Digitales Klassenzimmer

Denkbremse oder Lehrfortschritt?

Ist Deutschland bereit für die Digitalisierung der Schulen? Während Politiker intensiv über das Großprojekt streiten, gehören Tablets und WLAN an manchen Schulen längst zum Alltag. Doch unumstritten ist digitaler Unterricht nicht.

Von Jenny Tobien und Basil Wegener Veröffentlicht: 03.02.2020, 16:33 Uhr
Denkbremse oder Lehrfortschritt?

Ein Schüler des Gymnasiums Carolinum in Neustrelitz errechnet eine Gleichung mit einem iPad im Matheunterricht.

© Britta Pedersen / dpa-Zentralbild / ZB / picture a

Neustrelitz/Berlin. Für die Smartphones der Schüler gibt es ein kleines Wandregal neben der Tür des Klassenzimmers. Ausgerechnet eine Vorreiterschule in Sachen Digitalisierung lässt die Geräte im Unterricht nicht zu.

Die Teenager legen sie in die passgenauen Fächer. Englisch-Kurs, 12. Jahrgangsstufe im Carolinum in Neustrelitz. Während die Politik derzeit darum streitet, auf welchem Weg alle Schüler in Deutschland bald digital unterrichtet werden könnten, gehören im Carolinum digitale Hilfsmittel und WLAN längst zum Alltag.

Interaktiv am Unterricht beteiligt

So haben die Jugendlichen ihren eigenen Tabletcomputer, mit dem sie sich interaktiv am Unterricht beteiligen können. Englischlehrer Jasin Peña Cabrera (30) geht mit seinem iPad auf und ab. 14 Schüler sitzen an drei großen, runden Tischen.

Sie wirken sehr aufmerksam, keiner guckt aus dem Fenster auf den idyllischen See neben der Schule. Die Blicke gehen abwechselnd zum Lehrer und auf die eigenen Bildschirme. Cabrera ruft Bilder und kleine Texte auf, die zeitgleich auf den Geräten der Schüler erscheinen.

„What do you want to choose?“, fragt der Lehrer und ruft Bilder von Gerichten zum Essen auf. Pizza, Salat, Hamburger. Was würdet ihr auswählen? „Definitely the pizza“, sagt die 18-jährige Henriette. Auf jeden Fall die Pizza.

Andere mögen die anderen Sachen lieber, es wird ein bisschen diskutiert. Dann lässt Cabrera plötzlich Bilder von Babys auf den Tablets erscheinen: kleine Mädchen in Rosa, kleine Jungs in Blau. Er fragt, wer später einmal Kinder haben möchte. Die Schülerinnen und Schüler grinsen, manche machen „Ooh“ und „Aaah“, weil die Babys süß aussehen.

Spontane Umfrage via Tablet

In der nächsten Sekunde ruft der Lehrer Bilder von Baby-Augen, Baby-Haaren und anderem auf. Die Frage dazu: Welche Augen- oder Haarfarbe sich die Schüler für ihr Baby wünschen. Einige antworten spontan, andere werden aufgerufen.

Dann die Frage des Lehrers: „Is it possible to do that, to „order“ a baby like that?“ („Ist es möglich, ein Baby auf diese Weise zu „bestellen“?“). Schon ist der Lehrer beim Thema Genmanipulation und „Designer-Babys“. Eine ernste Diskussion setzt ein.

Ein Schüler meint, möglicherweise wird so etwas eines Tages tatsächlich möglich sein. Ein anderer sagt, dass ein Mensch, wenn er älter wird, es sicher nicht haben möchte, dass seine Eltern da irgendetwas ausgewählt haben. Der Lehrer startet dazu eine kleine spontane Umfrage. Die Schüler drücken auf Antwortoptionen auf den Tablets. Die anonyme Auswertung erfolgt sekundenschnell.

So oder ähnlich kann das ablaufen, worüber die Politik, aber auch viele Eltern, Lehrer und Schüler derzeit heftig diskutieren: Unterricht mit digitalen Mitteln. „Digitalisierung bringt die Urform der Didaktik wieder nach vorne“, sagt der Rektor des Carolinums, Henry Tesch (56).

Die Bundesregierung will, dass die Schulen in Deutschland ab Anfang 2019 unter anderem mit fünf Milliarden Euro vom Bund mit digitaler Technik wie WLAN und Tablets ausgestattet werden. Entsprechende Lerninhalte und Weiterbildung von Lehrern sollen den Weg in die digitale Schulzukunft ebnen.

Deutschland – letztes Rad am Wagen

Rektor Tesch findet den Digitalpakt überfällig. Andere Länder seien schon viel weiter, deshalb müsse es jetzt dringend losgehen. „Dann könnte es Deutschland schaffen, hinten am Zug noch mit dem letzten Wagen anzudocken.“ Tesch ist überzeugt. Er hat seine Schule in jahrelangem Engagement und gegen reichlich Widerstände, wie er erzählt, mit digitalisiert.

