Interview

„Wir haben 600+X Bewerber für das Medizinstudium“

Seit 2015 werden in Brandenburg Mediziner ausgebildet: in der „Medizinischen Hochschule Brandenburg - Theodor Fontane“. In diesem Jahr sollen die ersten Absolventen fertig werden. Ein Gespräch mit dem Hochschulpräsidenten der MHB, Professor Edmund Neugebauer, über die Situation seiner Hochschule.

Von Benjamin Lassiwe Veröffentlicht: 01.04.2020, 18:20 Uhr
Im vergangenen Juni konnte MHB-Präsident Professor Edmund Neugebauer (l.) Gesundheitsminister Jens Spahn an der Medizinischen Hochschule in Neuruppin begrüßen.

Im vergangenen Juni konnte MHB-Präsident Professor Edmund Neugebauer (l.) Gesundheitsminister Jens Spahn an der Medizinischen Hochschule in Neuruppin begrüßen.

© Bernd Settnik / dpa

Herr Professor Neugebauer, wie geht es der MHB in der Corona-Krise?

Wir verfolgen die ganze Krise sehr eng und haben schon früh einen Aufruf an unsere Studierenden gestartet, nun praktisch zu helfen. Tatsächlich sind heute schon 150 von ihnen an den unterschiedlichsten Stellen im Land Brandenburg im Einsatz. Zum Beispiel bei der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg, wo sie an der Hotline 116 117 mithelfen. Andere sind als Sanitäter oder Krankenpfleger aktiv. Unser großer Vorteil ist ja, dass viele unserer Studenten schon eine Ausbildung in Pflege oder Rettungsdienst haben. Sie kommen deshalb jetzt besonders zur Geltung.

Wann sind bei Ihnen die ersten Absolventen fertig?

Wir unterrichten jetzt in Medizin und Psychologie seit dem Sommersemester 2015. Die ersten Absolventen in der Psychologie sind schon fertig, die ersten Studierenden in der Medizin werden jetzt im April 2020 ihr zweites Staatsexamen schreiben und beginnen dann mit dem Praktischen Jahr (PJ). Anschließend stehen sie den brandenburgischen Kliniken zur Verfügung. Wir sind davon überzeugt, dass sie das 2. Staatsexamen gut bestehen werden: Denn wir prüfen – weil wir einen Reformstudiengang anbieten – mit einem sogenannten Progress-Test Medizin den jeweiligen Studienfortschritt. Und unsere Studierenden liegen im Vergleich mit den anderen Medizinischen Fakultäten in der Benotung dabei immer im oberen Drittel. Das ist für uns wichtig, gerade weil wir ja einen Modellstudiengang anbieten.

Wie viele Medizinstudierende haben denn bislang ihr Studium abgebrochen?

Fast keiner. Über alle Jahrgänge hinweg sind es bislang nur ganze sieben. Das ist weit, weit unterhalb der Quote von staatlichen Unis. Wer sich für die MHB entschieden hat, bleibt. Und die wenigen, die abgebrochen haben, hatten weit überwiegend persönliche Gründe. Es ist auch niemand an eine andere Universität gewechselt – zur MHB gekommen sind dagegen schon einige, vorwiegend nach dem Physikum.

Wie viele Studierende wollen zum neuen Semester anfangen?

Wir haben immer 600 plus X Bewerbungen. Wie es dieses Mal in Zeiten von Corona ist, wird man sehen. Unser Hochschulinformationstag im Juni wird wahrscheinlich ausfallen. Es tut uns leid, dass wir nicht so viele Leute aufnehmen können. Wir immatrikulieren mittlerweile aber zwei Mal im Jahr, jeweils 48 Studenten für Medizin. Insgesamt haben wir derzeit rund 450 Studierende. Ab dem Herbst haben wir dann noch etwas ganz Neues: Wir werden einen Studiengang für „psychologische Psychotherapie“ anbieten – im Takt mit den Gesetzesänderungen, die es auf diesem Gebiet gerade gibt, und als eine der ersten Hochschulen in Deutschland.

Wie funktioniert ein Studium in einer Stadt wie Neuruppin, die so gar keine akademische Tradition hat?

Zu Anfang mussten alle lernen. Neuruppin hat ja als Stadt eher eine Militärhistorie. Dem Bürgermeister haben wir gesagt: Sie sind jetzt Universitätsstadt. Denn Medizin kann man nur an einer Universität studieren. Irgendwann tauchte dann die erste Ortseingangstafel auf: Fontane- und Universitätsstadt Neuruppin. Mittlerweile werden unsere Studierenden in der Erstiwoche vom Bürgermeister empfangen. Und es gibt diverse Verschränkungen. Die Studierenden engagieren sich in Initiativen gegen Rechts, sie mischen sich ins politische und soziale Leben der Stadt ein. Die Stadt merkt zunehmend, dass sie eine Universitätsstadt mit jungen Leuten ist. Weil es immer mehr Studierende werden, werden auch immer mehr Wohnungen gebraucht. Dadurch sind wir zu einem Wirtschaftsfaktor geworden. Und auch in Brandenburg an der Havel, wo das Studium ab dem 4. Semester stattfindet, werden die neuen Studierenden im Rathaussaal vom Oberbürgermeister und Vertretern der Stadt empfangen und mit einer Stadtrallye begrüßt.

