Digitalgipfel in Hannover

Gesundheitsdaten: Gesellschaftliches Interesse sollte im Vordergrund stehen

Niedersächsische Forscher haben sich dafür ausgesprochen, beim Datenschutz stärker den Nutzen von Patientendaten zu betonen. Künstliche Intelligenz könne in der Medizin inzwischen eine ganze Menge.

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In Deutschland ist der Umgang mit Gesundheitsdaten stets von der Datenschutz-Debatte geprägt.

In Deutschland ist der Umgang mit Gesundheitsdaten stets von der Datenschutz-Debatte geprägt.

© everythingpossible / stock.adobe.com

Hannover. Auf dem 6. Niedersächsischen Digitalgipfel am Mittwoch in Hannover haben sich die Referenten dafür ausgesprochen, beim Datenschutz das gesellschaftliche Interesse an den Gesundheits-Daten stärker in den Vordergrund zu stellen.

Durch den Einsatz künstlicher Intelligenz in der Krankenversorgung fallen Unmengen von Daten an. Während andere Länder wie selbstverständlich auf diese Patientendaten zurückgreifen, etwa in England, ist der Datenschutz in Deutschland weitaus regider, sagte der Jurist und Ethiker, Professor Nils Hoppe von der Leibniz-Universität in Hannover.

Man müsse mit Rückgriff auf Radikalenerlass und die Volkszählung auf fast jeder internationalen Konferenz „the german problem“ mit dem Datenschutz und der informationellen Selbstbestimmung erklären, sagte Hoppe. Seine Frage: „Wie kommen wir von einer informationellen Selbstbestimmung zu einer datengetriebenen Medizin für alle?“

Nutzen steht und fällt mit der Datenmenge

Längst könne die künstliche Intelligenz eine ganze Menge, zum Beispiel EKGs auswerten, hatte Professor Nils Strodthoff von der Universität Oldenburg zuvor dargelegt. „Maschinenaugen können ein 1-Kanal-EKG bereits auf dem Level eines Kardiologen lesen und auswerten“, so Strodthoff.

An manchen Stelle können die Algorithmen-gesteuerte Maschinen zukünftig sogar mehr: Anhand des EKGs die Pumpkraft des Herzens vorhersehen, Diabetes und Lebererkrankungen diagnostizieren. Auch könne die Maschine aus dem EKG das Lebensalter des untersuchten Patienten auf fünf Jahre genau herauslesen, sagte Strodthoff.

Retina-Scans zeigen Nieren- oder Herzleiden, wenn die KI nur genau genug hinschaut. „Es gibt da sehr viele Anwendungsbereiche in der Medizin“, sagte Strodthoff.

Allerdings steht und fällt der Nutzen mit der Menge der Daten. Und je mehr es werden, umso leichter werde der einzelne Patient aus dem Meer der Daten heraus zu fischen sein. „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“ räumte der Oldenburger Professor denn auch ein, „der einzelne Patient wird auffindbar und wieder erkennbarer.“

Indessen müsse die Privatsphäre unbedingt gewahrt bleiben, man stehe erst am Anfang eines sehr komplexen Themas, hieß es. Zudem müsse die Vorhersagen mit größerer Sicherheit getroffen werden. „Außerdem wollen wir den Ärzten mehr an die Hand geben als nur die Vorhersagen. Es geht hier um die Erklärbarkeit der Daten, hier braucht es mehr Zusatzinformationen für die Ärzte“, sagte Strudthoff.

Datengetriebene Medizin für alle?

Der Jurist und Ethiker Hoppe betonte das gesellschaftliche Interesse an einer guten KI in der Versorgung und skizzierte zugleich das Dilemma von KI in der Medizin: „Erst wenn sich eine neue Technik, zu der uns noch die vollständigen Informationen fehlen, verbreitet hat, wissen wir, wie wir die negativen Begleiterscheinungen beherrschen können oder eben nicht. Dann kann das Kind aber schon in den Brunnen gefallen sein.“

Um zu einer datengetriebenen Medizin für alle zu kommen und dem Dilemma zu entgehen, setzt Hoppe auf den direkten Kontakt zu den Betroffenen. „Warum verweisen wir bei neuen Vorhaben so oft routinemäßig auf den Datenschutz, statt die Betroffenen direkt zu fragen: Dürfen wir eure Daten nutzen?“, so Hoppe.

Die UK-Biobank in England etwa hat an die 800.000 Menschen gesamt-phänotypisiert und die Betroffenen immer wieder um weiteren Untersuchungen gebeten. So lange, bis die Organisatoren befürchteten, dass es den Probanden zu viel werden würde. „Die daraus resultierende Zurückhaltung hat Jahre lang die Arbeit der Biobank beeinträchtigt – bis man auf die Idee verfiel, die Probanden direkt zu fragen. Das Ergebnis war erstaunlich: „Die Probanden wollten gerne ihre Daten zur Verfügung stellen und habe sich gewundert, dass sie es so selten tun sollten“, so Hoppe, „das war ein Lehrstück.“ (cben)

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