Migranten

Kanaren fürchten mehr COVID-Infektionen durch Flüchtlinge

Die Mittelmeerroute nach Europa ist dicht. Jetzt probieren immer mehr afrikanische Bootsflüchtlinge über die gefährliche Atlantikroute auf die Kanarischen Inseln zu gelangen.

Von Manuel Meyer Veröffentlicht:
Flüchtlinge stehen an der Mole der Hafenstadt Arguineguín im Südwesten von Gran Canaria. Immer mehr Migranten wagen die Überfahrt aus Afrika.

Flüchtlinge stehen an der Mole der Hafenstadt Arguineguín im Südwesten von Gran Canaria. Immer mehr Migranten wagen die Überfahrt aus Afrika.

© Manuel Navarro/dpa

Gran Canaria. Mehr als 2200 Menschen fand die spanische Seenotrettung am Wochenende vor der Küste Gran Canarias in kleinen Holzbooten treiben. Sie stammen aus Marokko, Senegal und Mali. José Antonio Rodríguez und sein Team vom Roten Kreuz nehmen die afrikanischen Bootsflüchtlinge in der Hafenmole von Arguineguín in Empfang. Zunächst werden Menschen mit Verletzungen und gesundheitlichen Problemen versorgt.

„Einige haben kleinere Schnittwunden und Verbrennungen. Andere leiden unter Sonnenstichen, starker Dehydrierung und Unterkühlung“, erklärt Rodríguez, Notfall-Einsatzleiter des Roten Kreuzes auf den Kanarischen Inseln. Nach einem kurzen Gesundheitscheck werden die Flüchtlinge auf SARS-CoV-2 getestet. Dann können sie erst einmal duschen. Die freiwilligen Helfer des Roten Kreuzes versorgen die Migranten mit trockener Kleidung und Essen. „Da sie seit Tagen nichts gegessen haben, gibt es nur heißen Tee und ein paar Kekse. Alles andere würde ihr Magen zunächst nicht gut vertragen“, erklärt Rodríguez.

Zelte sind völlig überfüllt

Der Gesundheitszustand der Neuankömmlinge macht Rodríguez aber weniger Sorgen. Sein Problem: „Bis der Befund der Corona-Tests vorliegt, müssen sie hier bleiben, und ich weiß nicht, wo ich die Menschen noch unterbringen soll.“ Das provisorische Flüchtlingslager auf der schmalen Hafenmole in Arguineguín ist nur für knapp 500 Personen ausgelegt. Doch aktuell müssen weit über 1500 Menschen beherbergt werden.

Die zehn Zelte des Roten Kreuzes sind vollkommen überfüllt. Feldbetten gibt es nicht. Hunderte Flüchtlinge müssen auf dem harten Betonboden unter freiem Himmel schlafen. Zumindest erhält jeder ein paar Wolldecken, die tagsüber auch als Schutz vor der sengenden Sonne dienen. Neben den Zelten stehen ein paar Duschen und Dixi-Klos. Zu Essen gibt es nur Fruchtsäfte, Wasser und belegte Brötchen – morgens, mittags, abends.

„So geht es nicht weiter. Das können wir alleine nicht stemmen. Spanien und Europa müssen aktiv werden, sonst werden die Kanaren ein zweites Lesbos“, versichert Onalia Bueno. Die Bürgermeisterin von Arguineguín nennt das Flüchtlingsaufnahmelager schlichtweg ein „Camp der Schande“. Die sanitären Verhältnisse seien katastrophal, menschenverachtend und einem europäischen Land wie Spanien nicht würdig.

Mehr als 14.500 Migranten machten sich in diesem Jahr bereits von der Küste Westafrikas zu den knapp 100 Kilometern entfernten Kanaren auf – neun Mal mehr als im vergangenen Jahr. Sie starten vor allem im südlichen Marokko, aber auch von den Stränden Mauretaniens und Senegals, die über 1600 Kilometer entfernt sind. Bis zu zwölf Tage kann die Überfahrt dauern.

