Porträt
Ein Praxisgarten voller Heilpflanzen: Wie sich eine Hausärztin für den Klimaschutz engagiert
Hausärztin Verena Gall setzt sich für den Klimaschutz ein, in ihrem vergangenen Jahr hat sie erstmals eine Themenwoche im Ort organisiert. Auch ihre Praxis ist nachhaltig aufgestellt – was finanzielle Früchte trägt.
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Dr. Verena Gall im Garten ihrer Praxis.
© Alexandra Eisen
Wer auf der Holzbank in Dr. Verena Galls Patientengarten sitzt, blickt auf mehr als 350 heimische Pflanzenarten, darunter viele Heilkräuter und einen Apfelbaum der alten Sorte „Korbinian“. Insekten und Falter fühlen sich hier ebenso wohl, wie die Patientinnen und Patienten, die entspannt und an der frischen Luft auf ihren Termin warten können. Der 400 Quadratmeter große, naturnahe Garten ist aber nicht nur eine hübsche Ergänzung zum traditionellen Wartezimmer. Er ist auch ein Symbol für das Klimaengagement der 44-jährigen Fachärztin für Innere und Allgemeinmedizin.
In der Corona-Pandemie hatte Verena Gall ihre „Praxis am Osterberg“ vor sechs Jahren in der rheinhessischen Ortsgemeinde Mommenheim eröffnet. Darüber, dass eine Arztpraxis den Namen einer benachbarten Weinlage trägt, stolpert inmitten des größten Weinanbaugebiets Deutschlands niemand – der Name steht vielmehr für Galls Verbundenheit zur Region. Aufgewachsen ist sie im hessischen Bauschheim, seit ihrem Medizinstudium in Mainz ist sie Rheinhessen treu geblieben und Landärztin aus Leidenschaft.
Initiatorin der ersten Mommenheimer Klimawoche
Die Mutter von drei Kindern ist im 3000-Seelen-Ort nicht nur als Hausärztin oder für ihr Engagement in der katholischen Pfarrgemeinde bekannt, sondern auch als Initiatorin der 1. Mommenheimer Klimawoche. „Klimaschutz ist Gesundheitsschutz. Wir müssen das Thema in die Lehre und zu den Patienten bringen“, sagt die Medizinerin.

Wer bei Verena Gall nicht im Wartezimmer warten will, kann sich in ihrem Garten aufhalten.
© Alexandra Eisen
Die ambitionierte Veranstaltungsreihe mit 14 Programmpunkten an sieben Tagen war 2025 nicht nur ein großer Erfolg für den kleinen Ort, sondern auch für Verena Gall und ihren Ehemann, der als Unternehmensberater tätig ist. „Wir haben diese Woche neben unseren Berufen komplett allein organisiert, das war ein Kraftakt“, sagt Gall.
Zunächst hatte das Paar drei bis vier Veranstaltungen im Sinn. „Dann kamen immer mehr Ideen zusammen, unser Netzwerk wurde größer und viele Menschen aus dem Ort haben sich beteiligt“, berichtet die Ärztin. Von der Fledermauswanderung mit einem NABU-Experten aus der Nachbarschaft über den Vortrag eines Meeresbiologen bis zu ihrer eigenen Podiumsdiskussion zum Thema Klimawandel und Vorsorge war das Angebot rund um Gesundheit, Nachhaltigkeit, Umweltbewusstsein und Klimaschutz vielfältig. In diesem Jahr war eine Wiederholung der Klimawoche zeitlich nicht umsetzbar. „Wenn wir für die Organisation perspektivisch Mitstreiter gewinnen könnten, wäre eine zweite Auflage aber denkbar.“
Nachhaltigkeitskonzept für die Praxis
Auch in der eigenen Praxis setzt Gall ein Nachhaltigkeitskonzept um und wirbt dafür, mit kleinen Schritten einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. „Wer sich intensiv mit dem Klimawandel beschäftigt, kann sich schnell hilf- und machtlos zu fühlen. Es ist deshalb wichtig, Veränderungen im Kleinen umzusetzen, die ihre Wirkung entfalten“, sagt Gall. Wer für die ersten Schritte Unterstützung sucht, findet viele Informationen in einer Checkliste des Hausärzteverbandes oder auf der Webseite der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG).
Die „Praxis am Osterberg“ mit ihren 13 Mitarbeitern, darunter neben Verena Gall eine weitere Internistin und ein Allgemeinmediziner, trägt das Siegel „Nachhaltige Praxis“ des Aqua Instituts. In sieben Bereichen wird Nachhaltigkeit umgesetzt: Energie- und Abfallmanagement, Mobilität, Arzneimittel, Patienteninformation, Hitzeschutzplanung und Arbeitsbedingungen. „Wäre der globale Gesundheitssektor ein Land, wäre er der fünftgrößte Emittent von Klimagasen im weltweiten Ranking der Länder“, sagt Gall. Das Nachhaltigkeitskonzept ziele darauf ab, ökologische, ökonomische und soziale Ziele in Einklang zu bringen.
