Hochbetagte am Steuer

Verkehrsrisiko Senioren

Viele Senioren sind auch in hohem Alter noch fit. Aber im Straßenverkehr werden sie mit steigendem Alter zu einer immer größeren Gefahr, wie Statistiken belegen.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Unsicher am Steuer?

Unsicher am Steuer?

© Maximilian Boschi / panthermedia.net

WIESBADEN. In vielen ländlichen Regionen sind die Menschen aufs eigene Auto angewiesen: Der Einkauf im Supermarkt, der Besuch bei Freunden und Verwandten und auch beim Arzt sind ohne den eigenen Wagen kaum möglich.

Fehlt plötzlich die Fähigkeit, ein Auto zu lenken, drohen Abhängigkeit und soziale Isolation.

Wenn alte Menschen hinterm Steuer sitzen, zeigen sie damit auch: Ich kann es noch, ich gehöre noch dazu. Zugleich ist das Auto weiterhin Statussymbol und Ausdruck der eigenen Persönlichkeit.

Entsprechend schwer fällt es vielen älteren Fahrern, den Wagen für immer in der Garage zu lassen.

Selbst 18-Jährige verursachen weniger Unfälle

Das führt zumindest außerhalb der Städte mit einem guten öffentlichen Nahverkehr zu einem Dilemma, für das es bisher keine befriedigende Lösung gibt: Wer im Alter von über 80 Jahren noch Auto fährt, gefährdet womöglich sich und seine Umgebung, wer nicht mehr fährt, riskiert seine Selbstständigkeit.

Nun kennt fast jeder die Statistiken, wonach ältere Menschen seltener an Verkehrsunfällen beteiligt sind als jüngere. Das stimmt, doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Die niedrigere Beteiligung lässt sich damit erklären, dass Senioren seltener hinterm Steuer sitzen und lange nicht mehr so viel fahren wie Berufstätige. Die besseren Fahrer sind sie deswegen noch lange nicht.

Wer das nicht glaubt, sollte sich den Bericht des Statistischen Bundesamtes zu Unfällen bei älteren Menschen anschauen. Danach sind die über 75-Jährigen in absoluten Zahlen zwar am seltensten von allen Altersgruppen als Fahrer an Autounfällen beteiligt.

Allerding ist in keiner Altersgruppe der Anteil der Unfallverursacher höher. Bei etwa 80 Prozent aller Unfälle mit Personenschäden, in die ältere Senioren verwickelt sind, haben sie den Unfall maßgeblich verursacht.

Selbst bei den 18-jährigen Fahranfängern ist dieser Anteil deutlich geringer. Solche Zahlen widerlegen ganz klar die Mär vom sicheren Autofahren im Alter.

Am souveränsten bewegen sich die 35- bis 55-Jährigen. Ab 55 Jahren nimmt die Gefahr, einen schweren Verkehrsunfall zu verursachen, kontinuierlich zu.

Oft tödliche Unfälle bei 90-Jährigen

Noch deutlicher wird dies bei den tödlichen Unfällen. Den ersten Peak gibt es auch hier bei den Fahranfängern: Im Jahr 2013 starben von 100.000 Personen mit 18 Jahren zwölf als Fahrer bei einem Pkw-Unfall.

Übertroffen wurde dieser Anteil nur noch von den über 90-Jährigen: Hier waren es 15.

Geht man davon aus, dass viele 90-Jährige nicht mehr fahren, und wenn, dann nur kurze Strecken, dann dürfte die Wahrscheinlichkeit, auf einer bestimmten Strecke einen tödlichen Unfall zu verursachen, im Alter von 90 Jahren ein Vielfaches höher sein als im Alter von 18 Jahren.

Die demografische Entwicklung vor Augen, rollt also buchstäblich ein gewaltiges Problem auf uns zu.

Die Zahl der Pkw-Fahrer, die altersbedingt kaum noch in der Lage sind, ihren Wagen zuverlässig zu lenken, wird deutlich zunehmen, und zwar nicht nur, weil es immer mehr alte Menschen gibt, sondern auch, weil diese in Zukunft fast alle einen Führerschein haben - in der Vergangenheit war dies eher die Ausnahme.

Doch dieses Problem wird offenkundig verschlafen, denn bislang gibt es in Deutschland keine generellen Regelungen, die Fahrtüchtigkeit bei älteren Menschen zu überprüfen.

