Interview mit Traumaforscher Florian Holsboer

20 Jahre 9/11: „Das Unvorstellbare kann binnen Sekunden passieren und alles verändern“

Wie entstehen Traumata? Wie lassen sie sich heilen? Die „Ärzte Zeitung“ sprach mit Professor Florian Holsboer, dem ehemaligen Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München. Er hat die Anschläge auf das World Trade Center hautnah miterlebt und zum Anlass genommen, die Entstehung von Traumata unter die Lupe zu nehmen.

Von Christian BenekerChristian Beneker Veröffentlicht:
11.09.2001, USA, New York: Feuerwehrleute klettern über die Trümmer des Marriott-Hotels und des in sich zusamengefallenen zweiten Turms nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center. (Archivbild)

11.09.2001, USA, New York: Feuerwehrleute klettern über die Trümmer des Marriott-Hotels und des in sich zusamengefallenen zweiten Turms nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center. (Archivbild)

© Randy Taylor/ZUMA Press Wire Service/dpa

Ärzte Zeitung: Herr Professor Holsboer, Sie waren vor 20 Jahren am 11. September in New York, nahe dran an dem Block, der seither „Ground Zero“ genannt wird. Die Anschläge vom 11. September haben dann auch Ihre Forschung beeinflusst. Aber zunächst: Was haben Sie dort in New York vor 20 Jahren erlebt?

Prof. Dr. Florian Holsboer

Prof. Dr. Florian Holsboer

© Stephan Rumpf / Florian Holsboer/HMNC Brain Health

Professor Florian Holsboer: Ich war beruflich in New York und wohnte nur zehn Blocks entfernt vom World Trade Center. Das Leben in der Stadt pulsierte und florierte. Am Abend vor dem Anschlag führte ich ein im Nachhinein erstaunliches Gespräch: Da sagte mir ein Kollege, der halb Iraki und halb Israeli war, die größte Gefahr sei derzeit ein möglicher Krieg des Islam gegen den Rest der Welt. Ich wollte am nächsten Tag zurückfliegen nach München, und da sah ich von meinem Hotelzimmer aus, wie zwei Passagierflugzeuge über die Stadt flogen und in die Türme des World Trade Centers krachten. Das Gespräch mit meinem Kollegen und den erschütternden Anschlag werde ich nie vergessen.

Das Erlebnis war für Sie Anlass zu einer Studie über die Entstehung von Traumata.

Ja, ich wollte wissen, worin sich diejenigen, die aufgrund der Anschläge eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) davongetragen haben von denjenigen, die davon verschont geblieben sind, unterscheiden. Wie könnte man das objektivieren? Mit einem einfachen Labortest ist das ja nicht möglich. Und: Könnte vielleicht sogar ein gezielt wirkendes Medikament entwickelt werden?

Rachel Yehuda vom Mount Sinai Medical Center in New York und ich wollten die Analyse epigenetisch angehen, also anhand möglicher Einflüsse der Umwelt auf die Aktivität der Gene von Probanden. Wir identifizierten also eine Stichprobe von Menschen, die am 11. September alle das gleiche erlebt hatten. Von dieser Gruppe hatten 15 eine PTBS entwickelt und 20 nicht.

Dann haben wir die Genaktivitäten aller Probanden untersucht und tatsächlich etwas gefunden: Bei den Probanden mit einer PTBS waren etwa ein Viertel der untersuchten Gene in ihrer Aktivität verändert. Probanden mit einer PTBS hatten andere epigenetische Markierungen als Probanden ohne PTBS. Dieser Zusammenhang ist auch durch andere Studien bestätigt.

Das heißt, die Umwelt beeinflusst das menschliche Genom?

So ist es. Wir haben an die 90 Milliarden Nervenzellen im Gehirn und jede dieser Neuronen hat bis zu 10.000 Verknüpfungspunkte mit anderen Nervenzellen. Hierdurch eröffnet sich eine schier unvorstellbare Vielfalt von Verschaltungsmöglichkeiten. Dem Gehirn wird so ermöglicht, sich an äußere Einwirkungen flexibel anzupassen, also durch Neuroplastizität. Aufgrund von Traumaerfahrungen verändert sich die Neuroplastizität. Die Folge kann Krankheit oder – im positiven Sinne – Resilienz sein.

Woher wissen Sie, dass es die Anschläge vom 11. September waren, die bei den Probanden zu einer PTBS geführt haben und nicht etwa ein Autounfall, der schon länger zurücklag oder ein anderes einschneidendes Erlebnis?

Um das auszuschließen, haben wir die Probanden, bevor wir ihr Genom untersuchten, gründlich befragt.

Eben erst haben die USA ihre Soldaten aus Afghanistan abgezogen. Auch bei den Veteranen der US-Armee wird häufig PTBS festgestellt. Auch in Deutschland leiden laut Bundesverteidigungsministerium über 1000 Soldatinnen und Soldaten nach Kampfeinsätzen unter PTBS.

Was bedeutet Ihre Forschung für diese Soldaten?

Die USA verfügen über rund zwei Millionen aktive Soldatinnen und Soldaten und haben fast neun Millionen Veteranen. Da gibt es einen hohen Anteil PTBS-Betroffener. Untersuchungen an diesen Soldaten haben den Einfluss der Umwelt auf das Genom bestätigt. Es hat sich auch gezeigt, dass eine PTBS einer Veranlagung bedarf, denn nur 15 Prozent derer, die einem traumatischen Erlebnis ausgesetzt waren, haben auch eine PTBS entwickelt.

Die Frage ist, ob den Traumatisierten unter ihnen geholfen werden kann.

Genau. Derzeit wird in akademischen Einrichtungen, aber auch in der Pharmaindustrie, nach Arzneimitteln geforscht, die gezielt die Folgen epigenetischer Veränderungen nach Trauma heilen können. Ergebnisse liegen heute noch nicht vor. Bis zu einem brauchbaren Medikament wird es noch Jahrzehnte dauern.

Inwieweit hat Sie persönlich das Erlebnis der Terroranschläge am 11. September verändert oder beeinflusst?

Ich bin ein Nachkriegskind, geprägt von der Illusion der Allmächtigkeit der USA, die nun im eigenen Land angegriffen wurden. Dieses bis dahin undenkbare Ereignis hat meinen Glauben an die Supermacht USA erschüttert – und mich demütig erkennen lassen, dass das Unvorstellbare binnen Sekunden passieren und alles verändern kann.

Prof. Dr. Florian Holsboer

  • Studium der Chemie und Medizin.
  • Weiterbildung zum Facharzt für Nervenheilkunde (Psychiatrie und Neurologie) in München
  • An der Johannes Guttenberg-Universität in Mainz habilitierte er sich 1984 über Veränderungen der Hormonsekretion bei Patienten mit Depression
  • 1987 wurde er auf den Lehrstuhl für Psychiatrie an die Universität Freiburg und 1989 zum wissenschaftlichen Mitglied und Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München berufen, das er über 25 Jahre leitete.
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