COVID-19-Stigma

Wenn Menschen Autos wegen Corona zerkratzen

Der Corona-Ausbruch in der Tönnies-Fleischfabrik hat den Menschen im Kreis Gütersloh einige unangenehme Erfahrungen beschert. Eine davon: Das Gefühl, schief angeguckt zu werden. Der Fall ist ein Lehrstück über die menschliche Psyche.

Von Jonas-Erik Schmidt Veröffentlicht: 14.07.2020, 08:27 Uhr
Wenn Menschen Autos wegen Corona zerkratzen

Absurde Reaktion: Menschen zerkratzen Autos, um etwas gegen das Virus zu tun.

© Jens Rother / Getty Images / iStock

Gütersloh. Es ist Sommerferienzeit, viele Deutsche packen ihre Autos voll und fahren in den Urlaub. Das gilt – trotz allem – auch für die Bewohner des Kreises Gütersloh, die Nordsee zum Beispiel ist ja nicht weit. Nach den Erfahrungen der vergangenen Wochen dürfte bei nicht wenigen von ihnen aber ein Gedanke mit auf Reisen gehen, der nicht so recht in ein Ferien-Idyll passt: Bin ich willkommen?

Der Grund sind Geschichten über schiefe Blicke, unangenehme Fragen und zerkratzte Autos mit dem Kennzeichen „GT“, die die Runde machen. Sie tauchten auf, nachdem der Coronavirus-Ausbruch in der ansässigen Tönnies-Fleischfabrik dem überschaubaren Kreis zu einer ungewollten Prominenz verholfen hatte. Den Eindruck, den viele seiner Bewohner dabei entwickelten: Rest-Deutschland zeigt mit dem Finger auf uns. Und geht dabei mitunter soweit, uns die Autos zu demolieren.

Flucht, Kampf, Totstellen

Im Einzelnen sind die Berichte über diese Fälle schwer nachzuzeichnen. Wurde ein Auto zerkratzt, weil es dämlich parkte? Oder tatsächlich weil es aus Gütersloh kam und da vermeintlicherweise das Coronavirus haust? Forscher sind von der zweiten Erklärung aber keineswegs überrascht. „Grundsätzlich gibt es drei Reaktionsmuster auf Gefahren. Die gibt es schon seit der Frühzeit der Menschheit, als unsere Urahnen ihren Lebensraum vom Dschungel in die Savanne verlegten“, sagt der Risikoforscher Ortwin Renn („Das Risikoparadox: Warum wir uns vor dem Falschen fürchten“). Diese seien: Flucht, Kampf und Totstellen.

Absurde Reaktionen auf die Corona-Pandemie – etwa das Zerkratzen eines Autos, das keinen einzigen Virus aufhalten wird – ordnet Renn vor allem dem Kampf-Muster zu. „Menschen, die diesem Muster folgen, sind versessen darauf, bei einer Bedrohung irgendetwas zu tun, um der Bedrohung aktiv entgegenzutreten. Das Virus selbst kann man aber nicht bekämpfen, dem kann man nicht im Boxring begegnen. Deshalb werden Stellvertreter gesucht.“ Oft seien es Menschen aus dem Ausland, bei Corona anfangs etwa Chinesen.

Menschen aus Gütersloh wird zugeschrieben, dass sie gefährlich sind, weil sie womöglich ein Virus in sich tragen und lax mit der ganzen Sache umgehen. Das ist eine unbewusste Gedankenspirale, die losgetreten wird, keine bewusste.

Dr. Simon Hahnzog, Psychologe

Darauf seien die angeblich zu laxen oder auch die als übertrieben vorsichtig betrachteten Menschen gefolgt. „Und schließlich sind es die Bewohner aus Kreisen, die besonders belastet sind“, sagt Renn. „Die haben jetzt das Nachsehen.“

Statistiken helfen hier nicht

Eigentlich könnte der Drang, unbedingt etwas tun zu wollen, sogar positiv sein: Man geht für den Nachbarn einkaufen, man engagiert sich. „Es kann aber auch ins Irrationale umschlagen“, so Renn. „Vor allem dann, wenn sich Aggressionen über einen längeren Zeitraum angestaut haben.“ So wie in Corona-Zeiten. Mit Statistiken, wonach natürlich keineswegs der halbe Kreis Gütersloh mit Corona infiziert ist, ist diesen Leuten dann nicht mehr beizukommen.

