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Hintergrund

Wie lange Demenz-Kranke Antipsychotika brauchen, muss regelmäßig gecheckt werden

Psychische Symptome und Verhaltensstörungen Demenz-Kranker belasten auch pflegende Angehörige. Und sie sind häufig der Anlass für die Aufnahme der Kranken in ein Heim. Mit welchen Therapien kann hier eingegriffen und gegengesteuert werden?

Dr. Marlinde LehmannVon Dr. Marlinde Lehmann Veröffentlicht:
Psychosoziale und medikamentöse Therapien können Demenz-Symptome lindern, die sonst oft zur Heimaufnahme führen.

Psychosoziale und medikamentöse Therapien können Demenz-Symptome lindern, die sonst oft zur Heimaufnahme führen.

© Klaro

Angst, Aggressionen, verminderter Antrieb oder Halluzinationen - solche nicht-kognitiven Störungen bei Demenz-Kranken sind gut bekannt.

Umwelteinflüsse und subjektives Erleben der Demenz-Kranken können sie auslösen und aufrecht erhalten, erinnern Professor Frank Jessen und Dr. Annika Spottke vom Uniklinikum in Bonn (Der Nervenarzt 2010; 7: 815). Deshalb sollte der erste Schritt in der Therapie sein, zu versuchen, solche Faktoren zu identifizieren und - wenn möglich - Veränderungen herbeizuschaffen.

Psychosoziale Interventionen seien auch deshalb wichtig, da Arzneien oft nur begrenzt wirkten und natürlich das Risiko unerwünschter Effekte hätten.

Werden psychosoziale Umgebungsfaktoren verändert, lassen sich auch Antipsychotika einsparen. Die Bonner Kollegen erinnern an eine Studie in zwölf Pflegeeinrichtungen mit 346 Demenz-Patienten, in der durch ein zehnmonatiges Programm verstärkter psychosozialer Maßnahmen der Anteil von Bewohnern, die Antipsychotika erhielten, von 42 auf 23 Prozent reduziert wurde.

In der Kontrollgruppe blieb der Anteil der Patienten mit Antipsychotika quasi konstant (Veränderung von 50 auf 47 Prozent).

Verhaltensstörungen bei Demenz - Tipp zur Therapie

Bei Depression als affektive Störung sind Clomipramin, Sertralin, und Fluoxetin wirksam, berichten Professor Dr. Frank Jessen und Dr. Annika Spottke aus Bonn (Der Nervenarzt 2010; 7: 815). Hinweise auf einen Effekt gebe es für Moclobemid, Citalopram; zur Therapie bei Angstsymptomen seien bisher keine spezifischen Studien publiziert.

Bei Hyperaktivität (unter anderem Agitation, Aggression, Enthemmung, gesteigerte Psychomotorik): Hinweise für Effekt von Memantine bei agitiertem Verhalten. Risperidon wirkt bei Aggressivität und Agitation, Aripiprazol bei Agitation, und Haloperidol bei Aggressionen. Weiterhin gibt es positive Daten zu Carbamazepin bei ungenügendem Effekt von Antipsychotika und zu Citalopram bei agitiertem Verhalten sowie zu Risperidon bei repetitiven Bewegungen und scheinbar ziellosem Umhergehen. Bei psychotischen Symptomen (unter anderem Wahn, Halluzination, nächtliche Unruhe) ist Risperidon zugelassen; positive Daten gibt es für Aripiprazol in 10-mg-Dosierung und für Haloperidol. Bei Apathie (verminderter Antrieb und Initiative) gebe es keine Pharmakotherapie, die durch ausreichende Evidenz belegt sei und zu empfehlen sei, so Jessen und Spottke.

Eine Pharmakotherapie könne indiziert sein als zusätzliche Maßnahme bei mangelnder Wirkung oder mangelnder Verfügbarkeit psychosozialer Interventionen, und initial unter Umständen bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung. Aus dem Medikamenten-Pool kommen dabei mehrere Substanzgruppen infrage.

Nach bisher vorliegenden Studien leite sich eine schwache Wirksamkeit von Donepezil und Galantamin auf psychische Symptome und Verhaltensstörungen bei leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz ab, sowie für Memantine bei moderater bis schwerer AlzheimerDemenz, so Jessen und Spottke. Rivastigmin wirke speziell bei Parkinson- und Lewy-Körperchen-Demenz auf solche Symptome.

Reichen psychosoziale Intervention und Antidementiva nicht, kommt eine psychotrope Medikation infrage. Dabei sollten Arzneien mit anticholinerger und sedierender Wirkung vermieden, pharmakologische Interaktionen und etwa Dosierungen besonders beachtet werden.

Es gebe Hinweise, erinnern Jessen und Spottke, dass Antipsychotika bei Demenz-Kranken mit einem um den Faktor 1,25 bis 1,55 erhöhtem Mortalitätsrisiko assoziiert sind. Konsistente Hinweise für einen Unterschied zwischen den Gruppen von Antipsychotika gebe es aber nicht.

Ferner seien Antipsychotika mit einem erhöhten Risiko für zerebrovaskuläre Ereignisse bei Demenz verknüpft. Und es bestünden bekannte Risiken wie das Auftreten von extrapyramidalen, kardialen oder orthostatischen Nebenwirkungen besonders bei Demenz-Patienten. Wichtig sei, die Notwendigkeit von Antipsychotika regelmäßig zu überprüfen. Bei Parkinson-Demenz, Lewy-KörperchenDemenz und verwandten Krankheiten verschlechterten sich unter Antipsychotika Beweglichkeit und Vigilanz oft deutlich.

Eine Therapie mit Benzodiazepinen ist bei Demenz-Patienten nach Angaben der beiden Bonner Kollegen problematisch wegen negativer Effekte auf die Kognition, der Sturzgefahr, möglicher paradoxer Reaktionen und des Abhängigkeitspotenzials, das bei plötzlichem Absetzen mit der Gefahr eines Delirs verknüpft ist. Allenfalls kämen Einzeldosen kurzwirksamer Präparate in Betracht.

Für Antidepressiva und Antikonvulsiva gibt es keine Hinweise für spezifische Nebenwirkungen bei Demenz-Kranken. Bei allen Substanzen raten die beiden Bonner Kollegen zunächst eine niedrigere Dosierung zu wählen als bei jüngeren Patienten.

Nimmt man Alzheimer-Kranke aller Schweregrade zusammen, lassen sich nach einer europäischen Studie vier Symptomcluster identifizieren, die - je nach Cluster - bei 38 bis 65 Prozent der Studienteilnehmer erkennbar waren: affektive Symptome, Hyperaktivität, psychotische Symptome und Apathie. Teilweise liegen mittlerweile Studien vor, die die Wahl der Medikation bei Demenz-Kranken mit solchen Störungen erleichtern.

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