Studie deckt schlechtere Hirnleistungen auf

Macht viel fernsehen dumm?

Wer als junger Mensch viel vor dem Fernsehgerät sitzt, hat nach aktuellen Studiendaten im mittleren Alter bei Hirntests das Nachsehen. Wenig Sport scheint danach für das Gehirn ebenfalls schlecht zu sein - wenn auch nicht ganz so dramatisch.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Ein Lebensstil mit viel TV-Konsum scheint auch aufs Hirn zu schlagen.

Ein Lebensstil mit viel TV-Konsum scheint auch aufs Hirn zu schlagen.

© Christoph Schmidt / dpa

NEU-ISENBURG. Es ist ein schon deutlich abgegriffenes Klischee, dass viel Fernseh-Konsum verblödet. Doch etwas scheint ja dran zu sein, wenngleich die Ursachen noch weitgehend unklar sind.

Ist das Programm einfach hirnzersetzend schlecht und hält es den Zuschauer von kognitiv stimulierenden Tätigkeiten ab, sodass die neuronale Konnektivität und damit letztlich auch die Intelligenz der Betrachter leidet? Oder liegt es am Bewegungsmangel?

Wenig körperliche Aktivität geht mit schlechteren Hirnleistungen einher. Und wer täglich vier oder mehr Stunden Fernsehen schaut, hat nun einmal keine Zeit für Sport.

Schließlich könnte ein anderes Klischee zutreffen: Die Vielfernseher sind gehäuft Unterschichtmänner, die bereits wenig Grips mitbringen und den Tag mit einem Bier vor der Glotze verdösen, weil ihnen sonst nichts Sinnvolles einfällt.

In diesem Fall wäre die Kausalität natürlich eine andere: Wer nichts in der Birne hat, hängt öfter vor dem Fernseher ab.

Was davon am wahrscheinlichsten ist, wollten Forscher um Dr. Tina Hoang vom Northern California Institute for Research and Education anhand einer Langzeitstudie herausfinden (JAMA Psychiatry 2016; 73: 73).

Teilnehmer waren knapp 3250 junge Erwachsene im Alter von 18 bis 30 Jahren, die sich für die CARDIA-Studie eingeschrieben hatten. Zu Beginn der Untersuchung im Jahr 1985 lag das Alter im Schnitt bei 25 Jahren.

Alle fünf Jahre wurden die Teilnehmer nach ihren Fernsehgewohnheiten befragt, alle zwei bis fünf Jahre nach ihren Freizeitaktivitäten. 25 Jahre später unterzogen sich die Teilnehmer einem ausführlichen Kognitionstest.

Defizite bei der Verarbeitungsgeschwindigkeit

Die Studienärzte attestierten 16 Prozent der Teilnehmer ein geringes Maß an körperlicher Aktivität: Sie lagen zwei Drittel der Studienzeit unterhalb des untersten Quartils für sportliche Aktivitäten.

Knapp elf Prozent wurden als Vielfernseher klassifiziert. Sie schauten zwei Drittel der Studiendauer mehr als drei Stunden täglich fern und lagen damit kontinuierlich im obersten Quartil für den TV-Konsum.

Bei der Untersuchung nach 25 Jahren wurden mit drei verschiedenen Verfahren Verarbeitungsgeschwindigkeit (Digit Symbol Substitution Test, DSST), Exekutivfunktionen (Stroop-Test) und das verbale Gedächtnis (Rey Auditory Verbal Learning Test, RALVT) geprüft.

Wie sich zeigte, schnitten sowohl die chronischen "couch potatoes" als auch die Vielfernseher bei diesen Tests signifikant schlechter ab als der Rest der Kohorte.

Defizite gab es vor allem bei Verarbeitungsgeschwindigkeit und Exekutivfunktionen, weniger beim verbalen Gedächtnis. So hatten rund 22 Prozent der körperlich Inaktiven ein schlechtes DSST-Ergebnis für die Verarbeitungsgeschwindigkeit, bei den übrigen Teilnehmern waren es nur 15 Prozent.

Als schlecht wurde ein Ergebnis betrachtet, wenn die Leistung mindestens eine Standardabweichung unter dem alters- und geschlechtsspezifischen Durchschnitt lag.

Nach dieser Definition schnitten die Inaktiven auch beim Stroop-Test für die Exekutivfunktion mit einer Versagerquote von 16,2 versus 12,3 Prozent deutlich schlechter ab.

Beim RALVT fürs verbale Gedächtnis war der Anteil mit 22,1 versus 19,5 Prozent hingegen nicht signifikant verschieden. Wurden diverse Faktoren wie Ausbildungsgrad, Alkoholkonsum, BMI oder Hypertonie berücksichtigt, änderte sich nur wenig an den Zahlen.

So blieb etwa die Rate für ein schlechtes Abschneiden beim DSST bei den körperlich trägen Teilnehmern um knapp 50 Prozent erhöht.

Doppelt so hohe Versagerquote

Noch schlechter traf es jedoch die chronischen Vielfernseher. Bei ihnen war die Versagerquote teilweise doppelt so hoch wie bei den Teilnehmern mit moderatem oder geringem Fernsehkonsum: Den DSST verpatzten 27 versus 14 Prozent, den Stroop-Test 21 versus 12 Prozent und den RALVT 27 versus 19 Prozent.

Auch hier gab es nach der Berücksichtigung zahlreicher Begleitfaktoren nur signifikante Unterschiede beim Ergebnis für den DSST und Stroop-Test.

Macht also wenig Bewegung dumm und viel Fernsehen noch dümmer? Leider hatten es die Studiendesigner versäumt, einen Kognitionstest zu Beginn der Studie anzusetzen. Daher lässt sich kaum sagen, was Ursache und was Wirkung ist.

Es kann gut sein, dass diejenigen, die bereits zu Studienbeginn nicht die Hellsten waren, besonders viel vor dem Fernseher saßen und besonders selten ein Fitnessstudio aufsuchten. So war das Bildungsniveau bei den Vielfernsehern und körperlich Inaktiven in der Tat deutlich niedriger.

Allerdings ließen sich damit nicht sämtliche Unterschiede erklären - Verarbeitungsgeschwindigkeit und Exekutivfunktion blieben auch nach Berücksichtigung des Ausbildungsgrads signifikant schlechter. Dies legt den Verdacht nahe, dass ein Lebensstil mit viel Fernseh-Konsum und wenig Bewegung in der Tat nachteilig für die kognitive Leistung ist.

Zudem scheint es einen additiven Effekt zu geben: Völlige Sportverächter mit zugleich hohem Fernsehkonsum - das waren nur 3,3 Prozent der Teilnehmer - erzielten beim DSST doppelt so häufig und beim Stroop-Test 120 Prozent häufiger ein schlechtes Ergebnis als das Gros der Teilnehmer. Fielen die Beteiligten jedoch nur in einem Punkt auf - beim Sportdefizit oder Vielfernsehen -, dann war die Versagerquote nur noch um 50 Prozent erhöht.

Die Studienautoren um Hoang halten die Resultate auch deswegen für relevant, weil das Alter von 20 bis 30 Jahren oft prägend für den Lebensstil ist. Gelänge es, junge Erwachsene von einem aktiven Lebensstil zu überzeugen, könnten sie dadurch ihre kognitiven Fähigkeiten vermutlich besser bewahren.

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