Behandlung in Berlin

Alexej Nawalny: Nicht der erste prominente Patient der Charité

Von Madlen Schäfer Veröffentlicht: 23.08.2020, 11:15 Uhr
Berlin: Sanitäter vom Bundeswehr Rettungsdienst bringen die Spezialtrage, mit der Alexej Nawalny in die Charité eingeliefert wurde, zurück in den Krankenwagen.

Berlin: Sanitäter vom Bundeswehr Rettungsdienst bringen die Spezialtrage, mit der Alexej Nawalny in die Charité eingeliefert wurde, zurück in den Krankenwagen.

© Kay Nietfeld / dpa / picture alliance

Berlin. Der russische Regierungskritiker Alexej Nawalny ist am Samstagmorgen in einem Spezialflugzeug aus Omsk in Berlin angekommen. Er wurde dort direkt vom Flughafen Tegel in die Charité gebracht. Der Zustand des Kremlkritikers sei „stabil“, hieß es bei seiner Ankunft. „Derzeit erfolgt eine umfangreiche medizinische Diagnostik. Nach Abschluss der Untersuchungen und nach Rücksprache mit der Familie werden sich die behandelnden Ärzte zu der Erkrankung und weiteren Behandlungsschritten äußern“, teilte die Charité mit. Eine Sprecherin der Klinik erklärte, vor Montag sei nicht mit einer offiziellen Äußerung zum Gesundheitszustand Nawalnys zu rechnen.

Bereits am Donnerstag hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) angeboten, dass Nawalny in deutschen Krankenhäusern behandelt werden könnte. Dass es dann oft die Charité ist, Deutschlands größte Uni-Klinik, liegt nahe. Nawalny ist nicht der erste, der nach einer möglichen Vergiftung an der Berliner Charité behandelt wird. Hat die Charité eine besondere Expertise auf dem Gebiet von Vergiftungen? Dem sei nicht so, hieß es auf Nachfrage der „Ärzte Zeitung“. Aber die Charité genieße international hohes Ansehen.

2018: Fall Wersilow

Sicher könnten auch andere deutsche Kliniken Nawalny helfen, hieß es aus der Charité bescheiden. Doch die Charité hat schon 2018 bewiesen, dass sie – auch möglicherweise vergiftete – Patienten aus Russland professionell versorgen kann.

Auf Vermittlung der privaten sozialen Initiative Cinema for Peace kam vor zwei Jahren Pjotr Wersilow in einem Ambulanz-Jet mit Symptomen, die eine Vergiftung nicht ausschließen ließen, aus Moskau nach Berlin. Wersilow ist Mitglied der russischen Polit-Punk-Gruppe Pussy Riot. Der Gründer von Cinema for Peace, Jaka Bizilj, war von Wersilows Familie um Hilfe gebeten worden. Auch für Kreml-Kritiker Nawalny hat Filmproduzent Bizilj nun die Rettungsaktion initiiert. „Es ist unglaublich, wie ähnlich die Route ist, die ich vor zwei Jahren genommen habe. Damals war ich bewusstlos“, twitterte jetzt Wersilow. Auch im Fall von Wersilow war ein Transport aus Russland nicht sofort möglich gewesen.

Wer bei solchen Missionen auf politischer Ebene genau welche Fäden zieht, bleibt meist im Dunkeln. Dass aber Kanzleramt und Auswärtiges Amt mit im Boot sind, wird vermutet. Die Charité schweigt in der Regel schon aus Gründen des Daten- und Patientenschutzes.

Bei Wersilow aber gab sie vor zwei Jahren eine Pressekonferenz: Ja, es gebe eine hohe Plausibilität für eine Vergiftung, hieß es nach den Untersuchungen. Anders sei die Entwicklung der Symptome innerhalb des kurzen Zeitraums nicht zu erklären. Welches Gift es war, bekamen wohl auch die Klinik-Wissenschaftler nicht heraus. Wersilow selbst vermutete auch deshalb den russischen Geheimdienst hinter dem Giftanschlag.

2014: Fall Timoschenko

Charité-Ärzte hatten 2014 auch der ukrainischen Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko wegen chronischer Rücken- und Gehprobleme geholfen. Timoschenko, die damals aus der Haft freikam, hatte im Gefängnis mehrere Bandscheibenvorfälle erlitten. Bereits in der Ukraine behandelten Charité-Ärzte sie auf ihren Wunsch. In ihrer Heimat hatte Timoschenko eine Operation und auch jegliche Spritzen abgelehnt, weil sie den Behörden nicht traute. Nach der Behandlung an der Charité ging es ihr besser. Für die Kosten kam sie selbst auf.

Nawalnys Team geht davon aus, dass der Oppositionelle während einer Reise durch Sibirien vergiftet wurde. Aus Sicht der russischen Ärzte gibt es dafür jedoch keinen Beleg. Sie sprachen lediglich von einer Stoffwechselstörung.

Der Jurist wollte am Donnerstag von Sibirien zurück nach Moskau fliegen. Am Flughafen in Tomsk habe er noch einen Tee getrunken, sagte Nawalnys Sprecherin. Während des Flugs habe er sich unwohl gefühlt und noch an Bord das Bewusstsein verloren. Das Flugzeug landete dann in Omsk, das 4000 Kilometer von der deutschen Hauptstadt entfernt liegt. Anschließend wurde der 44-Jährige in einem Krankenhaus in Omsk behandelt. Seine Familie kämpfte dafür, dass er nach Deutschland fliegen darf. Die Ärzte in Omsk hatten hierfür lange keine Erlaubnis erteilt. Am Freitagabend gaben die Mediziner schließlich ihre Bedenken gegen einen Transport nach Deutschland auf. Zuvor hatten die russischen Mediziner einen Transport noch abgelehnt, weil der Zustand des Patienten keinen Flug erlaube. Dagegen hatten deutsche Ärzte, die bereits in Omsk sind, keine Bedenken, wie das Team um den Oppositionellen mitteilte.

Fotos, die seine Sprecherin Kira Jarmysch auf Twitter veröffentlichte, zeigen angeblich, unter welchen widrigen Zuständen Nawalny in der Klinik in Omsk behandelt worden sei. Zu sehen sind sanitäre Einrichtungen wie Toilette und Waschbecken, beide marode. (mit dpa)

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