Von der Praxisabgabe direkt in die Neugründung
Praxisgründung mit 75 Jahren: Warum Hans-Georg Kreul noch lange nicht ans Aufhören denkt
40 Jahre lang war Hans-Georg Kreul als niedergelassener Internist in Gevelsberg tätig. Dann sollte zumindest mit der eigenen Praxis Schluss sein. Doch es kam anders. Mit 75 Jahren hat er gerade erst eine neue Hausarztpraxis eröffnet.
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Ruhestand? Das kommt für Hans-Georg Kreul mit 75 Jahren noch nicht in Frage. Ganz im Gegenteil: Anfang des Jahres hat er eine Hausarztpraxis eröffnet.
© Anna Kreul
„Papa und Rente?“ Da schüttelt Tochter Anna den Kopf. Ihr Vater, der Internist Dr. Hans-Georg Kreul aus Gevelsberg, will es noch einmal wissen und hat Anfang des Jahres eine Hausarztpraxis eröffnet – mit 75 Jahren.
Ein Fernsehbericht des WDR zeigt ihn als vitalen Mann mit Brille, Sakko und offenem Hemd. Die Szene mit Tochter Anna spielt am Tag der Neueröffnung seiner Praxis. Viele Patientinnen und Patienten sind gekommen, um ihren alten und neuen Arzt zu begrüßen. „Da kann sich mancher von den jungen Ärztinnen und Ärzten eine Scheibe von abschneiden“, sagt eine Patientin und guckt entschlossen in die Kamera.
Man kann und man muss als Arzt irgendwann aufhören, zu arbeiten. Aber man kann nicht aufhören, Arzt zu sein. Das Berufsleben von Hausarzt Dr. Hans-Georg Kreul aus Gevelsberg sieht aus wie eine Erfüllung dieses Grundsatzes.
Nachfolger setzte ihn vor die Tür
40 Jahre lang war Kreul Internist in Gevelsberg. Dann sollte Schluss sein. Zum 1. April 2025 hat Kreul seine Praxis abgegeben an seinen Nachfolger und wollte selber als Hausarzt tätig bleiben. „Open End“ sei mit dem Nachfolger abgesprochen gewesen. Doch nach sieben Monaten war die gemeinsame Zeit schon vorbei. Er sei vor die Tür gesetzt worden, sagt Kreul, „formal korrekt, menschlich fragwürdig“, findet der Arzt.
Doch das war nicht das Ende. Per Zufall öffnete sich, nachdem die eine Tür zugefallen war, eine neue – zu Praxisräumen gleich in der Nachbarschaft. Und Kreul entschied, den Kittel wieder vom Nagel zu nehmen „Ich habe jetzt eine wunderbare Praxis. Es ist ein wunderbares Arbeiten!“, schwärmt er von seinem neuen alten Job als Hausarzt. Die Arbeit gehe gut von der Hand, berichtet er. „Da bin ich ganz glücklich!“
Ideen für den ärztlichen Ruhestand
Praxisabgabe – und dann?
Arzt in zweiter Generation
Die Entscheidung, als alter Mann nicht auszusteigen, traf Kreul indessen nicht von ungefähr. Seine Mutter und sein Vater waren ebenfalls Ärzte. Auch seine beiden Schwestern sind Medizinerinnen geworden.
Dabei wollte er in ganz jungen Jahren etwas ganz anderes: Als Dreikäsehoch fragten ihn einmal Freunde seiner Eltern, was er denn mal werden wolle. „Baggerführer!“, krähte der Vierjährige. Das konnte sich seine Großmutter nun so gar nicht vorstellen, und sie griff korrigierend ein: „Du wirst Arzt.“ Und so ist es gekommen.
Kreul ist in zweiter Generation Arzt, und die Entscheidung, im Alter lieber zu arbeiten, als Tauben zu füttern, hatte quasi sein Vater getroffen. Bis zu seinem 76. Lebensjahr hat Vater Kreul praktiziert, sieben Jahre davon zusammen mit seinem Sohn. Der sagt heute: „Was die Altersarbeit angeht, war mein Vater schon ein Vorbild. Auch mit seiner Begeisterung für die Medizin.“
Er habe von seinem Vater unendlich viel gelernt, sagt er. Diesseits aller Mühen, überfüllter Wartezimmer und unterfinanzierter Leistungen sagt Kreul, was er vielleicht als junger Arzt nie gesagt hätte: „Ich empfinde meine Arbeit nicht als Arbeit.“
„Die Praxis ist wie eine zweite Familie“
In dem Fernsehbericht sieht man, wie er die Ellenbogen auf den Tisch im Sprechzimmer setzt. Er knetet die Hände, als wäre er selbst überrascht über das, was er zum Thema Arbeit zu sagen hat und ob sich nicht doch noch anderes findet als Befriedigung, Glück und Zufriedenheit. „Die Praxis ist wie eine zweite Familie“, sagt er schließlich.
