Mit den German Doctors in Indien

Triage mit Stempel und roter Mütze

Schon früh morgens stehen Patienten Schlange. Ohne Triage geht da gar nichts. Die Bedingungen für Hilfsärzte aus Deutschland sind in Indien schwierig.

Von Pete Smith Veröffentlicht: 06.12.2019, 13:01 Uhr
Triage mit Stempel und roter Mütze

Warteschlange vor einer Ambulanz der German Doctors in Howrah.

© German Doctors

Howrah . Es ist noch früh am Morgen, doch die Hitze setzt Dr. Verena Gröschel bereits mächtig zu. Überdies hat die Ärztin aus Eppelheim bei Heidelberg wenig geschlafen. Erst gestern ist sie in Howrah, einer Millionenmetropole im indischen Bundesstaat Westbengalen unweit von Kalkutta, eingetroffen.

Jetzt steht sie zusammen mit ihren Kollegen im Hof und wartet darauf, dass es endlich losgeht. Noch werden die Ambulanzfahrzeuge beladen, Kisten mit Medikamenten und Gerät, Notfallkoffer, Stühle und Krücken – alles muss mit.

Zudem hat jeder Helfer einen kleinen Henkeleimer mit seinem Mittagessen dabei: Chapati, das indische Fladenbrot, Gemüse, Kartoffeln und zwei Bananen. Dazu natürlich reichlich Wasser, denn im Laufe des Tages wird es noch sehr viel heißer.

Kaum zu ertragendes Elend

Für die German Doctors war Verena Gröschel bereits zweimal im Einsatz, 2015 und 2017, jeweils sechs Wochen in Mindanao auf den Philippinen, anstrengende Einsätze mit zum Teil bedrückenden Erfahrungen. Aber was sie im Großraum Kalkutta erwartet, wird ihr noch weit mehr abverlangen.

Die Luft ist verdreckt, auf den Straßen türmt sich der Müll, der Lärm ist ohrenbetäubend und das Elend kaum zu ertragen. Überall fristen Menschen ihr Dasein auf der Straße, darunter viele Kinder. Die einen haben sich auf dem Bürgersteig primitive Behausungen errichtet, andere rollen zwischen den Abfällen ihre Matten aus und kampieren unter freiem Himmel.

Ohne Dach über dem Kopf, sind sie tagaus, tagein der drückenden Hitze, dem bestialischen Gestank, dem Lärm, dem Unrat, dem Ungeziefer und zu Zeiten des Monsuns überdies schier sintflutartigen Regenfällen ausgesetzt.

Als die Ärztin nach einer 45-minütigen Fahrt in der Ambulanz Santhospur in der Nähe des Hafens der Millionenmetropole Kalkutta eintrifft, warten dort bereits in drei langen Schlangen 80 Patienten auf die German Doctors, einige seit zwei Uhr nachts. Möglicherweise können die deutschen Ärzte an diesem Tag nicht allen helfen.

Daher müssen sie die Patienten zunächst triagieren. Jeweils zu zweit gehen sie durch die Reihen und drücken jenen, die sie dem ersten Anschein nach auf jeden Fall behandeln müssen, einen Stempel auf den Handrücken. Wer am dringendsten Hilfe bedarf, bekommt zusätzlich eine rote Mütze auf den Kopf und darf sich vorne anstellen.

Viele Formen von Tuberkulose

Die vermeintliche Ambulanz ist in Wirklichkeit eine primitive Lagerhalle, in der mit Sperrholzplatten behelfsmäßig Räume abgetrennt wurden: eine Aufnahme, Zimmer zur Wundbehandlung und Blutabnahme, eine Apotheke und mehrere Sprechzimmer. Verena Gröschels erste Patientin an diesem Tag ist ein Mädchen mit Krätze. Skabies ist – wie andere Hauterkrankungen auch – weit verbreitet.

Da viele Familien auf engstem Raum zusammenleben, oft in fensterlosen Behausungen und nicht selten zu sechst auf einer Pritsche übernachten, stecken sie sich zwangsläufig gegenseitig an. Viele Kinder sind zudem unterernährt, leiden unter chronischem Vitamin- sowie Eisenmangel und haben einer Infektion nichts entgegenzusetzen.

Mangels Computer nutzen Verena Gröschel und ihre Kollegen englischsprachige Patientenkarten, die von den German Doctors extra für Einsätze unter speziellen Bedingungen entwickelt wurden. Der nächste Patient besitzt bereits eine solche Karte.

Er heißt Samian, ist 13 Jahre alt und hatte vor einem Jahr Lymphknotentuberkulose, die sechs Monate behandelt wurde. Jetzt leidet er erneut unter einem verdächtigen, schmerzhaften Lymphknoten, weshalb er sich einer Feinnadelbiopsie unterziehen muss.

Triage mit Stempel und roter Mütze

Dr. Verena Gröschel behandelt Patientinnen mit Tuberkulose. Die meisten leiden an Lungen-Tbc, es kommen aber auch andere Tbc-Formen vor.

© German Doctors

Eine Woche später wird sich der Verdacht auf Tbc bestätigen, doch Samian hat Glück im Unglück: Die Kosten für die notwendige Operation übernimmt der Verein Pro-Interplast aus Seligenstadt, sodass der 13-Jährige gute Aussichten auf Heilung erhält.

