Gesellschaft

Hilfe, mein Kind kann noch nicht sprechen!

Etwa 20 Prozent der Kinder in Deutschland sind sogenannte "Late Talkers", sie beginnen erst deutlich nach ihrem ersten Geburtstag zu sprechen, haben im Alter von zwei Jahren einen Wortschatz, der weniger als 50 Wörter umfasst oder bilden noch keine Zwei- oder Mehrwortsätze.

Von Stephanie Ralle-Zentgraf Veröffentlicht: 13.03.2009, 05:00 Uhr

"Das wächst sich schon aus?" Vorsicht! Etwa die Hälfte der Late Talkers haben über das Kindergartenalter hinaus deutliche Defizite in der sprachlichen Entwicklung, wie etwa eine Studie der Diplom-Psychologin Steffi Sachse von der Uni München über Late Talkers aus dem Jahr 2007 gezeigt hat. Bei etwa 50 Prozent dieser Fälle mündet diese Sprachentwicklungsstörung in zum Teil gravierende Schulprobleme. Auch treten emotionale und Verhaltensstörungen häufiger auf als bei "normalen" Kindern.

Den betroffenen Kindern kann häufig nur mithilfe einer langwierigen Therapie geholfen werden - ein enormer Aufwand sowohl in finanzieller als auch in zeitlicher Hinsicht. Gelingt es dagegen, Risikokinder bereits im Alter von zwei Jahren zu identifizieren, kann der Aufwand relativ gering gehalten werden.

Inzwischen gibt es in Deutschland viele Logopäden und Sprachtherapeuten, wie Dr. Mascha Hecking vom Sprachtherapeutischen Beratungs- und Behandlungszentrum München (SBBZ), die spezialisiert sind auf Kinder im Vor-Kindergarten-Alter. Nach Heckings Erfahrung lässt sich das Problem bei Late Talkern "mit gutem Sprachverständnis in der Regel durch die vorher entsprechend geschulten Eltern, gegebenenfallss auch die Erzieher in der Kinderkrippe in den Griff bekommen." Bei Late Talkern mit eingeschränktem Sprachverständnis, die bis zum Alter von zweieinhalb Jahren nicht aufgeholt haben, empfiehlt Hecking wie ihre Kollegen eine therapeutische Intervention. Wird rechtzeitig, das bedeutet sofort, reagiert, reicht in acht bis neun von zehn Fällen eine sogenannte Anschub-Therapie (etwa zehn Therapiestunden) vollkommen aus.

Hilfe, mein Kind kann noch nicht sprechen!

Direkte Zuwendung und Blickkontakt: Basis für eine gute Sprachförderung.

© Foto: Imago

Eltern können meist nicht beurteilen, ob es sich beim verspäteten Sprechbeginn ihres Kindes um "ganz normale" Abweichungen handelt oder ob nicht doch das Risiko einer Sprachfehlentwicklung gegeben ist. Auch bei der kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchung bleibt nicht immer Zeit für eine ausführliche Untersuchung der sprachlichen Fähigkeiten, schließlich müssen noch viele andere Parameter erfasst werden. Deshalb wurden zur Frühidentifikation betroffener Kinder Screening-Fragebögen für den Einsatz in Kinderarztpraxen entwickelt, die es möglich machen, im Rahmen der U7 (21-24. Lebensmonat) zuverlässig Risiken in der Sprachentwicklung zu erkennen.

Da vor allem bei sehr kleinen Kindern die Eltern die wichtigsten Bezugspersonen und Kommunikationspartner sind und eine klassische Kind-zentrierte Therapie nicht häufiger als ein- bis zweimal pro Woche stattfinden kann, bietet es sich an, zunächst Eltern zu beraten, wie sie ihr Sprachangebot optimieren können, um den Spracherwerbsprozess des Kindes optimal zu unterstützen.

Eine Reihe von Sprachheilpädagogen, Sprachtherapeuten, Psychologen und Logopäden bieten überall in Deutschland, vor allem in den Großstädten und Ballungszentren, zertifiziertes Training an (www.heidelberger-elterntraining.de).

Allerdings muss den Eltern betroffener Kinder klar sein, dass manchmal eine Therapie "von außen" schneller und effektiver zum Ziel führt. Hat der Kinderarzt aufgrund des Screenings Störungen festgestellt? Dann empfiehlt die Elterntrainerin und Sprachheilpädagogin für Kleinkinder am SBBZ München, Dr. Mascha Hecking, Eltern, immer einen Experten aufzusuchen. Das Ziel: eine sprachtherapeutische Frühdiagnostik. Die Therapie, die sich wenn nötig anschließt, richtet sich an den Bedürfnissen des Kindes aus. Lernmedium ist das Spiel.

Kontakt: Sprachtherapeutisches Beratungs- und Behandlungszentrum München der Medau-Schule (Coburg) Ayerstraße 89, 80335 München,

info@sbbz-muenchen.de,

www.sbbz-muenchen.de

So funktioniert das Heidelberger Elterntraining

Das Heidelberger Elterntraining zur frühen Sprachförderung wurde von der Diplom-Psychologin Anke Buschmann speziell für Eltern zwei- bis dreijähriger Kinder mit deutlich verzögerter Sprachentwicklung konzipiert. Während der sieben Sitzungen bekommen die Teilnehmer Tipps wie sie einerseits eine sprachförderliche Kommunikation und Interaktion mit ihrem Kind aufbauen und andererseits sprachhemmende Verhaltensweisen abbauen können. Dazu gehört das Einhalten der Grundprinzipien einer Kommunikation, die Sprache fördert:

  • Auf die Höhe des Kindes begeben, nicht von oben herab agieren
  • Direkte Zuwendung und Blickkontakt
  • Abwarten, was das Kind sagen möchte, nicht zuvorkommen
  • Dem Kind aufmerksam und interessiert zuhören
  • Beim Reden nicht unterbrechen, schon gar nicht verbessern
  • Bestätigend aufgreifen, was das Kind gesagt hat
  • Einfache, kurze Sätze
  • Langsam, deutlich und mit guter Betonung sprechen
  • Interessiertes Nachfragen
  • Spaß am Sprechen vermitteln
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