Buchtipp

Wenn Medizin zur Ersatzreligion wird

Der Tübinger Medizinethiker Urban Wiesing misstraut dem hohen Ton, in dem oft von der modernen Medizin erzählt wird. Er mahnt in seinem neuen Buch zu Nüchternheit und Kritik.

Von Florian StaeckFlorian Staeck Veröffentlicht:
Urban Wiesing: Heilswissenschaft. S. Fischer Verlag 2020. ISBN 978-3-10-390017-0.

Urban Wiesing: Heilswissenschaft. S. Fischer Verlag 2020. ISBN 978-3-10-390017-0.

© S. Fischer Verlag

Moderne Medizin ist zur Geschichtenerzählerin geworden, die von einer besseren Welt kündet. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg zeigt sich „optimistisch, dass es möglich ist, in der Lebenszeit unserer Kinder alle Krankheiten zu heilen, zu verhindern oder zu behandeln“. Die Miterfinderin der Genschere CRISPR, Jennifer Doudna, glaubt die Menschheit im Besitz der Fähigkeit, „die Evolution zu kontrollieren“.

Befinden wir uns mitten in einer transformierenden Ära der Medizin? Der in Tübingen lehrende Medizinethiker Professor Urban Wiesing verfolgt diese Erzählungen vom medizinischen Fortschritt mit Unbehagen.

Ist die Zukunft schon da?

In manche dieser Erzählungen mischt sich sogar ein messianischer Ton. Der Historiker Noah Yuval Hariri glaubt, die Menschheit müsse nicht mehr auf das „Jüngste Gericht warten, um den Tod zu überwinden“. Zeitdimensionen verschieben sich: Der Krebsforscher Richard L. Schilsky überschrieb im Jahr 2010 einen Beitrag mit „The future is now“. Wiesings Skepsis speist sich nicht, so betont er mehrfach, aus Wissenschaftsfeindlichkeit, sondern er erinnert an Grundtugenden der Wissenschaften wie „Nüchternheit, intellektuelle Redlichkeit, Skepsis und Kritik“.

Der Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Tübingen hinterfragt die normativen Grundlagen einer Vorstellung, die Wissenschaften seien selbst der Motor der Geschichte. Nur weil eine bestimmte Entwicklung durch viel Risikokapital vorangetrieben werde, müsse sie nicht per se gut sein. Denn ein naiver Fortschrittsoptimismus ist für den Medizinethiker „die völlige Negation des Versprechens der Moderne: Autonomie“.

Dieser Zentralbegriff der Philosophie und Ethik ist in Gefahr, wenn Wissenschaftler proklamieren, sie wüssten um die „Zukunft der Medizin“. Nötiger denn je ist für Wiesing ein Urteil über etwas Neues jeweils im Einzelfall. Und der nötige Maßstab für dieses Urteil wird nicht aus den Wissenschaften selbst generiert, sondern bildet sich im politischen und gesellschaftlichen Diskurs.

Mr. Nixon: Sie können Krebs heilen!

Der von US-Präsident Richard Nixon im Jahr 1971 ausgerufene „War on cancer“ ist eines der prominentesten Beispiele. Zuvor hatte die Mary Lasker Foundation den Präsidenten zum Handeln aufgerufen: „Mr. Nixon: Sie können Krebs heilen“, hieß es in einer Zeitungsanzeige. Die Initiatoren stellten auch ein Datum in den Raum, an dem diese Mission vollendet sein sollte: Der 200. Geburtstag der Vereinigten Staaten, der 4. Juli 1976.

Stets wurde – und wird bis heute – dabei eine Verkürzung betrieben: Wird mit staatlicher Unterstützung das Wissen – heute insbesondere um die molekularen Grundlagen der Krebsentstehung – vermehrt, dann folgt vermeintlich eine Therapie auf dem Fuße. Doch Wissen und Handeln – letzteres verstanden als die Etablierung einer neuen Therapie – sind zwei getrennte Schritte. Die Geschichte der Medizin kennt viele Beispiele, dass allein mehr Wissen nicht zu einem praktischen Fortschritt geführt hat, der Patienten zu Gute kam.

Wiesing erinnert daran, dass auch 50 Jahre nach Ausrufen des „Kriegs“ gegen den Krebs dieser immer noch zu den häufigsten Todesursachen gehört – 220000 Menschen starben in Deutschland im Jahr 2014 daran. Berücksichtigt man die demografische Entwicklung, dann ergibt sich für Deutschland altersstandardisiert ein Rückgang der Krebs-Sterberate. Die größten Fortschritte ergaben sich nicht durch neue Therapien, sondern durch Prävention, vor allem Rauchverzicht. „Alle Siegesversprechungen waren unseriös, (…), keine Terminvorgabe wurde eingehalten“, hält Wiesing fest.

Und doch ermuntert offenbar gerade das Reißen von selbstgesteckten Zielen zu immer neuen, mutigen Prognosen. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn stieg in den Chor der Prognostiker ein und stellte einen „Sieg“ über den Krebs in zehn bis 20 Jahren in Aussicht.

Was für Folgen hat der „naive Optimismus“?

Indes ist dieses Narrativ nicht folgenlos, sondern gewinnt wissenschaftspolitisch normative Kraft: „Die Konzentrationen auf bestimmte Stränge der Entwicklung lassen andere Herangehensweisen außer Acht und verhindern Offenheit für verschiedene Perspektiven.“ Eines der Opfer dieser Verengung ist für Wiesing die Palliativmedizin: Wird der Krebs in Kürze ohnehin besiegt, ist die Palliativmedizin nur eine Notlösung „deren man in Kürze ohnehin nicht mehr bedarf“.

Vor über 100 Jahren kritisierte der Soziologe Max Weber den „naiven Optimismus“, bei dem die „Technik der Beherrschung des Lebens (…) als Weg zum Glück“ gefeiert wird. Und doch, resümiert Wiesing, ist die Hoffnung auf Erlösung in der entzauberten Moderne so groß, dass moderne Medizin in diesem Prozess das sein soll, was sie niemals sein kann: Heilswissenschaft.

Urban Wiesing: Heilswissenschaft. S. Fischer Verlag 2020. ISBN 978-3-10-390017-0.

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