9 Jahre nach der Katastrophe

Welche Lehren Ärzte aus Fukushima gezogen haben

Naturkatastrophen fordern oft eine hohe Zahl an Todesopfern. Doch sind diese nicht immer direkt der Naturgewalt geschuldet. Japanische Ärzte haben erste Lehren aus Versorgungsdefiziten nach der Dreifach-Katastrophe von Fukushima im Jahr 2011 gezogen. Kritisch sind zum Beispiel die Evakuierungsphasen.

Von Sonja Blaschke Veröffentlicht: 10.03.2020, 15:14 Uhr
Welche Lehren Ärzte aus Fukushima gezogen haben

Dr. Masaharu Tsubokura (M.) klärt im Frühjahr 2011 nach der Atomhavarie von Fukushima an einer Klinik in Minamisoma Einwohner über die Modalitäten des Screenings auf Strahlenexposition auf.

© Tsubokura

Tokio/Fukushima. „Die Menschen in Japan vergessen in der aktuellen Covid-19-Panik den 11. März!“ – im Gespräch mit der „Ärzte Zeitung“ kurz vor dem neunten Jahrestag der Dreifachkatastrophe von Fukushima am 11. März fordert Dr. Sae Ochi, die in Tokio am Jikei University Katsushika Medical Center als Laborärztin arbeitet, die Lehren aus den Defiziten der medizinischen und psychotherapeutischen Versorgung im Krisengebiet im Nordosten Japans nicht aus den Augen zu verlieren. Ochi war Mitglied im Team um den Hämatologen Dr. Masaharu Tsubokura, das die wissenschaftlichen Untersuchungen angestellt hat.

Rückblick: Am 11. März 2011 löste ein schweres Seebeben der Stärke 9,0 haushohe Tsunami aus, die die Ostpazifikküste Japans heimsuchten – zum Teil bis zu zehn Kilometer ins Landesinnere. Vor allem in den Präfekturen Iwate, Miyagi und Fukushima waren die Schäden groß. Viele Dörfer und Städte wurden verwüstet, rund 18.500 Menschen starben. In Fukushima, rund 250 Kilometer entfernt von Tokio, führten die Wassermassen dazu, dass das Kühlsystem des Kernkraftwerkes Fukushima Daiichi ausfiel. Die Folge waren Kernschmelzen in mehreren Reaktoren und damit die Havarie des Meilers.

Pneumonie häufigste Todesursache

Tsubokura, inzwischen Professor an der Fukushima Medical University, kennt das Versorgungsgeschehen seit der Katastrophe wie kein Zweiter. Neben seiner Lehrtätigkeit praktiziert er unter anderem am Soma Central Hospital und am Minamisoma Municipal General Hospital. Außerdem ist er Mitglied im Komitee für den Schutz vor Strahlung und für das öffentliche Gesundheitswesen in den Ortschaften Minamisoma und Soma. Direkt nach der Katastrophe war er verantwortlich für die Einrichtung von Screening-Prozessen für die Einwohner zur Messung der jeweiligen Strahlenexposition. Auf Anregung besorgter Mütter hin begann der Hämatologe zudem schon zwei Monate nach dem Desaster, Infoseminare zur Strahlung abzuhalten – zum Beispiel in Schulen. Er wollte der Bevölkerung die Sorgen vor den Effekten von Strahlung auf ihre Gesundheit nehmen oder sie wenigstens reduzieren helfen. Denn tendenziell neigten die Einwohner dazu, sich Informationen zu beschaffen, die ihre bisherige Meinung – etwa die Angst vor einer gewissen Strahlenexposition – unterstützen. Problematisch sei dabei, dass oft falsche Informationen verbreitet würden oder eine kleine Anzahl von Influencern in sozialen Medien die Meinung unsachgemäß steuere.

Soma und der Nachbarort Minamisoma mit zusammen 38.000 Einwohnern liegen nur zwischen 20 und 50 Kilometer nördlich von Fukushima Daiichi. Unmittelbar nach der Katastrophe kam Minamisoma weltweit in die Schlagzeilen, als der damalige Bürgermeister Katsunobu Sakurai am 24. März 2011 ein elfminütiges Video postete, in dem er zu Hilfe für seine Stadt aufrief, weil sie von der Versorgung abgeschnitten sei und er fürchte, dass die Bürger verhungern würden. Damals starben etwa 1200 Personen in der Küstenstadt, rund zwei Drittel an den Folgen des Tsunami. Ein Drittel der Todesfälle wurde als „Todesfall mit Desasterbezug“ von der Wiederaufbaubehörde klassifiziert. Dabei handelt es sich um Fälle, bei denen der Tod indirekt durch die Katastrophe verursacht wurde – in den meisten Fällen Senioren, die nach den Explosionen im Meiler aus der Umgebung evakuiert wurden. Die häufigste Todesursache war dabei laut Tsubokura eine Pneumonie.