Kreul hat drei Kinder, zwei Töchter und einen Sohn „und eine sehr verständnisvolle Frau“, wie er sagt. Und augenzwinkernd fügt er hinzu: „Wir sind immer noch zusammen.“ Vor seinem inneren Auge werden die vergangenen Jahre als Arzt wieder lebendig.
„Ich bin eigentlich von der Ausbildung her fachärztlicher Internist ohne Schwerpunkt und habe hier zuletzt viel Gastroenterologie gemacht“, berichtet Kreul. „Ich war der Einzige im Umkreis, der endoskopiert hat.“ Erkrankungen der Schilddrüse und die Osteoporose waren zu seinen Spezialgebieten geworden. „Jedenfalls habe ich die Fortbildungen nie wegen der Punkte gemacht, sondern weil sie mich interessierten.“ Er schaue auf ein befriedigendes Berufsleben zurück, sagt er.
Fünf-Minuten-Medizin gibt es bei dem Hausarzt nicht
Und wie lange soll das gehen, so als älter werdender Arzt zu praktizieren? Da antwortet Kreul mit der Schilderung einer kleinen Szene, die er auf den letzten Osteologiekongressen erlebt hat: „Da gibt es einen sehr engagierten Kollegen, den ich schon aus den 80er Jahren kenne. Seit fünf Jahren kommt er mit dem Rollator zu den Kongressen, schiebt ihn in die erste Reihe der großen Plenarsäle und nimmt aktiv an der Diskussion teil. Das finde ich vorbildhaft.“
Man kann aufhören, als Arzt zu arbeiten. Aber man kann nicht aufhören, Arzt zu sein. Das hat Kreul auch bei seinen Patientinnen und Patienten festgestellt. „Seit Jahren kommen sie zu mir und sagen: Sie dürfen nicht aufhören. Sie sollen mich bis an mein Lebensende begleiten!“
Kreul hält solche Worte für das Ergebnis seiner jahrzehntelangen Arbeit. „Bei mir gibt es keine Fünf-Minuten-Medizin“, sagt er. „Was wichtig ist, wird entsprechend abgehandelt. Meine Patienten wollen, dass ich sie durch ihr gesundheitliches Leben führe. Deshalb kommen die Leute zu mir. Das macht mich stolz, aber nicht übermütig. Ich habe einen sehr guten Ruf.“
Es geht um mehr als Medizin
Und doch ist da mehr als die Medizin. Und zwar Fragen, wo man steht und wohin man will. Kreul wurde schon mit 35 Rotarier. 1966 ging er als Austauschschüler nach Frankreich. „Da wurden wir Deutsche in den französischen Dörfern noch sehr kritisch wahrgenommen.“ Diese Zeit habe ihn sensibilisiert, wie er sagt.
„Die Mitgliedschaft bei den Rotariern war eine fantastische Angelegenheit. Die Bescheidenheit, die Zurückgezogenheit. „Die grundsätzlichen Fragen – ist es wahr? Ist mein Handeln fair? Besonders die Unterstützung der sozial Schwächeren hat mich bewegt. Außerdem waren wir eine wunderbare Gemeinschaft“, so Kreul.
Aber sie zerbrach doch, berichtet er. Und man hört seine Enttäuschung durch, wenn er erzählt, wie jene ethischen Grundsätze ins Wanken geraten sind. So verließ er schließlich die Rotarier. „Heute betrachte ich das Ganze aus respektvoller Distanz.“ Man kann schließlich aufhören, bei den Rotariern Mitglied zu sein. Aber die rotarischen Grundprinzipien sind zeitlebens eine Verpflichtung.
Und dann ist da noch das Herzenshobby
Bewegend ist es nach all der Medizin und den ethischen Grundsätzen, wenn Kreul sein Herzenshobby erwähnt. Nicht die Briefmarkensammlung, die schon längst mal eine ordnende Hand braucht. Nein, anders: „Mein Herz gehört der klassischen Musik.“ Früher habe er auch selber viel Klavier gespielt.
„Dafür lese ich heute eine Biographie über die Pianistin Martha Argerich, ich beschäftige mich zurzeit ziemlich viel mit ihr. Kennen Sie die Aufnahme mit Argerich – die Choralfantasie in c-Moll von Beethoven?“ Vergessen ist die Praxis, die Medizin, die Rotarier und die Patienten! „Da spielt Argerich mit unglaublicher Verve“, begeistert er sich. „Und das mit 85! Sie gibt immer noch viele Konzerte. Diese Frau hat ein derartiges Feuer! Das ist unfassbar! Das ist unglaublich!“









