Kommentar zum Corona-Diskurs

Von Fischweibern und Begriffsvermögen

Anne Frank oder Sophie Scholl – Provokation oder rhetorische Hilflosigkeit? „Querdenker“ demonstrieren das unstillbare Bedürfnis, gehört werden zu wollen. Mehr intellektuelle Empathie wäre hilfreich.

Christoph WinnatVon Christoph Winnat Veröffentlicht:

Der Marktplatz ist nicht die Bühne des rationalen Diskurses gleichberechtigter Sprecher, sondern der Fischweiber. Dass in einer, zumal mit dem Aufkommen „sozialer Netzwerke“ medial überhitzen Öffentlichkeit die Wortwahl auch mal nach hinten losgeht, bisweilen ganz gewaltig, darf nicht unter den Teppich gekehrt werden. Nein, das Infektionsschutzgesetz hat mit dem Ermächtigungsgesetz von 1933 aber auch wirklich nicht die allergeringste Ähnlichkeit.

Andererseits ist die Erwartung, Appelle an die Nachdenklichkeit vermöchten den Meinungskampf zu befrieden und die Metaphernwahl zu mäßigen, naiv.

Nur weil in einer freiheitlichen Gesellschaft jeder Wichtigtuer jeden Unsinn von sich geben darf und online zu verbreiten in der Lage ist, heißt das ja nicht, dass er sich auch wahrgenommen fühlt. Der Griff zur Analogiekeule zeugt von mangelndem Begriffsvermögen – aber auch dem Bedürfnis, gehört zu werden. Provokation ist Meinungsmarketing.

Widerliche Vergleiche

Wenn eine Elfjährige ihre Situation unter den aktuellen Kontaktbeschränkungen mit derjenigen Anne Franks vergleicht oder eine andere junge Demonstrantin sich „wie Sophie Scholl“ vorkommt, „da ich seit Monaten aktiv im Widerstand bin“, ist das von bildungsbürgerlicher Warte aus nicht nur widerlich, sondern auch unfreiwillig komisch. Natürlich muss sich dazu der Antisemitismusbeauftragte zu Wort melden und einordnend darauf hinweisen, dass die Shoa „kein Abziehbild für jedwede Opfergefühle“ ist.

Und selbstverständlich muss einem akademisch um Längen gereifteren Bremer Arzt, der nicht bloß das Virus, sondern gleich auch „die Virologen“ „in die Flammen“ zu werfen ankündigt, ein Verfahren wegen Volksverhetzung drohen. Nichts darf umsonst sein – schon gar nicht dümmliche Stimmungsmache und Verunglimpfung.

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Die Verrohung rhetorischer Sitten wurde freilich immer beklagt, nicht selten von Außenseitern des Kulturbetriebs. Von Karl Kraus, der während des 1. Weltkriegs die gehässige Mordlust seiner Landsleute einem Feuilletonartikel ebenso wie einer Seifenwerbung abzulesen vermochte. Oder von Dolf Sternberger, dessen „Wörterbuch des Unmenschen“ in der Sprache der Verwaltung die Pathogenese des Massenmords angelegt sah.

Woran es – und bei weitem nicht nur sogenannten „Querdenkern“ – mangelt, ist intellektuelle Empathie: die Fähigkeit, mehr noch aber das Bedürfnis, der Sache, die man vertritt, nicht allein dadurch gerecht zu werden, dass sie irgendwie verbal an die Kundschaft gebracht, sondern dabei auch begrifflich noch angemessen erfasst wird. Unter Effizienzkriterien völlig überflüssig.

Schreiben Sie dem Autor: christoph.winnat@springer.com

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