogische DNA-Untersuchung fünf Jahre später zum Anlass, nach Parkinson-assoziierten Genen zu schauen.

Dabei wurde er jedoch nicht fündig, vielmehr offenbarte die Analyse, dass er in beiden Chromosomensätzen das ApoE4-Allel trug. ApoE4- homozygote Personen haben ein rund zwölffach erhöhtes Alzheimerrisiko, 90 Prozent von ihnen sind im Alter zwischen 70 und 80 Jahren demenzkrank.

Schwierigkeiten, sich Namen zu merken

„Ich war schockiert, zwei Kopien des Allels bei mir zu entdecken. Zu diesem Zeitpunkt habe ich noch keine kognitiven Einschränkungen bemerkt“, schreibt Gibbs, der neben seiner praktischen Arbeit auch Neurologie unterrichtete. Auch sei ihm kein Zusammenhang zwischen Alzheimer und Riechstörungen bekannt gewesen.

Ein Jahr später stellte er jedoch leichte kognitive Defizite fest. Er konnte sich die Telefonnummer seines neuen Büros kaum merken, ebenso wenig die Namen mancher Kollegen. „Vermutlich hätte ich diese Probleme gar nicht bemerkt oder schlicht ignoriert, wäre mir mein ApoE4-Status nicht bekannt gewesen.“

Mit 62 Jahren hörte er schließlich auf zu arbeiten und nahm an Alzheimerstudien teil, darunter einer Beobachtungsstudie, bei der sein Gehirn per Amyloid-PET, Tau-PET und FDG-PET untersucht wurde.

Alle Befunde waren positiv und stützten den Verdacht auf eine Alzheimererkrankung im frühen Stadium. Zudem beteiligte er sich als Patient an einer Studie mit einem Anti-Amyloid-Antikörper.

In seiner Familie habe es eigentlich kaum Alzheimererkrankungen gegeben, bemerkt der Neurologe. Die meisten älteren Verwandten seien recht früh an anderen Ursachen gestorben. Daher sei er überrascht gewesen, homozygot für ApoE4 zu sein.

"Ich treibe täglich Sport"

Zu Beginn hatte ihn die Aussicht, an Alzheimer zu erkranken, sehr geängstigt. Anderseits gaben ihm die PET-Untersuchungen die nötige Gewissheit, um sein Leben neu zu ordnen.

Er ergänzte seine Patientenverfügungen und Vollmachten um detaillierte Beschreibungen, wie Ärzte und Angehörige im späten Stadium der Erkrankung verfahren sollten, und klärte seine finanziellen Angelegenheiten. „Für mich war es letztlich sehr hilfreich, dass meine Alzheimerpathologie so früh erkannt wurde“, gibt er zu.

Der frühe Befund ermunterte ihn zudem, seinen Lebensstil zu ändern, um die Erkrankung vielleicht etwas zu bremsen: „Ich treibe täglich Sport, ernähre mich mediterran, lese zwei Bücher pro Woche, wenngleich ich das meiste davon nach einigen Wochen wieder vergessen habe. Ich schreibe Listen und benutze Gedächtnisstützen, um mir wichtige Namen zu merken. Ich versuche, intellektuell und sozial aktiv zu sein.“

Ferner erzählt er Studenten über seine Erfahrungen mit der Erkrankung und ermuntert andere Patienten, an Alzheimerstudien teilzunehmen. „Abgesehen davon, dass ich nicht mehr als Neurologe arbeiten kann, war das frühe Alzheimerstadium bislang gar nicht so schlimm. Ich hoffe, dass ich noch weitere fünf bis zehn Jahre habe, bevor das fortgeschrittene Stadium beginnt.“

13 Jahre nach den ersten olfaktorischen Symptomen erreicht er beim Mini-Mental-Status-Test noch immer die maximale Punktzahl. „Aber das liegt auch daran, dass ich den Test längst auswendig kenne, nachdem ich ihn meinen Patienten über viele Jahre hinweg fast täglich vorgelegt habe.“

Einstellung gegenüber der frühen Diagnose verändert

Die Krankheit hat offenbar auch seine Einstellung gegenüber der frühen Diagnose verändert. „Zu Beginn meiner ärztlichen Laufbahn wollte ich eine Demenzdiagnose bei Patienten mit kognitiven Beschwerden so lange wie möglich vermeiden. Damals, noch vor der Einführung der Cholinesterasehemmer, gab es schließlich nichts, was wir ihnen anbieten konnten. Ich denke, diese Einstellung ist nicht länger haltbar.“

Gibbs verweist darauf, dass eine frühe Diagnose, wie sie heute möglich ist, den Patienten hilft, ihr restliches Leben besser zu gestalten. In nicht allzu ferner Zukunft könnte eine frühe Diagnose auch die Voraussetzung dafür sein, die Erkrankung zu bremsen.

„Ich glaube ganz stark, dass sich die erste krankheitsmodifizierende Therapie an Patienten in sehr frühen Stadien richten wird, vielleicht sogar an solche, die noch keine kognitiven Veränderungen bemerken.“

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