Augenärzte berichten

Corona-Ansteckung wohl nicht übers Auge

Eine SARS-CoV-2-Infektion über die Augenoberfläche erscheint unwahrscheinlich, berichten Augenärzte. Dennoch sei ein Augenschutz für medizinisches Personal im Umgang mit COVID-19-Patienten ratsam, heißt es bei der Jahrestagung der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG).

Von Dr. Thomas MeißnerDr. Thomas Meißner Veröffentlicht: 09.10.2020, 15:28 Uhr
Zeichen einer Konjunktivitis hatten nur drei Prozent von 2000 COVID-19-Patienten. Dies spricht Experten zufolge gegen einen relevanten Infektionsweg über die Bindehäute.

Zeichen einer Konjunktivitis hatten nur drei Prozent von 2000 COVID-19-Patienten. Dies spricht Experten zufolge gegen einen relevanten Infektionsweg über die Bindehäute.

© domaskina / stock.adobe.com

Heidelberg. COVID-19-Patienten haben nur selten eine Konjunktivitis und die Wahrscheinlichkeit einer Infektion mit SARS-CoV-2 über die Augenoberfläche sei unwahrscheinlich, hieß es zu Beginn der virtuellen Jahrestagung der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG).

Gleichwohl sei ein Augenschutz für Personal mit engem Kontakt zu COVID-19-Patienten „dringend zu empfehlen“, erklärte Professor Clemens Lange vom Universitätsklinikum Freiburg.

Lange verwies auf Studien mit mehr als 2000 COVID-19-Patienten, von denen lediglich drei Prozent Zeichen einer Bindehautentzündung aufgewiesen haben. Dies spreche gegen einen relevanten Infektionsweg über die Bindehäute, zumal es sich bei den beobachteten Konjunktivitiden auch um Epiphänomene im Zuge der intensivmedizinischen Behandlung gehandelt haben könnte.

Bindehaut ist wenig relevante Eintrittsstelle

Weiterhin haben histologische Untersuchungen bei an COVID-19 Verstorbenen in Bonn, Basel und Tübingen weder relevante Bindehautentzündungen, noch Anzeichen für das Vorkommen oder die Replikation von SARS-CoV-2 ergeben.

Lange: „Ich deute die aktuelle Studienlage so, dass die Bindehaut im Vergleich zu anderen Geweben wie der Lunge eine wenig relevante Eintrittsstelle und ein wenig relevanter Replikationsort für SARS-CoV-2 darstellt.“

Andererseits wird noch immer kontrovers diskutiert, inwiefern auf der Horn- und der Bindehaut des Auges molekulare Eintrittspforten für das Virus vorhanden sind oder nicht. Es ist bis heute nicht ausgeschlossen, dass außer ACE (Angiotensin Converting Enzyme)-2-Rezeptoren weitere Rezeptoren existieren.

Schutzbrillen bei Kontakt mit Patienten

Grundsätzlich ist es denkbar, dass Viren, die über Aerosole den Tränenfilm von Gesunden erreichen, über die ableitenden Tränenwege Zugang zur Nasenschleimhaut und den Atemwegen erhalten und so eine Infektion respiratorischer Epithelien auslösen. Jedoch bleibt unklar, inwiefern durch Reiben der Augen mit kontaminierten Händen eine Ansteckung tatsächlich möglich ist.

Tests von über 400 Tränenfilmproben auf virale RNA waren in lediglich zwei Prozent positiv – ein Befund, der zudem nicht gleichgesetzt werden dürfe mit dem Vorhandensein infektiöser Viruspartikel, sagte der Freiburger Augenarzt. „Aufgrund des schützenden Lidschlages und der kleinen Augenoberfläche dürfte ein rein okulärer Infektionsweg eine untergeordnete Rolle spielen.“

Da nach wie vor nicht alle Fragen in diesem Zusammenhang wissenschaftlich geklärt sind, empfiehlt die DOG Personal bei engem Kontakt mit COVID-19-Patienten weiterhin das Tragen von die Augen umschließenden Schutzbrillen oder ähnliche Schutzvorkehrungen. Dagegen gibt es keinerlei Evidenz dafür, dass das Tragen von Augenschutzbrillen im öffentlichen Leben erforderlich ist.

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