Hochwasserkatastrophe

Ärzte praktizieren nach der Flut mit einfachsten Mitteln

Die Flut hat auch viele Ärzte vor große Herausforderungen gestellt: Wie können die Patienten versorgt werden, wenn die Praxis nicht mehr existiert und das Krankenhaus unter Wasser steht? Ein Bericht aus Bad Neuenahr.

Von Elisabeth KerlerElisabeth Kerler Veröffentlicht:
Corona-Impfbus am Bahnhof Bad-Neuenahr

Ein provisorisches medizinisches Zentrum am Bahnhof Bad Neuenahr: Vorne steht der Impfbus, in dem sich Helfer und Anwohner aus den Flutregionen impfen lassen können. Hinten, in der mobilen Praxis, findet die hausärztliche Versorgung statt.

© Elisabeth Kerler

Bad Neuenahr. „In manchen Teilen des Landkreises ist es so, als ob nichts gewesen wäre“, ist Clemens Hoch erstaunt. Der Gesundheitsminister von Rheinland-Pfalz ist nach Bad Neuenahr gekommen, um sich zwei Wochen nach der Hochwasserkatastrophe über die medizinische Versorgung zu informieren. Mit vor Ort ist am Montag KV-Chef Dr. Peter Heinz.

Es zeigt sich: Die Versorgung im Hochwassergebiet funktioniert derzeit regional sehr unterschiedlich. Viel hängt vom Zustand der Infrastruktur vor Ort ab. Eins der größten Probleme: das Abwasser.

Ärzte organisieren sich via Chat

Clemens Hoch zeigt sich erleichtert, dass die ambulante Versorgung, wenn auch auf niedrigem Niveau, wieder funktioniert und ist voll des Lobes für die Leistung der Ärzte. Dass die medizinische Versorgung schon wieder einigermaßen läuft, ist auch dem Ärztenetz Kreis Ahrweiler zu verdanken: Mit den Handynummern der Mitglieder konnten sich die Ärzte über WhatsApp organisieren, berichtet Dr. Michael-Georg Berbig; der koordinierende Arzt in der Krisenregion ist selbst Mitglied des Ärztenetzes.

Die Bundeswehr habe zuerst „kistenweise“ und „sehr großzügig“ Medikamente gebracht, so Berbig. Inzwischen stelle auf der rechten Seite der Ahr ein Apothekenwagen die Arzneimittelversorgung sicher, während auf der linken Seite der Ahr die Apotheken wieder normal funktionierten, sagt Dr. Stephan Heinen, Leiter der Bereitschaftsdienstzentrale.

Die Trinkwasserversorgung musste sichergestellt werden.

Die Trinkwasserversorgung musste sichergestellt werden.

© Elisabeth Kerler

19 Praxen zerstört, 30 weitere stark beeinträchtigt

Wichtig war, dass die kassenärztliche Bereitschaftspraxis tagsüber öffnen konnte, was eigentlich laut SGB V verboten ist, so Heinen. Außerdem wurde nach Angaben von KV-Chef Heinz eine Zweigpraxis der Bereitschaftspraxis in einem umgebauten Bus der Deutschen Bahn auf der anderen Seite der Ahr installiert. Das war dringend nötig, denn in Bad Neuenahr wurden 19 Praxen völlig zerstört, 30 weitere sind stark beeinträchtigt. 50 Praxen sind immerhin noch funktionsfähig.

„Zum Teil praktizieren Ärztinnen und Ärzte in ihren Privaträumen, mit Rezeptblock und Stethoskop, so wie früher. Man ist da erfinderisch und auf jeden Fall bereit, Verantwortung zu übernehmen“, sagt Heinz der „Ärzte Zeitung“. Ein Arzt praktizierte vorübergehend in einem Altenheim, andere in Containern. „Die KV sorgt dafür, dass die bürokratischen Dinge mit den Kassen geregelt sind. Anfangs hatten wir noch nicht einmal Strom und haben Rezepte per Hand ausgestellt“, berichtet Berbig.

„Wenn in der Not am Anfang Privatrezepte ausgestellt worden sind, ist es kein Problem Kassenrezepte nachzureichen.“

Dr. Peter Heinz, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz

Inzwischen hat die KV RLP das Stichwort „Hochwasser“ eingeführt, damit Ärzte Rezepte unkompliziert ausstellen können und nicht in Regressgefahr geraten. In den ersten Momenten der Not, haben Ärzte Privatrezepte ausgestellt, damit Patienten ihre notwendigen Medikamente aus Apotheken beziehen konnten.

„Wenn anfangs Privatrezepte ausgestellt worden sind, ist es kein Problem Kassenrezepte nachzureichen und abzurechnen. Da bleiben Patienten nicht auf den Kosten sitzen. Das Gleiche gilt für BtM-Rezepte“, erklärt KV-Chef Heinz. Wie gut der Vermerk „Hochwasser“ angenommen werde, sei noch unklar, da die Rezepte noch nicht eingelaufen sind.

Die größten Sorgen mache man sich vor Ort um ältere Menschen, die geschockt noch zu Hause sind, so Berbig, denn Hausbesuche könnten nur langsam starten. Er sorgt sich, dass diese Patienten womöglich zu spät dringend benötigte Hilfe bekommen. Was ihm auffällt: „Die Leute wollen alle erstmal reden. “ Viele Patienten brauchen Unterstützung, um die Katastrophe zu bewältigen.

Das war einmal ein Park – ohne schrottreife Autos.

Das war einmal ein Park – ohne schrottreife Autos.

© Elisabeth Kerler

Hohe Inzidenz hat nichts mit Flutregionen zu tun

Mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 47,7 Corona-Fällen auf 100.000 Einwohner (Stand 4. August) hat der Kreis Ahrweiler die höchste Inzidenz in Rheinland-Pfalz. Laut Gesundheitsamt geht das allerdings auf ein lokales Ereignis in der Stadt Adenau zurück. Alle Beteiligten seien bekannt. Einen Zusammenhang zum Hochwasser – oder den Helfern – gebe es nicht.

Die Impfquote, so Gesundheitsminister Clemens Hoch, sei im Kreis Ahrweiler eine der höchsten und der Impfbus werde gut angenommen. Die Impfbereitschaft, auch mit Blick auf andere Infektionskrankheiten, sei hoch: „Die Leute kommen und sagen, sie wollen die Tetanus-Impfung“, berichtet Hoch.

Aus der Perspektive der KV „macht es nach der Hochwasserkatastrophe Sinn, in neue medizinische Strukturen zu investieren“, erklärt Heinz. Es gäbe jetzt die Chance, ein neues, hochwassersicheres Ärztehaus zu bauen, das auch für jüngere Ärzte attraktiv wäre. Normalerweise sei es eher schwierig, niedergelassene Ärzte davon zu überzeugen, mit ihrer Praxis in ein solches Ärztehaus überzusiedeln.

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