Das Abstandsgebot und seine Folgen

Droht mit Corona auch eine „Epidemie der Einsamkeit“?

Ein wichtiges Mittel gegen die Ausbreitung des Coronavirus ist Abstand halten. Dies hat aber erhebliche Nebenwirkungen, vor allem – aber nicht nur – für ältere Menschen.

Von Bernhard Sprengel Veröffentlicht: 19.10.2020, 14:30 Uhr
Einsamkeit während der Corona-Pandemie.

Nichts zu feiern: Die Einsamkeit während der Corona-Pandemie schlägt so manchem aufs Gemüt.

© LIGHTFIELD STUDIOS / stock.adobe

Hamburg. Mindestens anderthalb Meter Abstand, lautet eine wichtige Corona-Regel. Viele Menschen haben sich deutlich weiter voneinander entfernt. Sie leben allein in ihren vier Wänden und haben kaum Kontakt zu anderen Menschen.

„Die Zahl der Menschen fast ohne jeden menschlichen Kontakt in einer Großstadt ist größer, als man denkt“, sagt der Leiter des Fachbereichs Beratung und Seelsorge beim Diakonischen Werk Hamburg, Stefan Deutschmann. Die Hamburger Telefonseelsorge habe in der ersten Phase der Corona-Pandemie zwischen Mitte März und Mitte Mai 25 bis 30 Prozent mehr Anrufe bekommen als sonst. „Viele Anrufe sind Ausdruck tiefer Einsamkeit von Menschen“, sagt Deutschmann.

Bundesweit haben die rund 100 von den beiden großen Kirchen getragenen Telefonseelsorgestellen eine ähnlich große Zunahme der Gesprächskontakte verzeichnet. In rund 40 Prozent der Telefonate seien die Einschränkungen, Verunsicherungen und Veränderungen durch die Pandemie Hauptthema gewesen. Um Verunsicherung und Ängste drehten sich 16 Prozent der Gespräche, um Alleinsein und Einsamkeit 24 Prozent, wie Ulrike Mai, Sprecherin der Telefonseelsorge, berichtet.

Mehr Anrufe bei Telefonseelsorge

Auch im September dieses Jahres zählte die Telefonseelsorge mit 81.000 Anrufen weiter mehr als im Vorjahresmonat. Damals waren es 75.000 gewesen. Zudem hätten sich viele Jüngere über Mail (insgesamt: 3428/September 2019: 2812) und Chat (2265/ September 2019: 1546) gemeldet.

Der Hamburger Zukunftsforscher Horst Opaschowski warnt vor einer dramatischen Zunahme der Einsamkeit. „Die Pandemie droht zur Epidemie der Einsamkeit zu werden. Seit den „Bleib-zu-Hause“-Empfehlungen der Politik wohnen und leben immer mehr Menschen in Deutschland „allein daheim““, erklärt Opaschowski. In einer repräsentativen Umfrage hat er festgestellt, dass die Sorge vor Vereinsamung beinahe genauso verbreitet ist wie die Angst vor Altersarmut. Mitte März, als in Deutschland der Lockdown begann, waren 84 Prozent der Ansicht: „Für viele ältere Menschen wird in Zukunft die Kontaktarmut genauso belastend wie die Geldarmut sein.“ In einer früheren Befragung im Januar 2019 hatten nur 61 Prozent dieser Aussage zugestimmt.

Im vergangenen Mai gaben 80 Prozent der Befragten in einer Umfrage des Forsa-Instituts an, besonders belaste sie der fehlende Kontakt zu Familie und Freunden. Die Folgen der Pandemie hätten viele Menschen auf eine psychische Belastungsprobe gestellt, erklärte die Techniker Kasse, die die repräsentative Studie in Auftrag gegeben hatte.

Die Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen nähmen allerdings schon seit Jahren zu, sagte eine TK-Sprecherin. Opaschowski macht in seinem neuen Buch „Die semiglückliche Gesellschaft“ auf die langfristigen Folgen aufmerksam. In der künftigen Gesellschaft des langen Lebens werde die größte Armut im Alter die Kontaktarmut sein, prophezeit er. Immer mehr Menschen lebten im Alter allein. Sie hätten deutlich weniger soziale Kontakte als in früheren Jahren, vermissten die Arbeitskollegen und die Anerkennung im Beruf, sagt Opaschowski. Die Grenzen von Einsamkeit, Depressionen und psychischen Erkrankungen seien fließend.

Rückzug in totale Isolation

Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer.

Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer.

© Kay Funke-Kaiser

Die Bundespsychotherapeutenkammer hatte bereits im August auf diese Gefahr hingewiesen. „Neben Depressionen und Angststörungen, akuten und posttraumatischen Belastungsstörungen können auch Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit, Zwangsstörungen und Psychosen zunehmen“, erklärte Kammerpräsident Dietrich Munz. Ältere zählten zu den am stärksten betroffenen Gruppen. „Bei vielen, die 75 Jahre und älter sind, wird aus der Angst sich anzustecken nicht selten Todesangst und aus Rückzug totale Isolation“, so die Kammer unter Berufung auf praktische Erfahrungen von Psychotherapeuten. „Am Ende quälen sie sich mit der Erwartung, wegen Corona allein zu sterben.“ (dpa)

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