Das Land Brandenburg will Ihnen erstmals 6,6 Millionen Euro Projektförderung zukommen lassen. Was ist damit geplant?

Zunächst freuen wir uns sehr über diese Förderung. Auch möchten wir uns bei allen Unterstützern aus Politik, Gesundheit und Gesellschaft bedanken, die sich für diese Förderung eingesetzt haben. Wir haben zuvor in einem langen Prozess und in gemeinsamer Abstimmung mit dem Wissenschaftsministerium einen differenzierten Plan erstellt, was wir mit dem Geld machen wollen. Uns geht es vor allem um die weitere Stärkung der Forschung und hier im Besonderen um den Ausbau unserer drei Forschungszentren. Die Lehre können wir mit unseren Studienbeiträgen gut abdecken, aber in der Forschung ist die Decke immer zu kurz. Darauf aber legt der Wissenschaftsrat, der uns 2024 erneut akkreditieren wird, großen Wert.

Was sind da Ihre Schwerpunkte?

Unser Forschungsschwerpunkt ist die Gesundheit und Krankheit des Alterns. Unser Ziel ist es, die Gesundheit im Land Brandenburg zu verbessern. Hierbei wird uns die Versorgungsforschung als Methode besonders helfen. Die Forschungsstruktur ist dezentral aufgestellt. Wir haben drei Campus: Bernau/Rüdersdorf, Brandenburg an der Havel und Neuruppin. Die muss man zusammenbringen. Deswegen haben wir Forschungszentren gegründet. In Brandenburg wollen wir primär die sogenannte translationale Grundlagenforschung betreiben, in Neuruppin ist das Koordinierungszentrum Klinische Studien angesiedelt. Das dritte Zentrum, das zur Zeit noch in Rüdersdorf ist, steht für die Versorgungsforschung. Wir wollen diese Zentren stärker mit Wissenschaftlern ausstatten, die dann mit den Klinikern in kleinen Arbeitsgruppen zusammenarbeiten. So wird ein erheblicher Mehrgewinn erzielt. Uns geht es um kardiovaskuläre Erkrankungen und Tumorforschung. Der dritte Bereich ist die „Seelische Gesundheit“. Zusammen ist es das, was das Land Brandenburg braucht. Mit den Landesmitteln werden wir zusätzlich die Professuren besser ausstatten. Leistungsbezogen sollen die Professuren mit wissenschaftlichen Mitarbeitern ausgestattet werden. Das war für uns zu Anfang nicht möglich. Durch die Förderung können wir die Professuren nun aber ähnlich ausstatten wie an staatlichen Hochschulen.

Durch die Braunkohlegelder soll in Cottbus eine neue Fakultät für Medizin entstehen. Was heisst das für die MHB?

Wir beobachten diese Entwicklung sehr aufmerksam. Es ist grundsätzlich begrüßenswert, dass sich ein Land engagiert, um die Gesundheit im Land weiter voranzutreiben, indem man eine Medizin-Ausbildung fördern will. Eine medizinische Fakultät lässt sich aber nicht einfach so aus dem Boden stampfen. Wir stehen dazu auch mit dem Brandenburger Wissenschaftsministerium im Austausch. Aus unserer Sicht sollte es nichts Isoliertes, sondern eher etwas Gemeinschaftliches werden. Für uns als MHB wäre jedenfalls das Carl-Thiem-Klinikum in Cottbus ein wichtiger Partner und ein weiterer wichtiger Standort.

Bei Ihnen müssen Studierende Geld mitbringen oder einen Kredit aufnehmen. In Cottbus würde ein Studium wohl kostenlos gehen. Wäre das Neuruppiner Modell dann erledigt?

Es ist richtig, eine staatliche Ausbildung wäre für die Studierenden kostenlos. Aber es bewerben sich in jedem Jahr deutschlandweit mehr als 40.000 junge Menschen auf die vorhandenen rund 9000 Plätze. Die Nachfrage ist hoch. Brandenburg ist ja aktuell immer noch das einzige Bundesland ohne staatliche Medizinerausbildung. Da wir in unserem Auswahlverfahren weniger auf Abinoten und mehr auf Motivation, berufliche Vorerfahrung und Persönlichkeit achten, haben bei uns nicht nur Kandidaten mit einer 1,0 eine Chance auf einen Studienplatz. Und mit der Beteiligung unserer Kliniken an den Studienkosten und weiteren attraktiven Finanzierungsmodellen sorgen wir dafür, dass ein Studium an der MHB nicht an der Frage der Finanzierung scheitert. Hinzu kommt, dass die kleineren Universitäten eher modellhaft sind. Sie sind Taktgeber für Entwicklungen in der Lehre an staatlichen Universitäten. Die MHB mit Ihrem Modellstudiengang ist das auch.

Ein anderer privater Studiengang ist der Asklepios-Studiengang im polnischen Stettin, der durch die Änderung der EU-Berufsanerkennungsrichtlinie in Schwierigkeiten geraten ist. Gehen Sie auf Asklepios zu?

Das tut uns richtig leid, auch für die Studierenden dort. Wir haben einen Brief an Professor Heicappell in Schwedt geschrieben, und unsere Solidarität zum Ausdruck gebracht. Und wir haben angeboten, dass Asklepios auch mit der MHB ins Gespräch kommen könnte. Nun warten wir, was sich daraus entwickelt.

Herr Professor Neugebauer, wir danken für das Gespräch.

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