Nicht die Strahlen beutelten Kliniken

Seinen Daten zufolge war das relative Todesrisiko für Bewohner von Seniorenheimen in Minamisoma im Vergleich zum Zeitpunkt vor der Katastrophe 2,68-mal höher. In einigen Einrichtungen seien rund ein Viertel aller Bewohner innerhalb von 90 Tagen nach der Evakuierung gestorben – allerdings nicht an den Folgen der radioaktiven Strahlung, sondern durch Stress und Probleme bei der Versorgung unmittelbar nach der Katastrophe, wie er im Gespräch mit der „Ärzte Zeitung“ ausführt.

Laut Tsubokura sei es entscheidend, dass ein Krankenhaus nach einer solchen Katastrophe sein Personal halten könne. In den ersten drei Monaten nach der Katastrophe sei der Personalstand in den örtlichen Kliniken in Soma und Minamisoma jedoch massiv geschrumpft, teils auf ein Drittel der Belegschaft oder weniger. Als Hauptgrund für die Fluktuation identifizierte Tsubokuras Team nicht Aspekte im Zusammenhang mit der radioaktiven Strahlung, sondern die Tatsache, dass die Angestellten ihren Alltag nicht mehr wie gewohnt bewältigen konnten, weil die Schulen geschlossen wurden, die Versorgung mit Lebensmitteln unterbrochen war und Dienstleistungen nicht mehr angeboten wurden. Nicht die Zerstörung der Infrastruktur, sondern die Unterbrechung der Versorgung von außen war demnach auch die größte Hürde, um den Betrieb des Krankenhauses weiter aufrecht zu erhalten.

Um sowohl physische als auch psychische Probleme bei den Katastrophenopfern ärztlicherseits adäquat zu adressieren fordert Tsubokura, zum Beispiel realistische Krisenpläne für Kliniken anzulegen – und auf solche Szenarien zurückzugreifen, die mit der vorhandenen Belegschaft gelöst werden könnten. Außerdem, so sein Plädoyer, müssten die Betroffenen weiter unterstützt werden – auch neun Jahre nach der Katastrophe.

Mittel- und langfristig führte laut den Untersuchungen die dramatische Veränderung des Alltags durch die Katastrophe zu physischen wie psychischen Problemen. Beispielsweise stieg die Diabetes-Prävalenz signifikant an – bedingt durch weniger Bewegung und andere Ernährung in den Notunterkünften fernab vom eigenen Garten oder Feld.

Todesfalle Seniorenheim

Ein Augenmerk Tsubokuras gilt der Gesundheit der Evakuierten im Vergleich zu der der Rückkehrer. Nach und nach hat Japans Regierung die Evakuierungszonen um das havarierte Kraftwerk immer weiter verkleinert und versucht, die anfangs mehr als 164.000 Personen, die ihre Heimat verlassen mussten, zur Rückkehr zu bewegen – derzeit sprechen die Behörden noch von 41.000 Evakuierten. Zuletzt wurde das nur wenige Kilometer entfernt vom zerstörten Meiler liegende Futaba – die einzige Ortschaft, die bis dato noch „off-limits“ war – wieder offiziell eröffnet.

Laut der letzten Volkszählung aus dem Jahr 2015 verlor die gesamte Präfektur Fukushima nach der Havarie rund 110 .000 Einwohner; die Bevölkerung beträgt heute 1,84 Millionen. Soma, früher über 70 .000 Einwohner stark, zählt heute nur noch 54 .000 Personen, bedingt durch die Abwanderung nach dem Desaster. Freilich kommt in Soma – wie im Rest des Landes – hinzu, dass die Bevölkerung durch die Überalterung und die niedrige Geburtenrate generell so schnell schrumpft wie in keinem anderen Land der Welt

Verspätete Brustkrebs-Diagnosen

Manche medizinisch relevanten Zusammenhänge zwischen Evakuierung und Gesundheit waren für die Ärzte um Tsubokura zunächst weniger klar ersichtlich: So stellten sie erst im Laufe der Zeit fest, dass in Minamisoma bei Frauen, die ohne ihre Kinder lebten, das Risiko einer verspäteten Brustkrebs-Diagnose nach der Katastrophe deutlich höher war als vorher. Lebten Familien früher gerade in ländlichen Regionen häufig in Mehrgenerationenhaushalten zusammen, wurden solche Familienbande durch die freiwillige oder verpflichtende Evakuierung mitunter durch die separate Unterbringung auseinandergerissen – oder weil sich gerade jüngere Familienmitglieder selbst bei der Aufhebung der Sperrzonen aus Sorge um die Jüngsten nicht mehr vorstellen konnten, in die frühere Heimat zurückzukehren.

