Gesellschaft

Erforschung von Morphium und Mumifizierungsmethoden

Durch seine Entdeckung des Opiumalkaloids Morphium zählt Friedrich Wilhelm Sertürner zu den großen Namen in der Geschichte der Pharmazie. Eine Spurensuche.

Von Klaus Brath Veröffentlicht: 26.06.2009, 05:00 Uhr

Kaum hatte Friedrich Wilhelm Sertürner seine pharmazeutische Ausbildung beendet, gelang es 1804 dem damals 21-jährigen "Gehülfen" in der Hofapotheke zu Paderborn, den Schlaf induzierenden Faktor des Opiums zu isolieren und seine Wirkung in wagemutigen Selbstversuchen zu erproben. Zwar war Opium, der getrocknete Milchsaft des Schlafmohns, bereits seit der Antike als Schmerzmittel bekannt.

Doch der Wirkstoffgehalt pflanzlicher Drogen schwankt bekanntlich: Mal erwies sich die erwünschte Schlaf machende Wirkung als zu gering, mal als viel zu lange anhaltend. Erst Sertürner gelang es, Morphium - das er nach dem griechischen Gott der Träume benannte - relativ rein herzustellen und zugleich den ersten basisch reagierenden Pflanzenwirkstoff aufzufinden.

Startschuss für industrielle Pharmaforschung

Damit gelang Sertürner ein Meilenstein in der Entwicklung der Anästhesiologie und Pharmakologie. Mit seiner Pioniertat begründete er zum einen ein neues Forschungsgebiet: Die Alkaloidchemie deckte die Wirkstoffe vieler schon lange verwendeter Heilpflanzen auf. Zum anderen markiert seine Entdeckung den Beginn einer neuen Epoche pharmazeutischer Forschung: Denn fortan verlagerte sich die Arzneimittelherstellung vom Labor des Apothekers in die pharmazeutische Industrie. Und schließlich gab Sertürner der Medizin ein wirksames, nun auch exakt dosierbares und bis heute unverzichtbares Analgetikum an die Hand.

So bedeutsam Morphium als Schmerz-, aber auch als Suchtmittel, bis heute auch ist - Sertürners Entdeckung wurde zunächst ignoriert. Erst als er 1817 seine Forschungsergebnisse in erweiterter Form publizierte, wurde die Bedeutung seiner Arbeit von der Fachwelt anerkannt. So ist Sertürner heute einer breiten Öffentlichkeit als Entdecker des Morphins vertraut.

Darüber hinaus ist über sein Leben jedoch wenig bekannt. Der Paderborner Apotheker Dr. Manfred Kesselmeier hat sich nun auf Spurensuche begeben. Dazu hat er umfangreiche apothekengeschichtliche Quellen und Dokumente sowie Sertürners gesamtes Schrifttum, darunter die noch unpublizierten Manuskripte und die weit gestreute Korrespondenz, aufgespürt und ausgewertet. So gelang es ihm, ein umfassendes und differenziertes Bild über Sertürner zu präsentieren.

Sertürner, der am 19. Juni 1783 in Neuhaus bei Paderborn als Sohn eines fürstbischöflichen Landmessers und Ingenieurs geboren wurde, wuchs danach - anders als häufig dargestellt - keineswegs in einfachsten Verhältnissen auf. Er genoss Schulbildung und zusätzlichen wissenschaftlichen Unterricht und begann schließlich 1799 in Paderborn in der Cramerschen Hofapotheke eine vierjährige Lehre. Zum Abschluss wurden ihm 1803 "treffliche Kenntnisse" bescheinigt. 1805 wechselte er als Gehilfe in die Ratsapotheke in Einbeck. Dort eröffnete er 1809, begünstigt durch die neue französische Gesetzgebung, eine Patentapotheke, die er nach der Verbannung Napoleons I. wieder schließen musste. Erst Jahre später konnte er die damals im "Hochzeitshaus" gelegene Ratsapotheke in Hameln übernehmen, die er von 1821 bis zu seinem Tod 1841 durch ein Gichtleiden betrieb.

Wissenschaftliche Isolation durch Renommiergehabe

Sertürner gehörte zu jenen Apothekern, die sich neben den Alltagsaufgaben in der Offizin zeitlebens auch der Forschung widmeten. In späteren Jahren nicht weiter mit Alkaloiden, sondern mit ganz unterschiedlichen Inhalten. Sie reichen von Elektrochemie über Mumifizierungsmethoden bis hin zur Geschützkunst. Wenngleich sich Sertürner nicht, wie oft kolportiert, in späteren Jahren nur noch naturphilosophischen Spekulationen zuwandte, entfernte er sich doch mehr und mehr von ernsthaften wissenschaftlichen Arbeitsweisen.

Obwohl mehrfach ausgezeichnet, geriet er unter anderem wegen seines Hangs zu Renommiergehabe und Selbstüberschätzung in die wissenschaftliche Isolation. So blieb auch unbeachtet, dass er - bereits rund 50 Jahre vor Robert Koch - ein "giftiges, belebtes, sich fortpflanzendes oder erzeugendes Wesen" als Verursacher der Cholera annahm.

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