Corona-Pandemie

Gab es eine Triage in Sachsen? Das bleibt unklar

Offiziell bestätigen mag die Aussage eines Zittauer Oberarztes niemand, dort müsse bereits die Triage angewendet werden. Dennoch: Statistiken zeigen die dramatische Corona-Situation in den sächsischen Kliniken.

Von Sven EichstädtSven Eichstädt Veröffentlicht:
Nach den Triage-Äußerungen eines Mediziners aus Zittau hat das Klinikum Oberlausitzer Bergland bestätigt, dass die Corona-Lage dort kritisch ist.

Nach den Triage-Äußerungen eines Mediziners aus Zittau hat das Klinikum Oberlausitzer Bergland bestätigt, dass die Corona-Lage dort kritisch ist.

© Daniel Schäfer/dpa

Dresden. Die äußerst angespannte Lage in den sächsischen Kliniken bei der Behandlung von COVID-19-Patienten spitzt sich weiter stark zu.

Die Infektionszahlen und nachfolgend die Zahlen der schwer Erkrankten in allen Regionen des Freistaats steigen enorm. Die Sieben-Tage-Inzidenzwerte erreichen täglich neue Höchststände: In sieben der zehn Landkreise Sachsens lagen sie am Donnerstag bei Werten von mehr als 500 oder gar 600.

Für ganz Sachsen gibt das Sozialministerium einen Wert von 415 an, wieder ein neuer trauriger Rekordwert. Zum Vergleich: Für Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein vermeldet das RKI für denselben Tag Werte zwischen 91 und 97.

Sachsen hat außerdem den größten Anteil an COVID-19-Patienten bei der Belegung der Intensivbetten: In 37,5 Prozent der Betten auf den Intensivstationen werden laut DIVI-Intensivregister Corona-Erkrankte versorgt. In Schleswig-Holstein beträgt dieser Anteil ein Zehntel des sächsischen Werts, nämlich 3,5 Prozent. Hinzu kommt, dass die Zahl der verfügbaren Intensivstationen in Sachsen sehr gering ist, die DIVI beziffert den Anteil auf zwölf Prozent.

Personalausfälle zwischen 30 bis 40 Prozent

Zugleich fehlt es an Personal in den Kliniken. Sozialministerin Petra Köpping (SPD) berichtete, sie höre von „Einrichtungen mit Personalausfällen zwischen 30 bis 40 Prozent“. Dirk Balster, Kaufmännischer Geschäftsführer des Klinikums Chemnitz und Koordinator für die Region Südwestsachsen, sagt, „mittlerweile fällt statistisch täglich fast jeder dritte Mitarbeiter in unserem Haus für die Dienstplanung aus.“

Das Klinikum Chemnitz als kommunales Krankenhaus ist neben den beiden Universitätsklinika Dresden und Leipzig einer der drei Maximalversorger in Sachsen, die als Leitstellen und Koordinatoren für die Versorgung und Verteilung der Corona-Kranken zuständig sind.

Sie sollen die COVID-Patienten zunächst so innerhalb der jeweiligen Region Chemnitz, Dresden und Leipzig verteilen, dass kein Krankenhaus überlastet ist. Wenn das nicht mehr ausreicht, folgt die Verlegung auch zwischen den drei unterschiedlichen Clustern.

Der stellvertretende Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Sachsen, Friedrich R. München, berichtet davon, dass „das Universitätsklinikum Leipzig in den letzten Wochen Patienten aus Ostsachsen und dem Chemnitzer Raum übernommen“ habe. Da dies mitunter auch nicht mehr ausreicht, gab es nun inzwischen bereits Verlegungen in das Nachbarland Brandenburg, wie München bestätigt. Dr. Christian Kleber, Leiter der Corona-Krankenhausleitstelle Dresden/Ostsachsen, ergänzt, dass dies bei „Patienten aus ostsächsischen Landkreisen bereits mehrfach notwendig“ gewesen sei.

