Interview

"Mich überrascht es immer, wie resilient Menschen sind"

Der Psychotraumatologe Gordon Krahl über die Folgen der Katastrophe von Ramstein für seine Disziplin und die Chancen, traumatisierten Patienten zu helfen, wieder zu einem beschwerdefreien Leben zurückzufinden.

Von Pete Smith Veröffentlicht: 20.10.2018, 05:03 Uhr
"Mich überrascht es immer, wie resilient Menschen sind"

© Pete Smith

Ärzte Zeitung: Die Katastrophe von Ramstein gilt vielen Experten in Deutschland als Stunde Null für die psychotherapeutische Behandlung von traumatisierten Überlebenden, Hinterbliebenen und Einsatzkräften. Zu Recht?

Gordon Krahl: Die Psychotraumatologie, sollte man vorausschicken, ist schon wesentlich älter. Aber tatsächlich hat Ramstein zu einem Umdenken geführt, weshalb seither bereits unmittelbar nach einem sogenannten Großschadensereignis viel stärker darauf geschaut wird, welche Personen psychoreaktive Auffälligkeiten zeigen.

Mitunter sind von solchen Ereignissen Abertausende Menschen betroffen – wie will man da erkennen, wer voraussichtlich eine Störung entwickelt und wer nicht?

Krahl: Hierzu gibt es standardisierte Screenings. An der BG Unfallklinik in Frankfurt beispielsweise untersuchen wir schwerstverletzte Patienten im Rahmen eines Screenings zur Früherkennung psychoreaktiver Beschwerden.

Sofern sie dort auffällig sind, werden während ihres Aufenthaltes diese entweder direkt mitbehandelt oder dahingehend beobachtet, ob sich die Symptomatik verschlimmert. Unsere Erfahrung ist, dass nur ein geringer Prozentsatz der Personen psychoreaktive Auffälligkeiten entwickeln. Tatsächlich überrascht es mich immer wieder, wie resilient viele Menschen sind.

Gordon Krahl

  • Psychologischer Psychotherapeut, klinischer Neuropsychologe und Psychotraumatologe
  • Mitarbeiter des 2006 eröffneten Psychotraumatologischen Zentrums für Diagnostik und Therapie (PZDT) an der Berufsgenossenschaftlichen (BK) Unfallklinik Frankfurt am Main

Was wären Indizien für eine Gefährdung oder Störung?

Krahl: Wenn Patienten das Gefühl haben, neben sich zu stehen. Wenn ihr Zeitempfinden gestört ist. Wenn sie nachts nicht mehr die Augen zumachen können. Die Bilder, die sie sehen, erleben sie nicht als Bilder der Vergangenheit, sondern so, als würde das, was sie erlebt haben, im selben Augenblick erneut passieren.

Die Schlaflosigkeit und die Albträume gehen vielen am meisten nach. Hinzu kommen Flashbacks, visuelle oder akustische Reize, die die schrecklichen Bilder wieder hervorrufen. Das fühlt sich so an, als ob man die Situation in dem Moment tatsächlich erneut erlebt.

Gibt es Faktoren, die Ihnen die Einordnung in resiliente, leicht und akut gefährdete Patienten erleichtern?

Krahl: Epidemiologisch gibt es solche Faktoren, aber die helfen einem in der Praxis nicht unbedingt weiter. Bei Frauen beispielsweise ist das Risiko, psychotraumatische Symptome zu entwickeln, statistisch gesehen höher als bei Männern. Wer finanziell abgesichert ist, ist weniger gefährdet als jemand, der sich in einer finanziell angespannten Situation befindet.

Für Patienten, die schon vorher psychisch krank waren, ist das Risiko höher. Man weiß auch, dass die Gefahr, psychoreaktive Symptome zu entwickeln, größer ist, wenn es sich um Gewalt von Menschen handelt. Eine Naturkatastrophe akzeptieren wir leichter.

Wie sieht die Akutintervention nach einem nicht vorhersehbaren traumatischen Ereignis aus?

Krahl: Heute wissen wir, dass die Hälfte aller Symptome innerhalb der ersten Wochen von selbst wieder verschwinden. Daher beschränken wir uns in den ersten drei bis vier Wochen auf Stabilisierungsübungen, damit der Patient seine Emotionen besser regulieren kann. Zum Beispiel bitten wir ihn, sich einen imaginären Ort auszudenken, in dem er völlig sicher ist.

Und wenn sich seine psychoreaktiven Symptome nach vier Wochen noch immer zeigen?