Senioren entschieden sich hingegen trotz möglicher Risiken eher dazu, wieder an ihrem langjährigen Wohnort zu leben. Generell stellte sich bei Untersuchungen heraus, dass sich die Rückkehrer insgesamt besser fühlten als die weiterhin Evakuierten – aber trotzdem schlechter als die Japaner im landesweiten Durchschnitt. Exemplarisch zeigt sich das bei der Prävalenz in puncto mentaler Gesundheit. So wiesen unter den Evakuierten 11,4 Prozent psychische Belastungen auf, bei den Heimkehrern waren es 6,5 Prozent – landesweit betrage die Prävalenz drei Prozent, weist Tsubokura hin. Die ländlichen Regionen in Japan sind bekannt für den engen Zusammenhalt gerade in kleineren Dorfgemeinschaften. Als diese auseinandergerissen wurden, war das für viele ein schwerer Schock. Manche entschlossen sich, gemeinsam umzuziehen, wie die früheren Bewohner von Okumamachi. Eine große Gruppe von ihnen siedelte zusammen nach Aizu-Wakamatsu um, eine Stadt im Westen der Präfektur Fukushima.

Gleichzeitig veränderten Neuankömmlinge, die in die Region zum Wiederaufbau oder zur Dekontaminierung strömten, die soziale Struktur erneut. Viele von ihnen waren alleinstehende Männer und laut Tsubokura generell von schlechter Gesundheit, „möglicherweise assoziiert mit niedrigerem sozialen Kapital“, wie er vorsichtig formuliert. Zu deren häufigsten Beschwerden zählten Legionellosen sowie Bienenstiche und Tetanus bei Bau- und Dekontaminierungsarbeiten am havarierten Meiler. Zunächst waren es um die 7000, inzwischen sind täglich weiterhin rund 4000 Arbeiter im Einsatz, um die Anlage zu stabilisieren und abzubauen – eine Aufgabe, die noch mehrere Jahrzehnte dauern wird.

Wenn die sozialen Bande geschwächt sind oder ganz fehlen, erschwert dies auch die Behandlung von Patienten mit schweren Krebserkrankungen oder Krankheiten, die zum Beispiel eine Hämodialyse erfordern. Solche Patienten können dann nicht mehr von der informellen Pflege und sozialen Unterstützung durch ihre Familie und ihr bisheriges Umfeld profitieren. Auch für Menschen mit Behinderungen bedeutete die Katastrophe einen massiven Einschnitt; Verbände forderten, deren Belange in Notfallplänen stärker zu berücksichtigen.

Suizid bei Rückkehr in Sperrzone

Unabhängig von körperlichen Symptomen kann schlicht die soziale Isolation zu psychischen Problemen wie dem Verlust der Lebensfreude und in der Folge zu Depressionen führen. Immer wieder wurden Suizid-Fälle bekannt – zum Teil unter dramatischen Umständen, etwa bei der zwischendurch erlaubten, kurzzeitigen Rückkehr in eine Sperrzone. Bei manchen Betroffenen verschlechterte sich der mentale Zustand wiederum plötzlich, als die Evakuierungsbefehle aufgehoben wurden. Allgemein berichteten Personen, die nach dem Desaster in staatliche Wiederaufbau-Wohnungen umziehen mussten, von einem subjektiv schlechteren Befinden.

Um „kodokushi“, den einsamen Tod – egal aus welchen Gründen – zu verhindern, wurden in manchen Übergangswohnsiedlungen regelmäßige Kontrollbesuche bei Alleinstehenden initiiert.

Masaharu Tsubokura

  • Aktuelle Position: Dozententätigkeit als Professor an der Fukushima Medical University; ärztliche Tätigkeiten am Minamisoma Municipal General Hospital und am Soma Central Hospital; Mitglied im Komitee für den Schutz vor Strahlung und für das öffentliche Gesundheitswesen in den Ortschaften Minamisoma und Soma
  • Ausbildung: Studium der Humanmedizin an der University of Tokyo mit Spezialisierung auf Hämatologie
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