Olympische Spiele

Die Kehrseite der Medaille

Die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro werden am Freitag offiziell eröffnet. Die Freude ist getrübt: Viele Sportler und Besucher haben Angst vor dem Zika-Virus. Die Bevölkerung protestiert gegen Sparmaßnahmen im Gesundheitssektor.

Manuel MeyerVon Manuel Meyer Veröffentlicht:
Die Olympische Fackel auf dem Weg zu den Spielen.

Die Olympische Fackel auf dem Weg zu den Spielen.

© Kyodo / MAXPPP / dpa

RIO DE JANEIRO. Als Rio de Janeiro 2009 den Zuschlag für die Austragung der Olympischen Spiele erhielt, freute sich André Pereira noch.

"Ich sehe gerne Leichtathletik", meint der brasilianische Anästhesist. Doch nun hält sich seine Freude - wie bei den meisten Brasilianern - eher in Grenzen.

Der Grund: Das sportliche Mega-Event verschlingt Milliarden. Geld, das vor allem im staatlichen Bildungs- und Gesundheitssektor fehlt. Fast zehn Milliarden Euro pumpte Brasilien in die Sportstätten und Infrastrukturprojekte in Rio, damit die Welt eine tadellose Olympia-Stadt sehen kann.

Das war lange kein Problem. Noch bis vor zwei Jahren florierte in Brasilien die Wirtschaft. Doch dann brach die Wirtschaft ein. Die Arbeitslosigkeit verdoppelte sich.

Korruption und Misswirtschaft leerten nicht nur die Staatskassen, sondern trieben auch die Kosten für die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele in die Höhe.

Rio ist plötzlich hoch verschuldet, praktisch pleite. Ende Juni musste der Bundesstaat Rio sogar den finanziellen Notstand ausrufen. Konsequenz: "Immer wieder bleiben unsere Gehaltszahlungen aus. Dabei haben wir Ärzte noch Glück. Lehrer und Uniprofessoren erhalten schon seit vier Monaten keinen Lohn mehr", versichert Pereira.

Der 47-jährige Arzt arbeitet am staatlichen Uniklinikum Pedro Ernesto in Rio. Seit Anfang des Jahres streiken Ärzte und Pflegekräfte regelmäßig für Gehaltszahlungen und bessere Arbeitsbedingungen.

"Die wegen der Olympiade fehlenden Gelder im Gesundheitswesen sind für die Einwohner Rios ein größeres Gesundheitsproblem als das Zika-Virus", bestätigt auch Jorge Darze, Gynäkologe und Sprecher der brasilianischen Ärztegewerkschaft SinMed.

Aufgrund leerer Staatskassen mussten im vergangenen Jahr gleich mehrere Krankenhäuser in Rio schließen. Es ständen heute in Rios staatlichen Krankenhäusern 3000 Betten weniger zur Verfügung als noch vor fünf Jahren.

Engpässe in Krankenhäusern

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Rio de Janeiro in Bildern: ÄZ-Korrespondent Meyer auf Streifzug durch die Millionenmetropole.

Dabei bereite ihm auch die zunehmend schlechte Ausstattung der Hospitäler und Wartung medizinischer Geräte große Sorgen. "Immer häufiger kommt es zu Engpässen bei Medikamenten und sogar bei Spritzen und anderem Behandlungsmaterial", so Jorge Darze.

Daran sei aber nicht nur die "Geldverschwendung für die Olympiade" Schuld, sondern auch die seit Jahren praktizierte Privatisierung des staatlichen Gesundheitssystems und die damit einhergehende Korruption, meint der SinMed-Sprecher.

Knapp die Hälfte vom 120 Milliarden Reais schweren Gesundheitsbudget werde mittlerweile in den privaten Gesundheitssektor abgeleitet, meint Darze. Die Auswirkung: Weniger Betten, veraltendes Material, schlechtere Wartung, überfüllte Wartesäle.

