Healthy Ageing

Gesundes Altern wird zum Kraftakt

Nächstes Jahr startet die WHO-Dekade des gesunden Alterns. Das erste Hochrangige EU-Forum zur Silver Economy in Helsinki machte deutlich, wie komplex die Materie ist. Es geht um das Wohl fitter Senioren und deren Nutzen für die Gesellschaft.

Von Matthias Wallenfels Veröffentlicht: 16.07.2019, 17:20 Uhr
Gesundes Altern wird zum Kraftakt

Zsuzsanna Jakab, WHO-Regionaldirektorin Europa, fordert mehr digitale Medizin für fitte Senioren. maw

© maw

HELSINKI. Rollatoren und Rollstühle prägen heute in vielen Städten ganze Straßenzüge – nämlich dort, wo bevorzugt ältere Menschen wohnen oder sich Alten- und Pflegeeinrichtungen befinden.

Wird das in drei Jahrzehnten noch genauso sein, oder flitzen dann überall fitte Senioren auf ihren E-Scootern zwischen Gastspiel auf dem Tennisplatz, Kino und Nachmittagstee durch die Gassen?

Die Frage ist nicht unberechtigt: Denn gemäß UN-Prognose soll die Zahl der Menschen, die über 60 Jahre alt sind, von 962 Millionen im Jahr 2017 auf 2,1 Milliarden im Jahr 2050 steigen. Die Mehrheit davon wird in den alternden Gesellschaften in China oder in den OECD-Mitgliedstaaten anzutreffen sein – in Japan, Deutschland, Italien oder auch Finnland.

600 hochrangige Teilnehmer

So verwundert es nicht, dass die Finnen – inzwischen die drittälteste Gesellschaft rund um den Globus – das Thema Demografiewandel in ihrer gegenwärtigen EU-Ratspräsidentschaft zu einem zentralen Thema auserkoren haben. Sie wollen das Altern hoffähig machen. Denn tendenziell ist der demografische Wandel in der politischen Diskussion weltweit eher negativ konnotiert.

Um hier einen Sinneswandel in Politik, Wirtschaft, aber auch in den Gesellschaften – und damit bei jedem einzelnen Menschen – herbeizuführen, hat Finnlands Regierung vor Kurzem zum ersten „High-Level Forum on The Silver Economy“ geladen.

Rund 600 hochrangige Teilnehmer aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, aber auch Kunst nutzten die Finlandia Hall in Helsinki als Bühne für ihre Vision einer Welt voller fitter und teilhabender Senioren, die Veranstaltung verstand sich als inoffizieller Startschuss der WHO-Dekade des gesunden Alterns von 2020 bis 2030.

Es gilt, jede Menge dicker Bretter zu bohren

Auf dem Weg zu Gesellschaften, in denen Senioren nicht nur, weil sie über eine überdurchschnittliche hohe Kaufkraft verfügen, als Bereicherung wahrgenommen werden, sind allerdings noch jede Menge dicker Bretter zu bohren – unter anderem an folgenden Stellen:

  • Gesundheitswesen: Um künftige Generationen von der Empfängnis bis zum letzten Atemzug gesund und fit zu halten, müsse die gezielte und persistierende Prävention als gesundheitspolitischer Schwerpunkt gelten, so der Konsens der Forumsteilnehmer. Ebenso müsse in die digitale und die Gesundheitskompetenz investiert werden. Dies zielt ab auf die Einflüsse des sozialen Umfelds auf die Gesundheit. Zsuzsanna Jakab, WHO-Regionaldirektorin Europa, mahnte, die Segnungen der Digitalisierung – Big Data und Künstliche Intelligenz (KI) – auch konsequent in die Früherkennung, Vorsorge sowie Behandlung zu integrieren. Beispielhaft nannte sie den digitalisierten Kampf gegen Krebs.
  • Wirtschaft: Für die Wirtschaft sind die Senioren im wahrsten Sinne des Wortes Gold wert. So verwies Bayer-Chef Werner Baumann auf die Chance, dass sich gesundheitskompetente Senioren zum Beispiel verstärkt mit OTC-Produkten fit halten können und so weniger die Gesundheitssysteme mit Arztbesuchen und Klinikaufenthalten belasten würden. Des Weiteren sind auch spezifische Produktinnovationen gefragt, die älteren Menschen den Lebensalltag erleichtern. So verwies Sushant Trivedi von Gillette auf den vor kurzem in den Markt gebrachten, weltweit ersten Einweg-Rasierer, der den Rasierschaum bereits enthält, mit dem Ehefrauen zum Beispiel ihre dementen Ehemänner unabhängig vom Badezimmer rasieren könnten. Diese Lösung erfahre in den USA und Großbritannien bereits eine große Nachfrage. Auf der politischen Ebene, so der Appell von Helsinki, müssten die Staaten den Weg für flexiblere Arbeitsmodelle frei machen, damit die Unternehmen das Know-how und die Arbeitskraft von Senioren, die dies wünschten, in Anspruch nehmen könnten. Bisher bedeute das Erreichen des gesetzlichen Renteneintrittsalters für die meisten Beschäftigten das Ende der Erwerbsbiografie.
  • Infrastruktur und Bauen: Die WHO adressiert altersfreundliche Regionen, in denen infrastrukturell sowie baulich auf die Bedürfnisse und Einschränkungen älterer Menschen eingegangen wird. Die Metropolregion Greater Manchester ist von der WHO als erste altersfreundliche Region ausgezeichnet worden. Bürgermeister Andy Burnham versicherte in Helsinki, dass Wissenschaft, Wirtschaft und Politik an einem Strang zögen, um weltweites Vorbild als lebenswerte Stadt für Senioren zu sein – für die fitten genauso wie für die weniger rüstigen.

Bewährungsproben stehen bevor

So vielversprechend das gesunde Altern auch klingt, harte Bewährungsproben auf dem Weg zu den Seniorenparadiesen weltweit werden kommen. Fällt ein Land zum Beispiel in die Rezession, wird gerne der Rotstift angepackt.

Bleibt abzuwarten, ob dann im konkreten Fall an die Zukunftssicherung inklusive der Alten gedacht oder – wie eh und je – nach Kassenlage gehandelt wird.

Lesen Sie dazu auch: Silver Economy Forum: Europa setzt die Alten auf die Agenda Kampf gegen Alzheimer: Ausgaben sind Investitionen, keine Kosten

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