Strom vom eigenen Solardach
Die Praxis versorgt sich überwiegend über das eigene Solardach mit Strom, pro Jahr werden 14.000 Kilowattstunden produziert. Den restlichen Strombedarf deckt ein Ökostromtarif. Elektrokleingeräte werden auf Akkubatterien umgerüstet und bei Neuanschaffungen auf eine hohe Energieeffizienz und einen geringen StandBy-Verbrauch geachtet.
Für Hausbesuche und andere Dienstfahrten steht ein E-Auto zur Verfügung, dass ausschließlich mit dem selbstproduzierten Solarstrom geladen wird. Die Anschaffung eines Fahrrads für Hausbesuche ist in Planung. Zusätzlich können Patienten ihr eigenes E-Auto an einer E-Ladestation auf dem Praxisgelände laden, die von einem externen Anbieter betrieben wird. „Den Mitarbeitenden bieten wir die Möglichkeit, ein Job-Fahrrad zu leasen“, sagt Gall.
Videosprechstunden haben sich etabliert
Um unnötige Autofahrten zu vermeiden, bietet die Praxis Videosprechstunden an. Was während der Corona-Pandemie notgedrungen begonnen hat, ist nun etabliert. „Wir haben pro Quartal etwa 800 Videokontakte, das wird in allen Altersgruppen sehr gut angenommen“, berichtet Gall. Insgesamt behandelt die Praxis 2500 Patienten pro Quartal. Auch bei den Arzneimitteln achtet das Praxisteam auf Nachhaltigkeit.
Ein Beispiel: Weil Dosieraerosole (DA) aufgrund der enthaltenen Treibgase besonders klimaschädlich sind, werden nach Möglichkeit nur Pulverinhalatoren verordnet. Dass Nachhaltigkeit auch zu Einsparungen führt, zeigt die Umstellung im Bereich Abfallmanagement. „Im Mitarbeiterbereich haben wir Papierhandtücher durch Gästehandtücher ersetzt. Die Patienten werden gebeten, zu ihren Terminen ein Handtuch mitzubringen, um Liegenrollenpapier zu vermeiden.“
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Verzicht auf unnötige Ausdrucke
Außerdem werde auf unnötige Ausdrucke verzichtet, statt Klebezetteln werden wiederbeschreibbare Magnete verwendet. Als Anhefter für Rezepte wurden kleine laminierte Karten mit den häufigsten Kommentaren wie „Karte fehlt“, „Termin Sprechstunde“ oder „Bezahlen“ entwickelt. „Das hat eine Menge Klebezettel gespart“, sagt Gall. Für Aufgaben nutzt die Praxis ein im PVS integriertes digitales Tool, für Nachrichten, die innerhalb der Praxis geschrieben werden, den integrierten Messenger. „Das sind nur ein paar kleine Beispiele. In der Summe konnten wir dadurch beim Materialeinsatz 45 Prozent der Kosten sparen. Nachhaltigkeit ist also auch wirtschaftlich sinnvoll“, sagt Verena Gall.
Um das Thema Nachhaltigkeit bei den niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen voranzutreiben, engagiert sich Gall im Verein KlimaDocs und in der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG). Sie ist Mitglied des Vorstands des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes Rheinland-Pfalz und dort Fortbildungsbeauftragte sowie in der AG Klima und Gesundheit aktiv. Als Verantwortliche für die Organisation des Hausärztetages Rheinland-Pfalz und als Mitglied der Kommission des DGIM-Jahreskongresses hat sie das Thema außerdem auf dem Schirm.
Apfelbäumchen im Garten
Sie ist Teil der Ad-hoc-Kommission „Klima, Umwelt, Gesundheit“ der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) und hält als Lehrbeauftragte des Zentrums für Allgemeinmedizin und Geriatrie der Universitätsmedizin Mainz regelmäßig Vorlesungen und Praktika, unter anderem zum Thema „Planetary Health“.
Kein Wunder, dass Verena Gall ihren Patientengarten auch selbst gerne nutzt, um durchzuatmen. Die gläubige Christin nennt ihn „Paradiesgarten“ – ihr irdisches Paradies analog zum biblischen Garten Eden. In dem kleinen Lehrgarten gruppieren sich Heilpflanzen-Beete zu verschiedenen medizinischen Themen um den Apfelbaum, den sie sehr bewusst gepflanzt hat: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“, zitiert Verena Gall den Kirchenreformer Martin Luther. Dafür, dass die Welt angesichts des Klimawandels nicht untergeht, will sie sich weiter einsetzen.
Wege zu mehr Nachhaltigkeit
Auch kleine Schritte haben einen positiven Effekt. Hauptsache, man fängt damit an.
Viele Informationen zum Thema gibt es beim Hausärzteverband, der eine eigene Checkliste erarbeitet hat.
Auch die Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) unterstützt Praxen auf ihrem Weg zu mehr Nachhaltigkeit
Über den Verein KlimaDocs, in dem Ärztinnen und Ärzte Mitglied sind, ist umfangreiches Infomaterial zum Thema Klima und Gesundheit erhältlich
Als vertiefende Lektüre empfiehlt Verena Gall: „Die grüne Arztpraxis“ von Friederike von Gierke, Gundula Keller und Nikolaus Mezger, ISBN: 978-3-95466-867-0 sowie den „Leitfaden zur klimasensiblen Gesundheitsberatung für die hausärztliche Praxis“









