Gesellschaft

Ein goldenes Hirn für das junge Superhirn

Eine 19-jährige Medizinstudentin aus Münster hat eine Geheimsprache aus Noten entwickelt und damit bei einem Vortragswettbewerb den ersten Preis gewonnen. Seither buhlen nicht nur Kryptographen um sie.

Von Pete Smith Veröffentlicht: 20.04.2011, 05:00 Uhr
Für ihren Vortrag "Kryptographie und Musik", erhielt die Medizinstudentin Christiane Licht das "Goldene Gehirn" sowie ein Zeitschriften-Abo.

Für ihren Vortrag "Kryptographie und Musik", erhielt die Medizinstudentin Christiane Licht das "Goldene Gehirn" sowie ein Zeitschriften-Abo.

© Uni Münster

"Mein Name ist Bond. James Bond." Die junge Frau auf der Bühne trägt Sonnenbrille, Headset, Pulli und Jeans. "Kryptographie und Musik" lautet der Titel ihres Vortrags. Die Zuhörer in der Clubschiene sind jung. In der Halle am alten Güterbahnhof in Münster findet der Science Slam statt, ein vom Campus-Radio veranstalteter Vortragsabend.

Wer teilnimmt hat zehn Minuten, um sein Publikum zu begeistern. Es sind Studenten und junge Wissenschaftler, die über ihr aktuelles Forschungsprojekt erzählen, so spannend wie möglich und für Laien verständlich. Am Ende bestimmen die Zuhörer, wer das "Goldene Gehirn" erhält, ein in einem Einmachglas gefangenes Plastikhirn.

Christiane Licht wirkt locker. Die Bücher von Dan Brown finde sie klasse, erzählt sie, und Geheimsprachen sowieso. Sie spielt Klarinette und Cello. Und ja, sie studiert, Medizin, aber das spielt an diesem Abend keine Rolle.

Dann legt sie los. Begriffe wie Kryptologie (griechisch "krypto" = geheim, logos = Wort), Kryptographie (die Verschlüsselung), Transposition (Zeichen vertauschen) und Substitution (Zeichen ersetzen) flirren über die Leinwand, berühmte Kryptographen wie Julius Cäsar (100-44 v. Chr.) und Blaise de Vigenère (1523-1596) werden bemüht, um schließlich eine selbst entwickelte Geheimsprache aus dem Hut zu zaubern - eine Krytographie nach Noten!

Längst hat Christiane Licht ihr Publikum im Sack. Welche Buchstaben innerhalb der deutschen Sprache wie oft vorkommen, sei leicht zu ermitteln gewesen, erzählt sie. Das E beispielsweise ist mit 17,4 Prozent das gebräuchlichste Schriftzeichen, gefolgt vom N (9,78 Prozent), I (7,55), S (7,27) und R (7,0).

Dagegen: Welche Noten Komponisten am liebsten verwenden, darüber gab es bislang nicht eine einzige Erhebung. Also machte sich Christiane Licht selbst ans Werk und zählte nicht weniger als 40 000 Noten in Kompositionen von Johann Sebastian Bach, Antonio Vivaldi und Wolfgang Amadeus Mozart.

Dabei wertete sie die Musikstücke sowohl nach der Häufigkeit der Noten als auch nach deren Länge und Höhe aus.

Ihr Fazit: "Jeder Komponist hat seinen eigenen musikalischen Fingerabdruck." Bachs Lieblingsnote beispielsweise sei D2, Vivaldi dagegen setze vor allem auf E2. Mit ihren Erkenntnissen lasse sich ohne langwierige Handschriftenvergleiche und Papieranalysen die Echtheit von klassischen Originalen überprüfen, verkündet die junge Studentin stolz.

Schließlich musste sie nur noch die beliebtesten Noten den am häufigsten verwendeten Buchstaben im Alphabet zuordnen, Umlaute, Leerzeichen, Punkt, Komma und andere Satzzeichen übersetzen und einige Fallen einbauen, schließlich sollen nur Eingeweihte ihre Geheimsprache entschlüsseln.

Am Ende ihres Vortrags greift die Studentin zur Klarinette und gibt eine chiffrierte Botschaft zum Besten. Melodische Tonfolgen schweben durch den Saal, bis das Publikum in Jubel ausbricht und kein Geheimnis daraus macht, wem sie an diesem Abend das "Goldene Gehirn" zuerkennt.

Dabei sollte Christiane Licht, die im vergangenen Jahr den Landeswettbewerb "Jugend-forscht" in Mathematik gewann, überhaupt nicht starten dürfen, wie Organisator Stephan Musholt verrät. "Zuerst wollte ich sie nicht auf die Bühne lassen, sie war mit 19 noch sehr jung und ihr Forschungsprojekt hatte nichts mit ihrem Studienfach zu tun."

Als dann jedoch ein anderer Teilnehmer ausfiel, bekam Christiane Licht ihre Chance - kam, sah und siegte! Seither steht ihr Telefon nicht mehr still. Interviews im "Spiegel", Deutschlandfunk und WDR, eine Einladung zum internationalen Kongress für Geheimsprachen und ein Verlag, der ihre Geheimsprache als Buch herausbringen will - für die junge Münsteranerin geht ein Traum in Erfüllung.

Dennoch soll ihr Studium nicht ins Hintertreffen geraten. Christiane Licht schmiedet schon Pläne: Sie will eine eigene Veranstaltungsreihe ins Leben rufen, bei der Episoden der Fernsehserie "Dr.  House" auf ihren medizinischen Wahrheitsgehalt hin untersucht werden. Unverschlüsselt.

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