Verteilung gemäß Kleeblattstrategie

Für die beiden Regionen Chemnitz und Leipzig war dies nach Angaben des Klinikums Chemnitz und des Universitätsklinikums Leipzig bisher noch nicht erforderlich. Kleber fügt hinzu, dass die Patienten nach der Kleeblattstrategie der Bundesregierung verteilt würden. Neben Sachsen sind Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen in einem Kleeblatt vereint.

Erschwerend kommt in Sachsen außerdem hinzu, dass ein Ärztlicher Leiter eines Klinikums in Ostsachsen davon berichtet hatte, dass schon die Triage habe angewandt werden müssen. Dr. Mathias Mengel, Ärztlicher Direktor des Klinikums Oberlausitzer Bergland in Zittau, äußerte in einem Online-Bürgerforum: „Wir sind in die Notsituation geraten, dass wir überlegen mussten, welcher dieser Patienten bekommt jetzt noch die Sauerstoffbeatmung, wer bekommt noch Sauerstoffgeräte und für wen ist es nicht mehr vorhanden.“

Eine Recherche der „Ärzte Zeitung“ ergab, dass zwar keine Stelle diese Aussage Mengels offiziell bestätigt, aber auch niemand sie bestreitet oder widerruft. Das Klinikum selbst veröffentlichte eine Pressemitteilung, die wiedergibt, dass ihr Ärztlicher Leiter diese Äußerungen getätigt habe, aber im Folgenden nicht weiter darauf eingeht, sondern schildert, wie angespannt die Lage in Zittau sei.

„Eine Warnung, ein Weckruf“

Sozialministerin Köpping dementiert die Triage ebenfalls nicht. Sie verwendet die Sprachregelung, sie habe die „Äußerung als Warnung, als Weckruf verstanden, dass sie dort bald nicht mehr wissen, wie sie alle Patienten versorgen können und dass wir alle die Schwere der Situation begreifen“.

Der für die Region Zittau zuständige Koordinator Kleber vom Universitätsklinikum Dresden sagt, er kommentiere „keine Aussagen anderer Krankenhäuser und Ärzte“. Die Krankenhausgesellschaft Sachsen unternimmt den Versuch, die Äußerung Mengels als „Missverständnis“ einzustufen. Worin das Missverständnis bestanden habe, erläutert Vize-Chef München nur ausweichend.

Die Brisanz der Lage verdeutlicht eine weitere Zahl: Im wöchentlichen Corona-Report der Kassenärztlichen Bundesvereinigung wird die Vorwarnzeit bis zum Erreichen der stationären Behandlungskapazitäten für Sachsen aktuell mit fünf Tagen angegeben. In Mecklenburg-Vorpommern beträgt sie hingegen 51 Tage.

Ein Sprecher des Sozialministeriums sagt dazu nur, das Ministerium könne „keine Prognose dazu abgeben, ob und gegebenenfalls wann die Kapazitäten an den Krankenhäusern im Freistaat erschöpft sein werden“.

An Weihnachten die weiße Fahne?

Der für das Cluster Leipzig zuständige Koordinator Professor Christoph Josten hatte vergangene Woche gesagt, wenn die Entwicklung der Infektionszahlen in Sachsen so weitergehe, „müssen wir zu Weihnachten die weiße Fahne hissen“. Zugleich hatte er auf die Schwierigkeiten bei der Verlegung in andere Bundesländer hingewiesen, da dafür spezielle Rettungswagen und Hubschrauber nötig seien, deren Zahl beschränkt sei.

Geschäftsführer München sagt, in der Region Dresden sollten ein Rettungshubschrauber und ein Krankenwagen für Verlegungen von COVID-Intensivpatienten zur Verfügung stehen. Diese Information sei „allerdings schon über eine Woche alt“.

Im Gebiet Chemnitz sei für Intensivpatienten ein Rettungswagen zusätzlich ertüchtigt worden. „Ursprünglich gab es in Sachsen für infizierte Intensivpatienten ein Transportfahrzeug“, berichtet München. „Ich gehe aber davon aus, dass derzeit weitere Kapazitäten geschaffen werden.“

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