Solche Maßnahmen wären mehr als sinnvoll, sie müssten aber in ein Gesamtkonzept eingebettet werden, das einerseits die Teilnahme am Straßenverkehr so lange wie sicher möglich erlaubt, andererseits älteren Fahrern Alternativen zum eigenen Auto bietet.

Vorstellbar wären regelmäßige Untersuchungen bei über 75-Jährigen, in denen Verkehrsmediziner die Sehfähigkeit sowie Konzentrations- und Reaktionsvermögen unter Stressbedingen prüfen.

Auch Hausärzte könnten einbezogen werden - sie bemerken neben den Angehörigen oft als erste, wenn der Allgemeinzustand, die bestehenden Erkrankungen und die Art der verabreichten Medikamente die Teilnahme am Straßenverkehr erschweren.

Graduelle Einschränkungen

Werden Defizite festgestellt, könnten graduelle Einschränkungen der Fahrerlaubnis sinnvoll sein, etwa zunächst ein Verzicht auf größer Distanzen, später ein nächtliches Fahrverbot, schließlich eine Beschränkung auf Fahrten ausschließlich in der nähren, vertrauten Umgebung.

Die Fahrt zum Supermarkt oder zum Arzt wäre dann noch lange Zeit möglich, die automobile Selbstständigkeit bliebe bis ins hohe Alter erhalten. Zugleich würden die älteren Verkehrsteilnehmer langsam an den Verzicht aufs Auto herangeführt.

Ist dieser Verzicht unumgänglich, sollte es ausreichende Möglichkeiten geben, ihn zu kompensieren.

Selbst in Städten mit gutem öffentlichem Verkehrsnetz können die Wege mit Bus und U-Bahn bald zu beschwerlich werden, hier sind also neue Ideen gefragt, etwa ein bezahlbarer Fahr- und Einkaufsdienst für Senioren.

Weiterhin nichts zu tun, wäre jedoch verhängnisvoll. Die steigende Zahl älteren Verkehrsteilnehmer zwingt zum Handeln. Wir dürfen nicht zulassen, dass für 90-Jährige der Tod am Steuer eine derart große Gefahr darstellt.

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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Dr. Wolfgang P. Bayerl

@Anne C. Leber und Ihr @Dr. Klaus Heckemann wollen pauschale Verbote,

was halten Sie davon, probeweise erst mal nur den alten Frauen den Führerschein wegzunehmen,
denn die machen km-bezogen die meisten Unfälle.

Anne C. Leber

Leserzuschrift von Dr. Klaus Heckemann

Es ist sehr gut, dass Sie dieses Problem einmal thematisieren.
Erfolgversprechend wäre es allerdings nur dann, wenn man wirklich eine breite Diskussion dazu anfachen könnte. Ich selbst vertrete schon seit Jahren eine einfache Lösungsmöglichkeit: Ab 75 Jahren ist das Fahren grundsätzlich nur noch mit folgenden Einschränkungen erlaubt:

1. Nur bei Tageslicht
2. Nicht auf der Autobahn
3. Nur im Umkreis von 50 km vom Wohnort

Da das biologische Alter allerdings erheblich abweichen kann, besteht die Möglichkeit, die gesundheitliche Eignung im Einzelfall nachzuweisen.
Generelle Untersuchungen ab einem bestimmten Lebensalter halte ich nicht für zielführend, da - wenn diese stringent erfolgen - sehr viele den Führerschein verlieren würden (hier muss ganz pragmatisch auf das Nichtwissen der Behörde gesetzt werden!) und damit eine m.E. unverhältnismäßige Einschränkung von Lebensqualität die Folge wäre.

Man hat ja den Eindruck, dass die politisch Verantwortlichen (da man davon ausgehen kann, dass sie das Problem sehr wohl auch kennen) darauf warten, dass bald EU-weit die Führerscheine nur noch befristet gelten. Dann würde allerdings das Problem massiv zuschlagen und solche wie oben vorgeschlagene differenzierende Regelungen werden wohl unmöglich sein.

Es ist schön ärgerlich, dass das Bundesverkehrsministerium sich offensichtlich nur noch mit der unsinnigen PKW-Maut beschäftigt. Auf einen Brief von mir bzgl. der verpflichtenden Einführung von hinteren Abstandssensoren (mehrere Todesfälle mit Kindern!) hat man fast ein Jahr für eine eher lapidare Antwort gebraucht.
Die Hoffnung auf großes Interesse an Lösungsvorschlägen ist wohl eher unbegründet.

