Leitartikel

Warum der "Blutgeld"-Film einen Skandal nicht erklärt

Die HIV-Infektion von Blutern mit Faktor-VIII-Präparaten war eine der größten Arzneimittel-Katastrophen. Mit einem Spielfilm versuchte sich das ZDF an der schwierigen Materie - und scheiterte daran, die Ursachen zu erklären.

Von Helmut LaschetHelmut Laschet Veröffentlicht:
Filmszene: Stefan, Ralf und Thomas S. sind Bluter. Die Hoffnung auf ein normales Leben wird durch verseuchtes Faktor-VIII zerstört.

Filmszene: Stefan, Ralf und Thomas S. sind Bluter. Die Hoffnung auf ein normales Leben wird durch verseuchtes Faktor-VIII zerstört.

© dpa

"Ab heute beginnt für euch ein gesundes, angstfreies und erfolgreiches Leben." Was der Leiter eines großen Hämophiliezentrums, Professor Schubert, den drei Brüdern Ralf, Thomas und Stefan S. verspricht, gilt in den 1970er Jahren als einer der großen Durchbrüche in der Pharmakotherapie: die Behandelbarkeit der Bluterkrankheit mit Faktor-VIII-Präparaten.

Doch schon nach wenigen Jahren erweist sich der Segen als ein fürchterlicher Fluch, weil die aus Blutplasma gewonnenen Präparate nicht nur mit Hepatitis C, sondern auch mit dem HI-Virus verseucht waren. Etwa 1500 Bluter hatten sich mit HIV infiziert, über tausend sind inzwischen gestorben.

"Blutgeld" am Montagabend im ZDF: Am realen Beispiel der drei Brüder Ralf, Thomas und Stefan, ihrer Familie und des behandelnden Arztes Professor Schubert versucht ein Fernsehfilm ein Schicksal zu dokumentieren, zugleich aber auch die Hintergründe der neben Contergan schwersten Arzneimittel-Katastrophe in Deutschland aufzuhellen.

Doch damit sind die Drehbuch-Autoren gründlich gescheitert. Nicht zuletzt lag dies wohl auch daran, dass die Regie sich nicht entscheiden konnte, entweder auf die persönlichen Schicksale des Lebens mit HIV und Aids und allen seinen Konsequenzen zu fokussieren oder einen Polit-Thriller zu drehen.

Beides wurde versucht - und misslang. Am Ende bleibt - auch nach dem anschließenden Dokumentarfilm - ein weitgehend ratloser Zuschauer, der sich fragt: Wie kann so etwas geschehen?

Die Schurken standen von vornherein fest

Dass diese Frage unbeantwortet bleibt, hat seine Ursache in einer bis zur Verfälschung reichenden Vergröberung der Darstellung dessen, was in den 1970er und 1980er Jahren in der pharmazeutischen Industrie, im Bundesgesundheitsamt und bei den Pharma-Versicherern ablief.

Klar ist nur, dass dies die Schurken sind. Doch mit der Markierung ist nichts erklärt, sind keine Ursachen gefunden, wird keine Antwort auf die berechtigte Frage gegeben, ob wir vielleicht heute gegen ähnliche Katastrophen besser gewappnet sind.

Dabei sind die Chancen und Risiken von Faktor VIII und das schlimme Schicksal der Hämophiliekranken noch heute ein Lehrbeispiel dafür, wie nahe Fluch und Segen medizinischen Fortschritts beieinander liegen.

Und vor welchen Herausforderungen Ärzte stehen, wenn sie angesichts schwer kalkulierbarer Risiken ihren Patienten zu einer Therapie raten.

Welche Folgen es hat, wenn eine Behörde wie das Bundesgesundheitsamt desolat organisiert und überfordert ist und das verantwortliche Ministerium davor über Jahre hinweg die Augen verschließt - und wenn schließlich auch ein Parlament seine Kontrollfunktionen nicht ausübt.

Grenze zwischen Nichtwissen und Ignoranz ist schwer zu ziehen

Man hätte gewarnt sein können: Bereits 1975 hatten Wissenschaftler davor gewarnt, dass durch industriell hergestellte Gerinnungsfaktoren die Infektionsrate mit dem aggressiven Hepatitis non A non B deutlich gestiegen war.

In Deutschland wurden Bluter überdies besonders intensiv mit Faktor VIII behandelt, wozu die im Inland gespendeten Blutmengen bei weitem nicht ausreichten.

Deshalb hatte sich eine Praxis des Blutplasma-Imports aus fragwürdigen kommerziellen Quellen entwickelt, zum Teil aus den USA, zum Teil aus Ländern der Dritten Welt.

Dieses Plasma wurde gepoolt mit der Gefahr, dass nur eine einzige infizierte Blutspende eine ganze Charge von Faktor-VIII-Präparaten verseuchen konnte. Aber bereits in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre waren hitzeinaktivierte Präparate entwickelt worden.

Und hier kamen die Kostenträger, die Krankenkassen ins Spiel: Mit den Hämophiliezentren wurde vereinbart, dass die neuen teureren Präparate nur bei solchen Blutern angewendet werden sollten, die noch nicht mit Hepatitis C infiziert waren.

Es ist schwer, die Grenze zwischen dem Nichtwissen, dass diese Präparate auch HIV-sicher waren, und (opportunistischer) Ignoranz zu ziehen.

Haben wir aus der Katastrophe gelernt?

Andererseits: Anfang der 1990er Jahre hat ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss die Katastrophe aufgearbeitet und Versagen auf vielen Ebenen festgestellt: bei Ärzten, in der pharmazeutischen Industrie, beim Bundesgesundheitsamt und im Bundesgesundheitsministerium.

Mit großen Schwierigkeiten wurde eine Entschädigungsregelung für die betroffenen Bluter gefunden. Die aber zeitlich bis 2015 begrenzt ist. Dass diese Menschen bis heute vor einer ungewissen Zukunft stehen, ist eines Sozialstaats unwürdig.

Und ist aus der Katastrophe gelernt worden? Vielleicht ein bisschen, aber nicht genug. Jedes Jahr sterben in deutschen Krankenhäusern - vermeidbar! - mehr Menschen an Nosokomialinfektionen als an Verkehrstoten zu beklagen sind.

Es ist der alltägliche Schlendrian, oft wider besseren Wissens, der in der Medizin der größte Skandal ist.

Der "Blutgeld"-Fernsehfilm in voller Länge in der ZDF-Mediathek

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