30 Jahre Mauerfall

Vom Leben in den Wochen der „Nichtzeit“

Gundula Bitter-Schuster war in der Bürgerrechtsbewegung Neues Forum bei Montagsdemonstrationen.

Von Sven Eichstädt Veröffentlicht: 15.11.2019, 14:19 Uhr
Vom Leben in den Wochen der „Nichtzeit“

Gundula Bitter-Schuster weigerte sich in der DDR, Lehrerin zu werden, da sie mit dem Bildungssystem haderte. Seit 2009 ist sie Sprecherin der Krankenhausgesellschaft Sachsen.

© Sven Eichstädt

Der Talar soll vor Schlägen der Volkspolizei schützen. Eine Freundin von Gundula Bitter-Schuster arbeitet als Pastorin und nimmt zur Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig ihren Talar mit.

„Wir waren drei Mütter, die zusammen zum Friedensgebet zur Nikolaikirche und zur Montagsdemonstration auf dem Innenstadtring gegangen sind“, erinnert sich Bitter-Schuster. „Wir hatten große Angst vor gewalttätigen Aktionen der Volkspolizei, und meine Freundin sagte, eine Pastorin werden sie doch nicht erschießen.“

Spannung spürbar auf der Haut

An dieser Montagsdemonstration nehmen rund 70 000 Menschen teil. Sie blieb entgegen den Befürchtungen vieler Menschen in der DDR friedlich, unter anderem wegen eines über Lautsprecher in der Leipziger Innenstadt verlesenen Aufrufs zur Gewaltlosigkeit von Gewandhauskapellmeister Kurt Masur, Kabarettist Bernd-Lutz Lange und SED-Politikern aus Leipzig. „Meine Freundin hatte den Talar zwar dabei, musste ihn aber zum Glück nicht anziehen“, sagt Bitter-Schuster.

„Als wir bei der Demonstration rings um den Leipziger Innenstadtring an der Leipziger Stasizentrale vorbeikamen, konnte ich die Spannung zwischen den Demonstranten richtig auf der Haut spüren. Es war, als ob im Menschenstrom auch ein elektrischer Strom floss.“ Bei einer Montagsdemonstration zwei Monate später, am 4. Dezember 1989, besetzten dann auch Demonstranten das Runde Ecke genannte Gebäude des DDR-Geheimdienstes.

Bitter-Schuster, die in Zella-Mehlis im damaligen Bezirk Suhl und heutigen Thüringen aufgewachsen ist, bekommt früh zu spüren, dass sie nicht ins DDR-System passt. „Schon in der ersten Klasse sagte die Lehrerin vor allen Mitschülern zu mir, dass ich die Tochter eines bösen Kapitalisten bin.“ Damit war gemeint, dass der Vater von Bitter-Schuster in Zella-Mehlis ein Geschäft für Werkzeuge und Maschinen betrieb.

Es gab in der DDR sonst vor allem volkseigene Betriebe und Genossenschaften. „Zu meinem Vater reisten Einkäufer von Großbetrieben aus der ganzen DDR an“, erinnert sie sich. „Wenn die Stasi vorbeikam und nach irgendwas fragte, sagte mein Vater gern, er hat das wieder in drei Jahren im vierten Quartal im Angebot. Sonst versuchte er aber immer zu helfen, wenn jemand ein bestimmtes Werkzeug benötigte.“

Im Wohnzimmer mit Gleichgesinnten

In der Schule empfand sie sich als aufmüpfiges Kind, sie war auch nicht bei den Pionieren, wo sonst bis zur 7. Klasse die meisten Schüler Mitglied waren. „Ich konnte im Unterricht zuhören und gleichzeitig Dostojewski lesen.“

Lehrer wollten, dass Bitter-Schuster selbst später als Lehrerin arbeitet, doch sie entscheidet sich dafür, Bibliothekarin zu werden. „Das war für mich keine Wahl aus Leidenschaft, sondern hing auch damit zusammen, dass ich mit dem DDR-Bildungssystem stark haderte“, sagt Bitter-Schuster, die inzwischen als Sprecherin der Krankenhausgesellschaft Sachsen mit Sitz in Leipzig arbeitet.

In den Jahren vor der Friedlichen Revolution in der DDR traf sie sich in ihrem Wohnzimmer in Leipzig regelmäßig mit Gleichgesinnten. „Wir haben Konzepte verfasst zu Reformen im Schulwesen und einer anderen Pädagogik sowie zum Menschenbild von Lehrern.“

Ihre Tochter Judith, die 1987 eingeschult wurde, ging selbst nur mit Magenschmerzen in die Schule. Das lag daran, dass ihr Onkel, der aus West-Berlin zu Besuch war, sie einmal von der Schule abholte. „Die Lehrer drohten meinem damaligen Mann und mir mit einer Anzeige, und mein Mann flog aus dem Elternaktiv.“ Das Elternaktiv war die Vertretung der Eltern einer Klasse.

Vater galt als „böser Kapitalist“

Bitter-Schusters Vater galt allerdings nicht nur als „böser Kapitalist“, sondern war wegen einer schweren Verletzung im Zweiten Weltkrieg auch Kriegsversehrter, konnte kaum laufen und durfte deshalb regelmäßig in die Bundesrepublik fahren: Sein Auto war mit Handgas ausgestattet.

1988 darf Bitter-Schuster ihren Vater begleiten, da ein Onkel in Bad Soden am Taunus seinen 60. Geburtstag feiert. „Auch wenn es wie ein Klischee klingt: Als meine Verwandten mit mir in einem großen Einkaufszentrum einkaufen wollten, fühlte ich mich überfordert von der unendlichen Masse an Angeboten.“

Ein Jahr später, am 7. Oktober 1989, dem 40. Jahrestag der DDR, schreibt sie sich in Berlin bei der Gethsemanekirche während einer oppositionellen Demonstration in eine Liste der Bürgerrechtsbewegung Neues Forum ein – und beteiligt sich zwei Tage später an der großen Montagsdemonstration in Leipzig. „Die Wochen damals empfand ich als Nichtzeit, in der man gar nicht wusste, was passiert.“

„Fühlten uns von den Ereignissen überrollt“

Am Abend des 9. November saß sie wieder mit Freundinnen zusammen, um ein besseres Schulsystem zu entwerfen. „Als dann jemand zu uns kam und uns sagte, die Mauer ist offen, saßen wir zehn Minuten lang wie versteinert da und konnten es nicht glauben.“ Sie gehen zu Freunden, die einen Fernseher haben. „Wir fühlten uns überrollt von den Ereignissen damals. Als die Mauer offen war, wussten wir, wir können nicht mehr im luftleeren Raum agieren.“

Bitter-Schuster fährt mit ihrem damaligen Mann, Tochter Judith und Sohn Simon ein Wochenende lang nach West-Berlin zu Verwandten. „Endlich konnten sich die Kinder und wir uns unkompliziert kennenlernen und die Stadt entdecken. Wenn wir früher an die Ostsee in Urlaub gefahren waren, haben wir von der Autobahn aus Hochhäuser in West-Berlin gesehen und jedes Mal gesagt, dort irgendwo wohnen sie.“

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