Dr. Klaus Heckemann

Dr. Claudia Steffler

Alternative

In Südtirol fahren Pesionäre kostenfrei im öffentlichen Nahverkehr, also ab Renteneintritt reicht ein Rentenausweis. Ohne dass Gesundheitskontrollen, Leistungstests oder ärztliche-psychologische Untersuchungen erfolgen müssen mit diesem diskrimminierenden "Geschmäckle", wird dadurch ein Anreiz geschaffen, das Auto stehen zu lassen. Voraussetzung wäre natürlich, dass in Deutschland das öffentliche Verkehrnetz in ländlichen Regionen nicht immer weiter ausgedünnt wird.

Dr. Wolfgang P. Bayerl

Außer dem letzte Kommentar scheint keiner an der merkwürdigen Statistik Anstoß zu nehmen.

zitat:
"Selbst 18-Jährige verursachen weniger Unfälle" ist offensichtlich falsch, sagen wir deutlicher das ist Polemik.
Man kann gleicht hinzufügen, junge Männer verursachen die meisten Unfälle.
Aber was hat das denn für Konsequenzen?
Dürfen alle jungen Männer nicht mehr Auto fahren?
Nein, Fahrverbote gibt es nur individuell und NICHT PAUSCHAL.
Man kann und das tut man ja auch fleißig, nur einzelnen jungen Männern ein Fahrverbot aussprechen,
wobei natürlich eine gewisse Ungerechtigkeit in der Nichtberücksichtigung der Kilometerleistung enthalten ist.
Diese "Ungerechtigkeit" zeigt sich ja in der Entwicklung der Geschlechter, mit der sich destatis ja überaus intensiv befasst hat.
Die Unfallzahlen der Männer gehen deutlich zurück, die der Frauen steigen,
erinnert fast an das Rauchen :-)
Dummerweise dreht sich diese (noch) bestehende Dominanz der Männer bei Verkehrsunfällen tatsächlich schon ab 60 Jahren um und vergrößert sich mit zunehmendem Alter noch zum Nachteil der Frauen.
Daher frage ich, möchte jemand den alten Damen das Autofahren verbieten?
Nun hat ja der Europäische Gerichtshof schon geantwortet, zunächst für Kranken- und Rentenversicherung, dass Geschlechter nicht unterschiedlich behandelt werden dürfen,
die jungen Männer, ziehen ja jetzt 2015 mit der KFZ-Versicherung endlich nach,
also,
ein PAUSCHALIERUNGSVERBOT.
Das sollte auch fürs Alter gelten.
Natürlich ist nicht jeder gleich fahrtauglich, aber das gilt für jedes Alter, für Mann und Frau.

mfG

Prof. Dr. Hans-Werner Gottinger

Verkehrsrisiko

Erstens,als Statistiker überzeugt mich Ihre Argumentation nicht, auch wenn Sie sich auf das Statistische Bundesamt beziehen.Man muss genau die Unfallursachen und die Fallzahlen nach der Schwere des Unfalls gewichten. Ich wage zu behaupten, dass die Schwere der Unfälle mit steigendem Alter der Unfallverursacher abnimmt.Das Entscheidende ist, dass Unfaelle mit Personenschaden viel höher gewichtet werden sollten, um den Schadensumfang versicherungsmathematisch in den Griff zu bekommen. Ich empfehle Rückgriff zu nehmen auf diverse (statistische) Policy-Studien der National Highway Traffic Safety Association (NHTSA) in den USA, die in dieser Frage zu sehr differenzierten Ergebnissen kommen.
Zweitens, warum wird eigentlich immer gleich nach Reglementierung der Fahrerlaubnis (TÜV Untersuchung usw.) gerufen? Die Automobilindustrie kann dazu angehalten werden, smarte Fahrhilfen zu entwickeln (was zumindest in Premiumfahrzeugen heute schon geschieht),welche die einfache Unfallhaeufigkeit aufgrund ''kognitiver Insuffizienz'' des Fahrers einschränkt. Wenn die Vorhersagen von Daimler, Tesla und Google Car sich bewahrheiten sollten, würde sich das Altersproblem im Automobilverkehr in 20 Jahren von selbst lösen,sofern nicht massive Reglementierungen (Sicherheitsphobien) im Weg stehen.

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