Ein Streitpunkt beim Aufbau des digitalen Lernsystems: die Tablets – und wer diese bezahlt. Geregelt ist das am Carolinum so, dass die Schüler diese selbst mitbringen. Schülern aus sozialschwächeren Elternhäusern wird das Tablet vom Schulträger, dem Landkreis, finanziert, teils mit Unterstützung des Schulvereins.

Tesch kennt den Bildungsbetrieb seit Jahrzehnten. Während der friedlichen Revolution hat er in Leipzig studiert, war bei den Montagsdemos teils auch dabei. 1990 fing er als Lehrer an. Tesch war bereits Schulleiter, als er 2006 für fünf Jahre als CDU-Bildungsminister in die Regierung seines Landes wechselte. Zwischenzeitlich war er Präsident der Kultusministerkonferenz. Dann kehrte er nach Neustrelitz zurück.

Wer schafft digitale Lehrangebote?

Doch wie kommen die digitalen Lehrmethoden an die Schulen? Englischlehrer Cabrera meint, er habe sein Programm selbst zusammengestellt. Doch auch Schulbuchverlage bemühen sich, passende Angebote zu machen.

Das Carolinum nutzt ebenso wie andere Schulen in Deutschland die Schul-Cloud des Hasso-Plattner-Instituts (HPI). Dank des vom Bundesministerium für Bildung unterstützten Projekts können Schüler und Lehrer quasi von überall arbeiten. „Alles was es braucht, sind Tablets und ein Browser“, sagt Matthias Luderich vom HPI in Potsdam.

Aktuell wird die HPI Schul-Cloud eingesetzt von:

  • MINT-EC 128 Schulen, alle Bundesländer, 3 deutsche Auslandsschulen
  • Niedersachsen: 45 Projektschulen und Projektfollowerschulen
  • Brandenburg: Mehr als 50 Schulen aller Schulformen, erstmals auch Grundschulen
  • Thüringen: insgesamt 42 Einrichtungen (versch. Schulformen, Lehrerbildung)

Die Digitalisierung in der Bildung ist nicht unumstritten. „Nachdenken First“, warnte Wolfgang Schimpf, Schulleiter eines Göttinger Gymnasiums und Vorsitzender der niedersächsischen Direktorenvereinigung. Er wünsche sich „keine Verweigerung, aber auch keine unkritische Übernahme“, sondern eine „Digitalisierung mit Augenmaß“.

Moderator und Berater

Lehrkräfte würden sich künftig häufiger als Moderator, Anreger und Berater verstehen. „Doch dürfen sie dabei nicht vergessen, dass wir sie vor allem als Helfer für die Persönlichkeitsentwicklung brauchen“, so Schimpf.

Und: „Das Einmaleins oder neue Lateinvokabeln, Lernen also, das vor allem der Wiederholung bedarf, werden Formen künstlicher Intelligenz in der Tat bald besser vermitteln können. Das anspruchsvolle Gespräch über die Faustlektüre in der Oberstufe aber kann der beste Computer nicht ersetzen.“

Matheunterricht im Carolinum, Raum 304. Lehrer Hans-Herbert Larisch steht mit seinen 65 Jahren kurz vor der Rente. Sorgen, dass seine Schüler nicht mehr eigenständig lernen, hat er nicht. „Ich kann mich noch erinnern, als die Taschenrechner in der DDR in der Schule eingeführt wurde, da hieß es auch, die Kinder können bald nicht mehr rechnen.“

Larisch gibt den Schülern eine Aufgabe mit einer Gleichung. Kurvendiskussion. Kurz danach werden die Ergebnisse besprochen: Ein Schüler zeigt auf einem Flachbildschirm vorne rechts im Raum, was er erarbeitet hat.

Hier sieht man eine Kurve in einem Koordinatensystem, die durch die Gleichung beschrieben wird – je nach Änderung von Zahlen in der Gleichung ändert sich die Form der Kurve. „Das kann man viel leichter nachvollziehen, als wenn das alle erst in ihr Heft zeichnen“, sagt Larisch.

Technik nicht mehr wegzudenken

Nervt es die Schüler nicht, ständig einen Bildschirm vor der Nase zu haben und digital sein zu müssen? Jakob (17) aus der Matheklasse meint: Nein. „Diese Technik ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken.“

Doch sind die Schüler von ihren Tablets nicht auch abgelenkt? Internetzugang haben die Geräte während Klassenarbeiten oder Abitur nicht. Im regulären Unterricht in der Regel schon.

Dass die Schüler zwischendurch nicht mal auf dem iPad daddeln, kann der Rektor nicht ausschließen. „Wir haben früher auch Schiffe versenken gespielt, wenn es langweilig war.“ (dpa)

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