"Oftmals lässt selbst die Hygiene in den Krankenhäusern zu wünschen übrig, weil die privaten und gewinnorientieren Putzunternehmen kein Geld mehr erhalten und deshalb nicht putzen", so Jorge Darze.

Die immer schlechter werdenden Arbeitsbedingungen und ausbleibenden Löhne treiben immer mehr Ärzte und Krankenpfleger zudem in den privaten Gesundheitssektor, wo sie deutlich mehr Geld verdienen.

"Ich arbeite parallel zu meinem Job am Pedro Ernesto Klinikum auch immer häufiger an privaten Kliniken. Wenn das so weitergeht, werde auch ich komplett in den privaten Sektor gehen", gibt André Pereira offen zu.

Lücke zwischen Anspruch und Realität

Das monatliche Durchschnittseinkommen liegt bei Ärzten im öffentlichen Gesundheitsbereich bei etwas über 900 US-Dollar. Im privaten Sektor beträgt es 2400 US-Dollar. Dadurch verschlimmern sich die personellen Engpässe in staatlichen Krankenhäusern.

Es kommt zu längeren OP-Wartelisten. "Das bekommen vor allem die Patienten zu spüren, deren Unzufriedenheit steigt. Im letzten Jahr mussten wir bereits eine Kampagne starten, um die Übergriffe unzufriedener Patienten auf Ärzte zu reduzieren", versichert der SinMed-Sprecher.

Die Defizite im Gesundheitswesen sowie der zunehmende Ärztemangel führen seit einigen Jahren regelmäßig zu Protesten.

Vor zwei Jahren startete die Regierung deshalb sogar das Programm "Mais Médicos" (Mehr Ärzte) und holte 13 000 ausländische Ärzte ins Land - vor allem aus Kuba. Die Maßnahme führte zu heftigen Protesten der brasilianischen Ärzteschaft.

"Das Programm war aber vollkommen unnötig. Wir haben in Brasilien keinen chronischen Ärztemangel. Wir haben ein Problem in der Verteilung", entgegnet auch Jorge Darze. Vor allem junge Ärzte wollen nicht auf dem Land arbeiten und bleiben in den Städten.

"Die Regierung sollte lieber Programme starten, um jungen Ärzten die Arbeit in ländlicheren Regionen schmackhaft zu machen, als Ärzte aus Kuba zu holen", so der SinMed-Sprecher.

Immer häufiger werden auch Überlegungen laut, junge Ärzte, die im staatlichen System ausgebildet wurden, zu verpflichten, mindestens zwei Jahre im öffentlichen Sektor zu arbeiten.

"Universelles Gesundheitssystem"

Zwar verfügt Brasilien mit dem sogenannten Sistema Unico de Saude (SUS) über ein "universelles Gesundheitssystem", das allen 200 Millionen Brasilianern laut Verfassung ein fortschrittliches und kostenloses Versorgungsnetz garantiert.

Doch die Realität sieht im größten Land Südamerikas anders aus. Neben dem Stadt-Land-Gefälle gebe es in Brasilien auch ein Arm-Reich-Gefälle, versichert Rita de Cassia Vieira. Die 54-jährige Brasilianerin muss es wissen.

Seit 20 Jahren arbeitet sie in Rios größtem Armenviertel, der Favela Rocinha, als Gesundheitsbeauftragte. Über eine Million Menschen leben in dem Slum, in dem nur wenige Gesundheitsposten existieren. Bei Gesundheitsbeauftragten handelt es sich keinesfalls um professionelles Krankenpflegepersonal oder Ärzte.

Es sind Bürger, meistens Favela-Bewohner, die einen Einführungskurs bekommen, um Fieber und Blutdruck zu messen, Medikamente verabreichen können, Spritzen setzen und Kranken beratend zur Seite zu stehen.

"Es ist eine Schande, aber häufig sind wir die einzigen, die vor Ort den Kranken helfen. Die meisten Ärzte wollen nicht in den Favelas arbeiten, in denen die Drogenmafias regieren und Gewalt herrscht", versichert Rita de Cassia Vieira.

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