Krahl: Dann setzen wir die Behandlung mit einer Konfrontationstherapie fort. Hier gibt es zwei Konzepte. Das eine kennt man als Eye Movement Desensitization and Reprocessing, kurz EMDR. Dabei werden die belastenden Erinnerungen unter Anwendung bilateraler Stimulation verarbeitet. EMDR bieten wir hier im Haus nicht an. Wir setzen auf das Konfrontationstraining in der Realität.

Das bedeutet aber nicht, dass Sie den Patienten dem belastenden Ereignis erneut aussetzen?

Krahl: Nicht dem Ereignis, sondern dem Setting. Ein Beispiel: Wenn man einen Banküberfall erlebt hat, konfrontiert man den Patienten nicht mit der beängstigenden Situation des Überfalls, sondern mit der Bank. Hat jemand einen schweren Autounfall erlitten, macht es Sinn, mit ihm wieder Auto zu fahren. An eine Ausnahmesituation kann man sich nicht gewöhnen, an den Alltag schon.

Wie lange dauert eine solche Konfrontationstherapie?

Krahl: Etwa zehn bis zwanzig Stunden. Posttraumatische Belastungsstörungen gehören eigentlich zu den Störungen, die man in der Psychotherapie relativ gut behandeln kann.

Ist die Akutintervention damit beendet?

Krahl: Auf die Konfrontationstherapie folgt noch eine kurze Integrationsphase. Hier wird der Patient angeleitet, die Übungen nach und nach ohne den Therapeuten durchzuführen, damit er sein normales Leben wieder aufnehmen kann. Das funktioniert meist bereits nach zwei, drei Sitzungen.

Nun bedürfen nach einer Katastrophe nicht nur die Opfer, sondern oft auch die Hinterbliebenen und Einsatzkräfte psychologischer Hilfe. Unterscheiden Sie Ihre Arbeit nach Zielgruppen?

Krahl: Eigentlich nicht. Nur in der Reihenfolge. In der Regel kümmert man sich erst um die Opfer und Angehörigen, dann um die Helfer. In den letzten Jahren haben wir allerdings festgestellt, dass die Einsatzkräfte längerfristig unter solchen Belastungen leiden können.

Der Druck und der Stress, der auf ihnen lastet, ist sehr, sehr hoch. Gerade jungen Ärzten, die von der Uni kommen, ist das oft nicht klar. Vielleicht sollte man sie in der Ausbildung besser auf solche Situationen vorbereiten.

Gibt es Patienten, bei denen die skizzierte Therapie nicht anspricht?

Krahl: Tatsächlich kennen wir Traumata, die weit außerhalb dessen liegen, was man sich vorstellen kann, etwa wenn ein Mensch einem Kriegsgebiet entkommen ist und dort gleich mehrere Traumata erlebt hat. In einem solchen Fall ist die wahrscheinliche Diagnose eine Persönlichkeitsveränderung durch Extrembelastung, und diese Erkrankung ist durch eine herkömmliche Therapie nur schwer aufzulösen.

Das kommt aber Gott sei Dank nicht so häufig vor. Schwierig wird es auch, wenn die reale Gefahrenlage noch da ist. Stellen Sie sich vor, jemand wurde überfallen, und der Täter ist noch frei. Auch wenn ein Mensch über das psychische Trauma hinaus einen körperlichen Schaden erlitten hat, beispielsweise eine Amputation, wird die Behandlung schwieriger.

Welche therapeutischen Ziele sind realistisch?

Krahl: Unser Ziel ist die Beschwerdefreiheit. Natürlich wird das belastende Ereignis immer ein belastendes Ereignis bleiben. Aber die psychoreaktiven Störungen, die Schlaflosigkeit und die Albträume, haben in den meisten Fällen infolge der Therapie ein Ende.

Lesen Sie dazu auch: Großunglücke: Vergangenheit, die nicht vergeht

Mehr zum Thema

Interview mit Angstforscher Borwin Bandelow

„Die Angst vor dem Coronavirus ist weit überzogen“

Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Newsletter bestellen »

Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile.

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt.

Jetzt anmelden / registrieren »

Top-Meldungen
S1-Leitlinie zu COVID-19 aktualisiert

DEGAM

S1-Leitlinie zu COVID-19 aktualisiert

Diese Website verwendet Cookies. Weitere Informationen zu Cookies und und insbesondere dazu, wie Sie deren Verwendung widersprechen können, finden Sie in unseren Datenschutzhinweisen.  Verstanden