Ausbildung

In Hebammenschule fit für den Kreißsaal werden

Ein Jahr nach ihrem Start gewinnt die Hebammenschule in Frankfurt beständig an Reputation. Das Anforderungsprofil an Absolventen ist hoch. Und die künftige Akademisierung ist durch die Angliederung an die Uni mitbedacht.

Von Pete Smith Veröffentlicht: 17.11.2018, 13:22 Uhr
In Hebammenschule fit für den Kreißsaal werden

3000 Stunden Praxis, 1600 Stunden Theorie – Vorgaben für den Unterricht in Frankfurt.

© Gelpi / stock.adobe.com

FRANKFURT/MAIN. Ein Jahr nach Eröffnung der ersten Hebammenschule in Frankfurt am Main zieht deren Leiterin Nadja Zander eine durchweg positive Bilanz. „Wie gut unsere Schule hier angenommen wird, hat mich wirklich erstaunt.“

Dabei habe deren Gründung mit Blick auf die zu erwartende Akademisierung der Ausbildung seinerzeit für Verwunderung gesorgt. „Doch der Bedarf ist unfassbar hoch, und jede unserer Absolventinnen wird dringend benötigt.“

Gründer der Frankfurter Hebammenschule sind die Carl Remigius Medical School, die zum Fachbereich Gesundheit & Soziales der Hochschule Fresenius zählt, das Bürgerhospital, das Clementine Kinderhospital und das Uniklinikum Frankfurt am Main.

Am 1. September 2017 haben 23 Schülerinnen und ein Schüler ihre Ausbildung aufgenommen. Darüber hinaus wurden 15 Schülerinnen des dritten Jahrgangs der Hebammenschule Aschaffenburg-Alzenau, Nadja Zanders ehemaliger Wirkungsstätte, aufgenommen.

Letztere wurden inzwischen examiniert. „Mit sehr guten Noten“, sagt Zander. „Die Hälfte von ihnen bleibt in Frankfurt, wo sie gleich einen Job gefunden haben.“

Ausbildungsplätze verdoppelt

Der Erfolg spricht sich herum: In diesem Jahr konnte man die Zahl der Ausbildungsplätze auf 48 glatt verdoppeln. Möglich wurde dies durch die Unterstützung von sieben weiteren Kooperationskrankenhäusern: dem Elisabethen Krankenhaus, dem Hospital zum Heiligen Geist, dem Krankenhaus Sachsenhausen und dem Klinikum Höchst in Frankfurt sowie dem Sana Klinikum Offenbach, den Main-Kinzig-Kliniken in Gelnhausen und dem Klinikum Darmstadt, womit sich sowohl das Einzugs- wie auch das Versorgungsgebiet vergrößert haben.

„Unser Anspruch ist eine exzellente Hebammen-Ausbildung“, sagt Professor Franz Bahlmann, Chefarzt der Frauenklinik des Bürgerhospitals Frankfurt, „die als Leuchtturm für ganz Deutschland gelten soll.“

Daher begrüße er die Forderung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, dass Hebammen und Entbindungspfleger künftig in einem dualen Studium auf ihren Beruf vorbereitet werden sollen.

„Dadurch können wir noch besser auf die Bedürfnisse der werdenden Mütter eingehen und die neuen Erkenntnisse der Wissenschaft einfließen lassen.“

Das Anforderungsprofil für Hebammen habe sich durch die drastische Zunahme von Mehrlings- und Risikoschwangerschaften in den vergangenen Jahrzehnten stark gewandelt. „Durch die akademische Ausbildung begegnen sich Hebammen und Ärzte dann auf Augenhöhe und arbeiten Hand in Hand zum Wohle der Eltern.“

Tatsächlich ist Deutschland das letzte Land in der Europäischen Union, das die 2013 veröffentlichte EU-Richtlinie zur Akademisierung der Hebammen-Ausbildung noch nicht umgesetzt hat. Dazu bleibt nur noch bis zum 18. Januar 2020 Zeit.

Von diesem Stichtag an dürfen Hebammen ohne Studium nicht mehr in EU-Ländern arbeiten. Was das für die 58 Hebammenschulen in Deutschland bedeutet, ist noch völlig unklar. Offen ist beispielsweise die Frage, ob es Übergangsregeln gibt und wie lange diese gelten.

„Praxis steht ganz weit oben“

„Wir in Frankfurt können da relativ entspannt sein“, sagt Nadja Zander, „denn wir sind ja bereits einer Hochschule angegliedert.“ Die Hochschule Fresenius zählt mit 12.000 Studenten zu den größten privaten Präsenzhochschulen Deutschlands. „Praxis steht für uns ganz weit oben“, sagt Alexander Pradka, Pressesprecher der Carl Remigius Medical School.

Das bestätigt auch Professor Frank Louwen, Leiter der Abteilung Geburtshilfe und Pränatalmedizin am Uniklinikum Frankfurt: „Wir sorgen dafür, dass unsere angehenden Hebammen und Entbindungshelfer die neuesten Erkenntnisse der Medizin sowie interdisziplinäres Denken und Handeln verinnerlichen und direkt in den beruflichen Alltag einbringen.“ Derzeit umfasst der praktische Teil des Unterrichts 3000 und der theoretische 1600 Stunden.

Dem Statistischen Bundesamt zufolge leisteten 2016 exakt 11.077 Hebammen Geburtshilfe in deutschen Krankenhäusern, davon waren 9301 festangestellt und 1776 Beleghebammen.

Von den rund 24 000 Hebammen sind rund 13 000 freiberuflich tätig, darunter befinden sich einige, die zumindest eine Teilanstellung haben. Nicht zuletzt fehlender Hebammen wegen hat sich die Zahl der Krankenhäuser mit Geburtshilfe seit Anfang der 1990er Jahre bundesweit um etwa ein Drittel verringert.

Einen wichtigen Grund für den vielerorts spürbaren Mangel an Hebammen sieht Zander, die den Beruf seit 23 Jahren ausübt, im geringen Verdienst. „Im Verhältnis zum hohen Arbeitsaufkommen in den Kreißsälen und der damit verbundenen Verantwortung ist das Gehalt nicht entsprechend mitgestiegen.“

Experten fürchten, der Hebammenmangel könnte sich durch die Akademisierung des Berufs noch verschärfen, schließlich setzt er künftig ein Abitur voraus.

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