Tuberkulose ist in Indien eine der größten Herausforderungen dieser Zeit. Die meisten Patienten leiden an Lungen-Tbc, aber Verena Gröschel wird während ihres sechswöchigen Einsatzes auch andere, in Deutschland kaum mehr bekannte Ausprägungen der tückischen Erkrankung kennenlernen, etwa Lymphknoten- und Knochen-Tuberkulose sowie abdominelle Tbc.

Für Tuberkulose-Patienten gibt es spezielle Ambulanzen, in denen sie sich ihre Medikamente abholen können – doch etliche von ihnen gehen nur sporadisch hin oder brechen ihre Behandlung ab.

Krank durch Luftverschmutzung

Im weiteren Verlauf des Vormittags behandelt Verena Gröschel Kinder mit Wurmerkrankungen, Infekten und Rachitis. Aufgrund des Vitamin-D-Mangels leiden viele an Knochenerweichung und können gar nicht oder nur sehr schlecht laufen. Von den German Doctors erhalten sie Vitamin-D-Injektionen oder Kombipräparate mit zusätzlich Kalzium.

Auch Pneumonien, Asthma und Bronchitis sind unter den Jüngsten verbreitet, was vor allem an der immensen Luftverschmutzung liegt. Zudem kochen viele arme Familien über offenem Feuer, was für die Kleinsten überdies die Gefahr von Verbrennungen und Verbrühungen birgt.

Auf die Kinder folgen nicht die weiblichen, sondern die männlichen Patienten. Eine Konzession an das patriarchale System in Indien, die die German Doctors zähneknirschend hinnehmen. Verena Gröschels nächster Patient ist ein uralt wirkender Mann, der laut seiner Patientenkarte aber erst 50 Jahre alt sein soll.

Wie viele Patienten auch ist er Analphabet und kennt sein Geburtsdatum nicht. Seine Hände und Füße sind geschwollen und verkrustet. Mithilfe ihrer Übersetzerin erfährt die Ärztin, dass der Mann lange Zeit mit Chemikalien gearbeitet hat. Die Einrisse in seiner Haut verursachen ihm große Schmerzen.

Verena Gröschel verordnet ihm Jodbäder zum Desinfizieren, Kortisoncreme und Kokosnussöl, damit die Haut wieder geschmeidiger wird. Da er offenbar großen Hunger leidet, schenkt sie ihm am Ende die Hälfte ihres Mittagessens.

Triage mit Stempel und roter Mütze

Dr. Verena Gröschel und ihr Kollege Dr. Josef Lipinksi vor dem Ambulanzauto der German Doctors in Howrah.

© German Doctors

Zu guter Letzt sind die Frauen an der Reihe. Verena Gröschel wird eine junge Patientin vorgestellt, die unter Tinea corporis leidet. Pilzerkrankungen sind in Indien gang und gäbe, vor allem unter Frauen, was nicht zuletzt daran liegt, dass sie, wenn sie sich am Brunnen waschen, ihren Sari anbehalten. Die traditionelle Tracht trocknet dann auf der Haut, wobei es oft zu Pilzbefall kommt. Die Patientin erhält eine Creme und ein Antimykotikum, das sie einige Wochen lang einnehmen muss.

Die Compliance ist häufig ein Problem. Die Ärztin bittet ihre Übersetzerin, der Patientin dringend zu raten, ihre Medikamente regelmäßig zu nehmen und ihre Kleidung in Zukunft nicht auf der Haut trocknen zu lassen.

Die nächste Patientin hat oberhalb der Ferse eine offene Wunde, die Verena Gröschel nähen muss. Eine junge Frau leidet an einer Gesichtsgürtelrose, die Ärztin verschreibt ihr Aciclovir und hofft, dass das Medikament nicht zu teuer ist. Ihre letzte Patientin an diesem Tag klagt über Rückenschmerzen, ein ebenfalls weit verbreitetes Leid, da viele Mädchen und junge Frauen aus ihren Wohnungen kaum herauskommen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil viele Mütter Angst haben, ihre Töchter könnten Opfer sexueller Übergriffe werden.

Eine Toilette für hundert Menschen

Ebenso heiß, wie der Tag begann, endet er auch. Zurück in der Unterkunft, bleibt Verena Gröschel nicht viel Zeit, um sich auszuruhen. Morgen früh geht es zu Hausbesuchen bei Tuberkulosepatienten in den angrenzenden Wohnvierteln von Howrah, wo sechsköpfige Familien in zehn Quadratmeter winzigen Zimmern wohnen und sich hundert Menschen eine Toilette teilen.

Was sie tun kann, wird sie tun. An einem Ort wie hier ist etwas viel.

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Kommentare
Dr. Wettig

Sehr geehrte Damen und Herren,

zu o. g. Beitrag nehme ich Stellung:

1984 war auch ich einige Monate in Howrah für “Ärzte für die Dritte Welt” wie die “German Doctors” damals noch hießen.

Jährlich gehen laut https://de.wikipedia.org/wiki/German_Doctors etwa 300 ÄrztInnen für diese Organisation ins Ausland und opfern dafür oft ihren Urlaub.

Ich will das nicht mehr machen, finde es falsch. Denn gleichzeitig gehen indische und philippinische Ärzte in den Westen, kehren den Ärmsten dort den Rücken.

Den Armen dort wäre mehr geholfen, wenn das Geld für die vielen Flüge der German Doctors und der Gegenwert der Urlaube in Bar gespendet würde und in Indien oder auf den Philippinen damit Impfprogramme bezahlt würden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Dieter Wettig
Facharzt für Allgemeinmedizin
Möckernkiez 7
10963 Berlin
Mobil: 0160-98219818
www.wettig.de


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