Forschung

COVID-19-Arzneien: Fortschritte, aber kein „Wundermittel“ in Sicht

Ein Medikament, das schwere COVID-19-Verläufe zuverlässig verhindern kann, ist bisher nicht auszumachen. Nach Ansicht von Experten gibt es aber einige Hoffnungsschimmer bei der klinischen Prüfung von Wirkstoffen.

Von Wolfgang GeisselWolfgang Geissel Veröffentlicht:
Sehnsüchtig gewünscht: Eine einfach zu applizierende Arznei, die schwere COVID-19-Verläufe verhindert.

Sehnsüchtig gewünscht: Eine einfach zu applizierende Arznei, die schwere COVID-19-Verläufe verhindert.

© peshkov/stock.adobe.com

Neu-Isenburg. Weil COVID-19 in mehreren Phasen verläuft, werden gleich mehrere, unterschiedliche Wirkstoffe gesucht, haben Experten bei einem Webinar des Science Media Centers (SMC) betont. In der frühen Phase der Erkrankung geht es darum, die enorme Virusvermehrung zu unterdrücken. Das Problem ist nur, dass bei einer Infektion ein Großteil der Viren schon vorhanden ist, bevor Symptome überhaupt auftauchen, wie Professor Ralf Bartenschlager, Leiter der molekularen Virologie am Universitätsklinikum Heidelberg, bei der Veranstaltung berichtet hat. Mit der Virushemmung muss daher früh nach Diagnose begonnen werden. Studiendaten zu dem verfügbaren Virushemmer Remdesivir stammen aber eher aus fortgeschritteneren Verläufen.

Das ebenfalls bisher häufig verwendete Rekonvaleszentenplasma hat sich in Studien bisher nicht als besonders wirksam erwiesen und sollte nicht weiter angewandt werden. Auch die in Prüfung befindlichen monoklonalen Antikörper gegen SARS-CoV-2 müssten früh gegeben werden. Hier sind aber die notwendigen Infusionen ein Hindernis: Diese können meist nicht ambulant, etwa im Pflegeheim, vorgenommen werden. So seien von den von der Bundesregierung beschafften und bisher nicht offiziell zugelassenen Antikörper-Präparaten bisher nur 20 Prozent genutzt worden.

Mehrere vielversprechende Kandidaten

Auch wegen der Kosten kommen für solche Präparate vor allem hochgradig gefährdete Menschen mit Infektionsverdacht oder in frühen Krankheitsstadien infrage, etwa Hochbetagte oder Krebskranke. Gesucht wird daher ein Wirkstoff, der sich als Tablette oder via Inhalation leicht anwenden lässt. Als möglichen Kandidaten nennt Bartenschlager hier das Nukleosidanalogon Molnupiravir vom US-Unternehmen Merck, das bereits in Phase III geprüft wird.

Die Substanz stammt aus der Forschung gegen Influenza sowie gegen MERS und SARS-1 und könnte vielleicht sogar als Breitband-Coronavirustatikum genutzt werden. Vielversprechend sei zudem ein bisher namenloser experimenteller Proteasehemmer von Pfizer. Dieser habe sich in-vitro als sehr wirksam gezeigt, werde aber bisher nur in Phase I geprüft.

Problem: Resistenzbildung

Bei beiden Präparaten seien die weiteren Studienergebnisse abzuwarten. Der Virologe hob hierbei auch die Bedeutung der Resistenzbildung bei Virustatika hervor. Bei neuen Wirkstoffen gegen Influenza seien zum Beispiel schon an einem Tag nach Therapie resistente Erreger von Patienten isoliert worden.

Bei schwerkranken COVID-19-Patienten hat sich zudem der Anti-GM-CSF-Antikörper Otilimab von GSK als vielversprechend erwiesen, fügte der Intensivmediziner Professor Stefan Kluge vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf bei dem Webinar hinzu. Dieser wird aktuell in Phase II geprüft.

Eine sorgfältige Prüfung von COVID-Arzneikandidaten vor Anwendung sei essenziell, betonten beide Experten. Bartenschlager nannte das Negativ-Beispiel Chloroquin. Dieses sei durch überhastete Schlüsse aus dem Zelllabor weitgehend ungeprüft als wirksame Option propagiert worden. Bis sich die Unwirksamkeit in vielen Studien herausgestellt hat, wurden viel Zeit und Geld verschwendet und auch Patienten gefährdet.

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