„Hier will keiner mehr weg“

Wie eine Klinik-Belegschaft die Notaufnahme optimiert hat

Seitdem die Arbeit in der Notaufnahme des Nürnberger Klinikums Süd unter Beteiligung der Beschäftigten neu organisiert wurde, hat sich die Zusammenarbeit deutlich verbessert.

Von Anke Nolte Veröffentlicht:
Das erfolgreiche Team der Notaufnahme: Federführend begleitet wurde das Projekt von Professorin Sabine Brunner (3.v.l.) und Mirjam Häfner (3.v.r.).

Das erfolgreiche Team der Notaufnahme: Federführend begleitet wurde das Projekt von Professorin Sabine Brunner (3.v.l.) und Mirjam Häfner (3.v.r.).

© Klinikum Nürnberg

Nürnberg. Der alltägliche Wahnsinn in einer Notaufnahme: über 250 Patienten am Tag, oft schwer krank oder schwerverletzt, schnellstmögliche Diagnose und Therapie und das bei oft knappen Raumkapazitäten. Vor einigen Jahren führte das in der Notaufnahme des Klinikums Nürnberg Süd – eine der größten in Deutschland – zu einer Überlastung des ärztlichen und pflegerischen Personals.

„Langjährige Mitarbeitende haben gekündigt, die Stellen konnten oft nur mit weniger qualifiziertem Personal nachbesetzt werden, was die Belastungen weiter erhöht hat“, berichtet der Ärztliche Leiter der Notaufnahme, der Intensiv- und Notfallmediziner Dr. Steffen Popp.

Das Projekt „Impulse für Quittendenker“ schuf Abhilfe. Seitdem habe sich extrem viel verändert, sagt Popp. „Wir haben viele Bewerberinnen und Bewerber und einen großen Zusammenhalt im Team. Hier will keiner mehr weg.“

Erfahrung der Mitarbeiter genutzt

Was ist passiert? „Wir haben den Erfahrungsschatz von allen 70 Mitarbeitenden genutzt und unsere Strukturen analysiert“, sagt Mirjam Häfner, stellvertretende pflegerische Stationsleitung sowie Leiterin des Projekts am Klinikum.

Zusammen mit Professor Sabine Brunner, seit 2019 Professorin für Human Resource Management an der FH Erfurt, hat sie das Projekt initiiert. „Im Personal, das vor Ort arbeitet, ist schließlich eine Fülle von Wissen verankert. Es weiß am besten, was nötig und möglich ist.“

In einem „Ideencafé“ – gemeinsam mit Studierenden des Masterstudiengangs Betriebswirtschaft/Human Resources der TH Nürnberg unter der wissenschaftlichen Leitung von Brunner arbeiteten im Jahr 2016 alle beteiligten Berufsgruppen drei Tage lang an Lösungsmöglichkeiten: Pflegefachkräfte, Internisten, Chirurgen, Neurologen, Medizinische Fachangestellte, Seelsorger, Reinigungs- und Hausservice, Auszubildende, Pflegehelfer, Verwaltungsfachkräfte und Notfallsanitäter brachten ihre Perspektive ein.

Nun ist das Projekt mit dem Innovationspreis für interprofessionelle Projekte im Gesundheitswesen 2021 des Springer Medizin Verlags ausgezeichnet worden.

Ein Ziel: Flachere Hierarchien

Ein zentrales Anliegen des „Quittendenker“-Projekts waren flachere Hierarchien. „Es ist heute klar, dass wir uns gegenseitig unterstützen“, sagt Popp. „Wenn eine Ärztin viel zu tun hat, übernimmt zum Beispiel eine MFA ungefragt die Blutabnahme. Aber auch umgekehrt: Ein Arzt ist sich nicht zu schade, mal die Urinflasche zu einem Patienten zu bringen.“

Innovationspreis

  • Das Klinikum Nürnberg wird für sein Projekt „Impulse für Quittendenker“ mit dem Innovationspreis für interprofessionelle Projekte im Gesundheitswesen ausgezeichnet
  • Beim 8. Interprofessionellen Gesundheitskongress von Springer Pflege und Springer Medizin stellt sich das Siegerprojekt in einem kostenfreien Live-Webinar am 21. Juni 2021 von 15 bis 16.30 Uhr vor www.gesundheitskongresse.de.
  • Dem Gewinnerteam winkt ein Medienpaket im Wert von 20.000 Euro, ein Geldpreis in Höhe von 2000 Euro sowie die Möglichkeit, ein Jahr lang im Fachbeirat des Interprofessionellen Gesundheitskongresses mitzuwirken

Eine deutliche Verbesserung brachte auch die Re-Organisation der Hintergrunddienste. „In der Regel machen das die Oberärzte, stehen also der diensthabenden Ärztin oder dem diensthabenden Arzt im Hintergrund zur Verfügung. Bei uns übertrage ich den Assistenzärzten, die hier in notfallmedizinischen Skills zusätzlich ausgebildet werden, diese Verantwortung“, sagt Dr. Popp. Das habe nicht nur ökonomische Gründe: „Meine Assistenten werden dadurch zunehmend besser. Und gut qualifizierte Ärzte tragen zur Stabilisierung des gesamten Teams bei.“

Auch logistische Prozesse kamen auf den Prüfstand. „Es waren kleine Maßnahmen, die aber massive Auswirkungen haben“, so Popp. So wurde mit dem Leiter des Krankentransport-Dienstes besprochen, dass die Abholung der Patienten aus der Notaufnahme Vorrang vor anderen Transporten hat, damit die Räumlichkeiten nicht unnötig belegt bleiben. Eine MFA – eigentlich dem ärztlichen Dienst unterstellt – erledigt jetzt auch pflegerische Aufgaben.

Darüber hinaus ist im Haus eine Bereitschaftspraxis entstanden, die die Notaufnahme von Patienten mit Bagatellerkrankungen entlastet. Auch für das soziale Miteinander unter den Beteiligten brachte das Projekt deutliche Verbesserungen. So wurde die Seelsorge mit einem 24-Stunden-Rufdienst und mit Burn-out-Projekten ins Team eingebunden. Es gibt Teamevents und gemeinsame Fortbildungen. Mitarbeiter, die krank oder in Elternzeit sind, werden regelmäßig auf dem Laufenden gehalten.

Bis heute Fülle an Ideen abgearbeitet

Bis heute wird die Fülle an Ideen abgearbeitet. Projektleiterin Mirjam Häfner spricht von „einem enormen Aufschwung“, den das Team der Notaufnahme durch das interprofessionelle Projekt erlebt. Auch die Studenten haben profitiert. „Sie haben als angehende Personaler einen lebendigen Einblick in ihr zukünftiges Tätigkeitsfeld bekommen“, sagt Sabine Brunner.

Den Wandel beschreibt auch das Bild der Quitte im Namen des Projekts: Denn die säuerliche, harte Frucht verwandelt sich gekocht zu einer wohlschmeckenden, gesunden Delikatesse.

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