Wenn das Hirn in die Reha kommt

In der physiotherapeutischen Rehabilitation von Menschen mit Gehirn- und Nervenkrankheiten gibt es einen Paradigmenwechsel. Heute gilt: aktiv statt passiv, zum Beispiel mit Spiegeltherapie, Trainingstherapie mit Vibrationsplatten, mentalem Training und Video-Feedback.

Von Thomas Meißner

Bei der Schlaganfall-Rehabilitation steht im Vordergrund der Physiotherapie, die Alltagsfunktionen des Patienten wieder herzustellen.

Bei der Schlaganfall-Rehabilitation steht im Vordergrund der Physiotherapie, die Alltagsfunktionen des Patienten wieder herzustellen.

© Jochen Tack / imago

Früher wurde Patienten mit Multipler Sklerose (MS) eher zu körperlicher Schonung geraten, allenfalls zu leichten körperlichen Übungen angeregt, und es wurde schon in einem sehr frühen Krankheitsstadium ein Rollstuhl verordnet. Heute werden MS-Patienten viel stärker gefordert.

"Und zwar bis an ihre Leistungsgrenze", sagt Sabine Lamprecht, die seit 22 Jahren in Kirchheim/Teck in Baden-Württemberg eine eigene Physiotherapie-Praxis betreibt. Auf der Medica wird die erfahrene Therapeutin speziell über neue Entwicklungen in der Neurophysiotherapie sprechen.

Auf dem Laufband gehen, auch mit Steigungen und hohem Tempo, Arbeiten mit Gewichten und Widerständen, Muskelketten an Kletterwänden aktivieren - es gibt einen klaren Dosis-Wirkungseffekt: Viel Training bringt auch viel, so die wissenschaftlichen Erkenntnisse der vergangenen Jahre.

"Natürlich erfolgt das stets angepasst an die individuellen Erfordernisse und Grenzen", so Lamprecht. Die Patienten werden motiviert, soweit möglich auch selbst regelmäßig etwas für ihre körperliche Fitness zu tun, etwa Nordic Walking zu betreiben.

In Studien ist nachgewiesen worden, dass Kraft- und Ausdauertraining sich bei MS-Kranken positiv auf den Krankheitsverlauf auswirken. Vorhandene Muskelspastiken werden reduziert, Gelenk- und Körperfunktionen verbessern sich, die Patienten kommen besser im Alltag zurecht als vorher.

Und dies hat letztlich günstige Auswirkungen auf die Lebensqualität. "Die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und die Lebensqualität haben wir heute viel stärker im Fokus als früher", sagt Lamprecht.

Ganz ähnlich sieht es in der Rehabilitation von teilweise gelähmten Schlaganfall-Patienten aus. "In der Vergangenheit wurde vielfach passiv beübt, nur der Rumpf, die Schulter gelockert. Heute hingegen wird zum Beispiel forciert das Gehen trainiert", schildert Lamprecht den Fortschritt.

Zum Training gelähmter Arme oder Beine werden speziell entwickelte Geräte genutzt wie zum Beispiel Laufbänder, Oberkörper-Ergometer bis hin zu robotergestützten Therapien mit aktivitätsgesteuerter Elektrostimulation bestimmter Muskelgruppen. Die Geräte ermöglichen ein sehr effektives Üben sowie eine hohe Trainingsintensität.

Im Vordergrund steht dabei die Alltagsfunktion, weniger die Qualität einer Bewegung - auch dies ein Unterschied zur Übungsphilosophie früherer Zeiten.

Neue Erkenntnisse der Hirnforschung finden zudem ihren Niederschlag in der Therapie bei Schlaganfall, etwa mit der Spiegeltherapie. Der Patient bewegt vor einem Spiegel seinen gesunden Arm und muss sich dabei vorstellen, er bewege den gelähmten Arm. Dadurch werden im Hirn Lernprozesse stimuliert.

"Es erscheint zunächst unglaublich, aber damit kann die Armfunktion tatsächlich verbessert werden", so die Erfahrungen der Kirchheimer Physiotherapeutin.

Ein weiteres Konzept heißt CIMT (Constrained Induced Movement Therapy). Dafür wird zum Beispiel der nicht gelähmte Arm mit einer Schiene ruhig gestellt.

Der gelähmte Arm wird so verstärkt gefordert. Bewegungen der gesunden Seite werden bewusst unterbunden, um letztlich das Potenzial des Hirns auszuschöpfen, neue Verschaltungen zu knüpfen und Veränderungen bisheriger Bewegungsmuster anzustoßen.

"Die wissenschaftlichen Kenntnisse zu vielen neuen Methoden haben sich sehr verbessert", sagt Lamprecht. Gerade mit der Einführung von Reha-Geräten verändert sich auch das Berufsbild der Physiotherapeuten. Sie werden vermehrt zu Beratern und Instrukteuren des zunehmend autonom übenden Patienten.

"Wir erleben eine spannende Zeit des Wechsels", so Lamprecht. Eine Zeit, die allerdings in Deutschland nicht überall angebrochen ist. Denn diese modernen Therapiekonzepte sind bei den gesetzlichen Krankenkassen noch nicht angekommen. Sie erstatten bislang nicht die Kosten für die Krankengymnastik mit Geräten bei neurologisch erkrankten Patienten.

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