Schleswig-Holstein

Stadt Brunsbüttel investiert 800.000 Euro in MVZ-Gründung

Bereits im Kommunalwahlkampf 2018 wurde die Sorge um die ambulante Versorgung in Brunsbüttel an der Elbmündung zum Thema. Nun investiert die Stadt in die Gründung einer MVZ-GmbH.

Von Dirk Schnack Veröffentlicht:
Bereiten gemeinsam das hausärztliche MVZ der Stadt Brunsbüttel im Klinikgebäude vor: Thies Brehmer, Dr. Bernward Schröder (beide WKK), Harald Stender (hausärztlicher Koordinator), Dr. Stefan Krüger (niedergelassener Arzt), Bürgermeister Martin Schmedtje, Dr. Thomas Thomsen und Axel Schultz (beide WKK).

Bereiten gemeinsam das hausärztliche MVZ der Stadt Brunsbüttel im Klinikgebäude vor: Thies Brehmer, Dr. Bernward Schröder (beide WKK), Harald Stender (hausärztlicher Koordinator), Dr. Stefan Krüger (niedergelassener Arzt), Bürgermeister Martin Schmedtje, Dr. Thomas Thomsen und Axel Schultz (beide WKK).

© Dirk Schnack

Brunsbüttel. Die Stadt Brunsbüttel gründet ein hausärztliches MVZ und ist bereit, dafür erhebliche Mittel aufzubringen. Allein 800.000 Euro investiert die Stadt in die Gründung der MVZ-GmbH, die wie berichtet ab 2021 mit vier hausärztlichen Sitzen starten will. Für die Folgejahre erwartet Bürgermeister Martin Schmedtje dann keineswegs Gewinne.

„Unser Businessplan sieht mittelfristig noch keine Gewinne vor. Uns ist bewusst, dass die ärztliche Versorgung Geld kostet“, sagte Schmedtje im Gespräch mit der „Ärzte Zeitung“. Er begründete das finanzielle Engagement mit dem Ziel, die hausärztliche Versorgung in Brunsbüttel und im Umland sichern zu müssen: „Es fällt mir schwer, mir eine attraktive Stadt ohne hausärztliche Versorgung vorzustellen.“

Ambulante Versorgung in Gefahr

Das Thema ambulante Versorgung spielte nach seinen Angaben bereits im Kommunalwahlkampf 2018 eine wichtige Rolle bei allen maßgeblichen Parteien in der Schleusenstadt am Nord-Ostsee-Kanal. Nur wenige Tage nach seinem Amtsantritt informierte sich Schmedtje deshalb beim Koordinator des Kreises Dithmarschen für die hausärztliche Versorgung, Harald Stender, über die Optionen.

Die Perspektiven: Neun niedergelassene Ärzte im Ort, die alle innerhalb der kommenden sieben Jahre ihre Tätigkeit beenden wollen. Bei der Mehrzahl von ihnen zeichnete sich bereits ab, dass sie für ihre bestehenden Praxen kaum Nachfolger finden werden. Vier von ihnen bringen deshalb ihren Vertragsarztsitz in das zu gründende MVZ der Stadt ein und werden dort angestellt arbeiten.

Weitere Ärzte haben signalisiert, dass sie sich vorstellen können, nach Beendigung ihrer Tätigkeit ihren Vertragsarztsitz dort ebenfalls einzubringen. Die Hoffnung der Stadtväter: Junge Ärzte lassen sich wegen Anstellung und Teamwork von einer Tätigkeit im MVZ überzeugen.

Professionelles Management gesucht

Das MVZ wird ein professionelles Management erhalten, die Dienstleistung wird europaweit ausgeschrieben. „Wir können uns so auf unsere ärztliche Tätigkeit konzentrieren. In der Praxis stören uns Bürokratie und die Organisation, das wird uns im MVZ abgenommen“, sagt der künftige ärztliche Leiter, Dr. Stefan Krüger. Er ist seit vielen Jahren niedergelassen in Brunsbüttel.

Er und seine Praxispartnerin werden ihre Sitze in das MVZ einbringen. Krüger diskutiert mit seinen niedergelassenen Kollegen viel über die Zukunftsperspektiven und das MVZ. Er beschreibt die Stimmung unter den Kollegen zum Thema MVZ als „kritisch interessiert“.

Insbesondere im Medizinischen Qualitätsnetz Westküste (MGW) gibt nach Krügers Angaben auch Ärzte mit Vorbehalten gegen ein Hausarzt-MVZ. Stenders Argument gegen solche Vorbehalte: Jeder angestellte Arzt im MVZ kann sich mit seinem Vertragsarztsitz jederzeit selbstständig machen. „In anderen MVZ in Schleswig-Holstein weisen wir junge Ärzte immer wieder auf diese Option hin und machen die Zahlen dafür auch transparent“, sagt Stender.

Standort im Krankenhaus

Eine Besonderheit im Vergleich zu anderen MVZ in kommunaler Hand ist der Standort. Das MVZ in Brunsbüttel wird seinen Standort im Krankenhaus haben. Die Stadt mietet dafür 670 Quadratmeter im sechsten Stock im Gebäude des Westküstenklinikums (WKK). Damit ergänzt das hausärztliche Angebot Facharztpraxen, Therapeuten, Tagesklinik und Belegarztpraxen unter dem Dach des kleinen Krankenhauses. „Das ist für uns eine wichtige Ergänzung des Angebots“, sagt Geschäftsführer Dr. Bernward Schroeder von der WKK gGmbH.

Zwar hatte das WKK stets erklärt, sich nicht selbst in der hausärztlichen Versorgung zu engagieren. Als Vermieter für die städtische Einrichtung tritt das WKK dagegen gern auf. Der ärztliche Direktor des WKK-Standortes Dr. Thomas Thomsen erwartet, dass das Angebot unter einem Dach den Weiterbildungsassistenten in der Allgemeinmedizin entgegenkommt.

Er ist überzeugt, auch Kritiker mit den Vorteilen des MVZ unter Klinikdach durch Transparenz über die Pläne überzeugen zu können. „Wir verstehen uns als Partner der niedergelassenen Ärzte. Unser stationäres Angebot endet auf dem dritten Stock.“ Über dieser Etage sind ambulante Versorgungsangebote angesiedelt. Damit hat das Haus schon Mitte der 90er Jahre begonnen.

Auch Bad Bramstedt gründet MVZ

Wie berichtet, startet gleichzeitig mit Brunsbüttel (mehr als 12.000 Einwohner) auch die Stadt Bad Bramstedt (15.000 Einwohner) im kommenden Jahr mit einem MVZ in die ambulante ärztliche Versorgung. Auch dort bringen Praxisinhaber ihre Vertragsarztsitze ein. Stender ist überzeugt, dass diese Entwicklung im Norden weitergehen wird. Er hat bereits Anfragen aus größeren Städten vorliegen, die sich mit dem Gedanken an eine neue Struktur der ärztlichen Versorgung beschäftigen und bereit sind, dafür auch ein wirtschaftliches Risiko einzugehen.

Mehr zum Thema
Kommentare
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden »Kostenlos registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Ein Krankenpfleger schiebt ein Krankenbett durch eine Station. Das Bundesgesundheitsministerium hat Pläne für Ermittlung und Festlegung des Pflegepersonalbedarfs in einem Krankenhaus vorgestellt.

© Daniel Bockwoldt / picture alliance / dpa

Update

Neuer Gesetzentwurf

Personalschlüssel für Klinik-Pflege soll ab 2024 gelten