Der Psychologe Dr. Simon Hahnzog sagt, der dahinter liegende Mechanismus sei aus sozialpsychologischer Perspektive schlichtweg als Diskriminierung zu bezeichnen. „Menschen aus Gütersloh wird zugeschrieben, dass sie gefährlich sind, weil sie womöglich ein Virus in sich tragen und lax mit der ganzen Sache umgehen. Das ist eine unbewusste Gedankenspirale, die losgetreten wird, keine bewusste.“

Das Besondere in diesem Fall sei natürlich, dass jemand aus Ostwestfalen per se nicht anders aussieht als jemand aus München. „Deswegen wird plötzlich das Autokennzeichen so relevant. Die fallen auf und dienen als Projektionsfläche“, so Hahnzog, der unter anderem am Podcast „Coronaphobie – Wie wir jetzt mit unseren Ängsten umgehen können“ beteiligt ist.

Beruhigung für eine Sekunde

Wenn ein Auto zerkratzt werde, gehe es gar nicht um ein Virus. Das sei Aggressionsübertragung. „Wenn man sich daran abreagiert hat, wirkt das in der ersten Sekunde auch ein bisschen beruhigend. Derjenige fühlt sich dann selbst wieder eigenverantwortlich handelnd. Es sagt sich: Ich habe wenigstens etwas getan“, meint Hahnzog. Auf Dauer löst das aber natürlich gar nichts.

Ein schwacher Trost für die Gütersloher: Es kann bald schon andere treffen, in deren Gegend die Pandemie plötzlich wieder aufflammt. „Das ist zu erwarten. Zumindest, wenn es so abgrenzbar ist“, sagt Hahnzog. „Das ist komplett austauschbar, solange nicht eine überwiegende Mehrheit der Bevölkerung mal so eine Erfahrung gemacht hat.“ (dpa)

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Kommentare
Dr. Thomas Georg Schätzler

Autos wegen Corona zerkratzen geht gar nicht!

Beim "Risikoparadox: Warum wir uns vor dem Falschen fürchten", mit den psychologisch erklärbaren Reaktionsmustern Flucht, Kampf und Totstellen, gehört für mich die strafbare Sachbeschädigung nicht dazu.

"Strafgesetzbuch (StGB)
§ 303 Sachbeschädigung
(1) Wer rechtswidrig eine fremde Sache beschädigt oder zerstört, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Ebenso wird bestraft, wer unbefugt das Erscheinungsbild einer fremden Sache nicht nur unerheblich und nicht nur vorübergehend verändert.
(3) Der Versuch ist strafbar."

Das kleinkindhaft-dümmlich-anonyme Zerkratzen von Autos mit dem Kennzeichen „GT“, deren Besatzungen man i.d.R. gar nicht kennt, gehört psychologisch gesehen eher in den Bereich der Ersatz- und Übersprungs-Handlungen.

Dass uns erst die Psychologie erklären muss, "wenn ein Auto zerkratzt werde, gehe es gar nicht um ein Virus. Das sei Aggressionsübertragung", könnte man ja noch als altkluge Besserwisserei und Pseudo-Kausalität abtun.

Aber „wenn man sich daran abreagiert hat, wirkt das in der ersten Sekunde auch ein bisschen beruhigend. Derjenige fühlt sich dann selbst wieder eigenverantwortlich handelnd. Es sagt sich: Ich habe wenigstens etwas getan“, ist m.E. klassisches Entschuldigungs- und Harmoniesehnsuchts-Geschwätz. Ebenso wie auch eine schwere Kindheit nicht für Alles und Jenes herhalten kann.

Was hier psychologisch als Plausibilitäts- und Notstands-Rhetorik verkauft wird, ist in Wahrheit nichts anderes als archaische Rache- und Vergeltungskultur von unzivilisierten Höhlenbewohnern und die dazugehörige, scheuklappenartige Rechtfertigungs-Kultur.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund


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