Da die Mittelmeerrouten nach Europa relativ dicht sind, wählen immer mehr Flüchtlinge die lange und gefährlichere Route zu den spanischen Urlaubsinseln im Atlantik, sagt Juan Carlos Lorenzo von der spanischen Flüchtlingshilfsorganisation CEAR. Zudem hätten viele westafrikanische Länder wegen der Corona-Pandemie lange die Flüchtlingsrückführungsabkommen mit der Europäischen Union ausgesetzt. „Diesen Moment wollen viele Migranten nutzen, zumal die Pandemie die wirtschaftliche Situation in den ohnehin schon strukturschwachen Ländern nochmals verschlechtert hat“, so Lorenzo.

Höhere Gefahr auf Atlantikroute

Von der Gefahr der Überfahrt wissen die meisten nichts. Laut der Internationalen Organisation für Migration IOM stirbt auf der Atlantikroute zu den Kanaren jeder 16. Flüchtling. Zum Vergleich: Im östlichen Mittelmeer auf dem Weg nach Griechenland schafft es nur einer von 120 Bootsflüchtlingen nicht. Die meisten Bootsflüchtlinge landen auf den Kanaren derzeit auf Gran Canaria, aber auch auf den östlichen Nachbarinseln Teneriffa, Fuerteventura und Lanzarote. „Wenn das Meer ruhig ist, kannst Du sicher sein, dass in 24 Stunden die ersten Boote ankommen“, berichtet Jenice Schwob.

„Nach der tagelangen Überfahrt sind die Menschen teilweise so entkräftet, dass sie selbst in Strandnähe in ein Meter tiefem Wasser ertrinken“, so die Notfall-Sanitäterin aus Hannover, die bis vor kurzem auf Lanzarote beim Roten Kreuz in der medizinischen Erstversorgung von Bootsflüchtlingen arbeitete. Nun baut Schwob die Infrastrukturen für eine deutsche Flüchtlingshilfsorganisation auf, die sich demnächst auf den Kanaren bei der Betreuung und Seenotrettung von Migranten engagieren will.

Aus Madrid kommt kaum Hilfe

Unterstützung können die Kanaren mit Blick auf die Flüchtlingswelle mehr als gebrauchen, versichert die deutsche Rettungs- und Katastrophenschutzexpertin. Es fehle an Hygieneartikeln, Sanitäranlagen, Matratzen und menschenwürdigen Unterkünften. Aber auch an Helikoptern und Booten zur Rettung und Lokalisierung der Migranten. Wenn sich die Winde und Strömungen ändern, treiben viele Boote einfach an den Kanaren vorbei. So wurden bereits vor der Küste Kubas und Miamis senegalesische Flüchtlingsboote mit mumifizierten Leichen angespült.

Die spanische Zentralregierung und auch die EU hätten derzeit aber wohl andere Sorgen, kritisiert Schwob. „Aus Madrid kommt kaum Hilfe. Die Regierung ist mit der Corona-Pandemie und Haushaltsdebatten beschäftigt“. So sehen es auch viele Kanarier. Sie fordern, dass die illegalen Migranten möglichst schnell aufs spanische Festland oder zurück in ihre Länder gebracht werden.

Der Flüchtlingsansturm auf den spanischen Urlaubsinseln führt bereits zu sozialen Protesten. Schon im August errichteten die Einwohner von Tunte Straßenbarrikaden, um die Unterbringung von Bootsflüchtlingen in ihrem Ort zu verhindern. „Wir leben hier vom Tourismus. Wegen der Corona-Pandemie bleiben viele Urlauber weg. Die Bilder von Flüchtlingsmassen könnten noch mehr Touristen fernhalten“, glaubt auch Ricardo Ortega, Vorsitzender des Fischerverbands von Arguineguín.

Nicht wenige befürchten zudem, die nicht selten mit COVID-19 infizierten Flüchtlinge könnten die Situation auf den bisher größtenteils von der Pandemie verschonten Kanaren verschlimmern. „Das ist absurd, weil die Migranten sofort bei ihrer Ankunft isoliert und getestet werden und somit keine Gefahr für die Bevölkerung darstellen“, stellt Amós García Rojas, Chef-Epidemiologe der kanarischen Regierung, klar.

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