Auschwitz

Mahnmal des Grauens

Die Befreier von Auschwitz fanden am 27. Januar 1945 nicht nur Überlebende, die von der Hölle berichteten, sondern auch unzählige Leichen ermordeter Häftlinge. 70 Jahre nach der Befreiung: Die Welt erinnert sich.

Von Eva Krafczyk Veröffentlicht:
Nationalsozialistisches Vernichtungslager: Auschwitz-Birkenau, vor 70 Jahren befreit.

Nationalsozialistisches Vernichtungslager: Auschwitz-Birkenau, vor 70 Jahren befreit.

© SIMON DAVAL / dpa

OSWIECIM. Noah Klieger hat einen Tiefpunkt der Menschheitsgeschichte erlebt - und überlebt: Auschwitz-Birkenau, das größte der nationalsozialistischen Vernichtungslager, den Todesmarsch, auf dem mindestens 9000 Häftlinge nur wenige Tage vor der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945 entlang der Landstraße starben.

Am 27. Januar 2015 kehrt Klieger nach Auschwitz zurück, zusammen mit etwa 300 anderen ehemaligen Häftlingen, als Leiter einer Gruppe Überlebender aus Israel.

Als Soldaten der Roten Armee am 27. Januar 1945 Auschwitz befreiten, fanden sie dort noch etwa 7000 Häftlinge, darunter auch Kinder.

Die SS-Wachen hatten diese kranken und völlig entkräfteten Häftlinge zurückgelassen, als sie gut eine Woche zuvor mit etwa 56.000 Häftlingen aus Auschwitz und den umliegenden Nebenlagern Richtung Westen aufbrachen.

Die Gaskammern und Krematorien waren zu diesem Zeitpunkt bereits zerstört - es sollten keine Spuren der deutschen Verbrechen hinterlassen werden.

350.000 Männeranzüge

Doch die Befreier fanden nicht nur die Überlebenden, die von der Hölle berichten konnten, durch die sie in den vergangenen Jahren gegangen waren, sie fanden die Leichen der kurz vor dem Aufbruch der SS ermordeten Häftlinge, die Asche der Ermordeten in den Ruinen, den Inhalt der Lagerhäuser mit der Habe der Opfer: rund 350.000 Männeranzüge, mehr als 800.000 Frauenkleider, Zehntausende Paare von Schuhen.

Ebenso wie die Listen der Lagerbürokratie mit den Nummern der Häftlinge ließen die Kleider der Toten eine Ahnung vom Ausmaß des Massenmordes aufkommen.

Wie viele Menschen in Auschwitz-Birkenau, dem größten der deutschen Vernichtungslager, ermordet wurden, lässt sich vielleicht nie genau feststellen. Tausende waren von den Deportationszügen direkt in die Gaskammern geschickt worden, ohne je mit einer Lagernummer registriert worden zu sein.

Fest steht, dass mindestens 1,1 Millionen Menschen in Auschwitz vergast, zu Tode geprügelt, erschossen wurden, an Krankheiten und Hunger starben.

Die Zahl der Opfer könnte noch deutlich höher sein. Für die Überlebenden, für die jüdische Gemeinschaft ist Auschwitz der größte jüdische Friedhof der Welt, ein Friedhof ohne Gräber, wo bis heute immer wieder Asche und Knochenreste an die Oberfläche kommen.

Für viele derjenigen, die das Grauen von Auschwitz überlebt hatten, war die Erfahrung des tausendfachen Todes um sie herum eine Verpflichtung, immer wieder an diejenigen zu erinnern, die den Tag der Befreiung nicht erlebt hatten.

Und auch Auschwitz sollte, so forderten die Überlebenden, nicht etwa abgerissen werden, sondern als Mahnmal für künftige Generationen dienen. Noah Klieger ist immer wieder zurückgekommen, sprach mit Jugendlichen und Politikern über das Erlebte.

Vor einem Jahr, am 69. Jahrestag der Befreiung, sprach er vor Abgeordneten der israelischen Knesset in Auschwitz: "Wir alle waren wie Schatten, nicht länger lebende Wesen."

Inbegriff des Holocaust

Die Zahl der Überlebenden ist klein geworden in den 70 Jahren. "Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch" - so beschrieb 1949 der Philosoph Theodor W. Adorno den Kulturbruch des nationalsozialistischen Massenmords.

"Auschwitz" gilt als Inbegriff des Holocaust. Das Wort ist Chiffre für das unbeschreibliche Leid von Millionen Menschen. Siebzig Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers am 27. Januar 1945 steht Auschwitz noch immer für die Erfahrung mit dem Bösen schlechthin.

Zwar hat Adorno (1903-1969) seinen berühmten Satz später relativiert, ihn gleichzeitig aber verteidigt. Es stelle sich ja die Frage, ob man nach Auschwitz "überhaupt noch leben kann", schrieb er 1951.

Dem jüdischen Philosophen, der als Emigrant nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland zurückkehrte, ging es um die philosophische Reflexion über den Holocaust.

Sieben Jahrzehnte nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz will eine große Mehrheit der Deutschen sich allerdings nicht mehr mit dem Holocaust beschäftigen.

81 Prozent möchten die Geschichte der Judenverfolgung "hinter sich lassen" und sich gegenwärtigen Problemen widmen. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage der Bertelsmann Stiftung zu den deutsch-israelischen Beziehungen hervor.

Immerhin 58 Prozent der Befragten wollen demnach einen regelrechten Schlussstrich ziehen. Bei den 40- bis 49-Jährigen sagt das jeder Zweite, bei den über 60-Jährigen 61 Prozent.

Anders sieht es dem Bericht zufolge in Israel aus: Dort wollen nur 22 Prozent mit der Vergangenheit abschließen. Die Bertelsmann Stiftung stellte die Studie am Montag vor.

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