Zwei Ärzte berichten

Flutkatastrophe: Patienten versuchen verzweifelt, an Medikamente zu kommen

„Es ist schrecklich, was hier passiert“, berichtet Hausarzt Dr. Marcus Friedl aus dem Hochwasser-Gebiet Bad Neuenahr. Patienten hätten Probleme, an ihre Arzneimittel zu kommen. Eine Idee, wie das Problem zu lösen wäre, gibt es aber schon.

Von Anke ThomasAnke Thomas Veröffentlicht:
Die Aufräumarbeiten in Bad Neuenahr gehen weiter. Ein Hausarzt aus dem Ort bittet um Antibiotika, Verbände und Desinfektionsmittel.

Die Aufräumarbeiten in Bad Neuenahr gehen weiter. Ein Hausarzt aus dem Ort bittet um Antibiotika, Verbände und Desinfektionsmittel.

© Thomas Frey / picture alliance / dpa

Wiesbaden. Seine Praxis ist der Flut zum Opfer gefallen, nichts ist mehr zu gebrauchen. Das aber ist gerade das geringste Problem von Hausarzt Dr. Marcus Friedl.

Während er durch seine ehemaligen Praxisräume in Bad Neuenahr durch den Schlamm watet, telefoniert er mit Patienten via Handy. Marcus Friedl und seine Frau Dr. Anke Friedl haben eigens eine Mobil-Notrufnummer auf der Website der Praxis hinterlegt.

Anke Friedl arbeitet gerade aushilfsweise mit einer weiteren Kollegin unentgeltlich in einer Privatpraxis einer befreundeten Ärztin, die selbst von der Katastrophe betroffen ist und nicht in ihrer Praxis arbeiten kann.

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Gefahr von Seuchen

Nun rufen viele Patienten des Ärzteehepaares an und versuchen verzweifelt, irgendwo an ihre Medikamente zu kommen. „Wenn die privatärztliche Kollegin zurückkommt, wird sie geschockt sein, was alles verordnet wurde“, sagt Friedl der „Ärzte Zeitung“.

Patienten, die kostenintensive Medikamente benötigen, würden von Praxis zu Praxis rennen – viele Ärzte weigern sich offenbar, diese aus Angst vor Rückzahlungen zu verordnen. „Es ist furchtbar“, sagt Friedl, „Sie können sich gar nicht vorstellen, was hier abgeht.“

Ein guter Freund und Patient von ihm beispielsweise leidet unter ALS. Keiner verordnet ihm das spezielle Trinkwasser oder das nötige Codein. „Ich selbst kann ja nichts verschreiben, weil alles kaputt ist“, sagt Friedl verzweifelt.

Infusionen, Verbände, mobile Praxen

Aber nicht nur wegen dringend benötigter Medikamente melden sich die Patienten. Auch Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen können nicht ausgestellt werden. „Eine Krankenkasse meinte, dass der Patient noch heute die Verlängerung der AU abgeben muss. Sonst riskiert er, dass das Krankengeld nicht mehr gezahlt wird. Das kann doch nicht sein in so einer Situation“, empört sich Friedl.

Da viele versuchen, mit bloßen Händen aus der „versifften Matsche“ etwas von ihrem Hab und Gut zu retten, treten schon erste Wundinfekte und Darmerkrankungen auf. Die Seuchengefahr steigt, sagt Friedl. Wenn nichts geschehe, werde es ein zweites großes Sterben geben.

„Wir brauchen dringend Antibiotika, Infusionen, Infusionsständer, ganz viel Verbandszeug, Desinfektionsmittel und Magen-Darm-Behandlungsmöglichkeiten“, sagt Friedl. Ärzte und Hilfskräfte gebe es genug, aber es müssten mobile Behandlungseinheiten her – etwa Vans und auch Zelte, in denen Patienten behandelt werden könnten.

Auch wichtige Medikamente für Hypertoniker, Diabetiker, Patienten mit Parkinson werden benötigt. Damit Patienten sie erhalten, fände es Friedl wichtig, dass der Chef der KV zum Beispiel im Fernsehen bekräftigt, dass Ärzte in dieser Krisensituation Medikamente verordnen dürfen, ohne aufs Budget zu schielen oder Rückzahlungen fürchten zu müssen. Ganz wichtig, findet Friedl, sei auch eine Stelle, die sich um die Organisation und Informationen vor Ort kümmert.

„Bitte gebt uns eine Betriebsstättennummer“

Das bestätigt auch Dr. Henning Jäschke, Allgemeinarzt und Notfallmediziner, dessen Privatpraxis in Bad Neuenahr zwar vom Hochwasser verschont wurde, aber mangels Personal und Stromausfall kein Betrieb möglich ist. Jäschke hat sich einem Krisenstab vor Ort angeschlossen und versucht gerade, eine Notarztpraxis aufzubauen. „Wir benötigen dringend auch die Vergabe einer Betriebsstättennummer durch die KV“, sagt Jäschke gegenüber der „Ärzte Zeitung“.

Den Menschen müssten lebensnotwendige Medikamente verordnet werden. Eben (am Dienstag – Anm. der Redaktion) erst war eine Epileptikerin da, die ihr Lamotrigin benötigt. Mit den Apotheken vor Ort gibt es zwar eine Übereinkunft, dass die Ärzte Privatrezepte unterschreiben, die Apotheken geben die benötigten Arzneien aus.

Aber die Patienten oder die Apotheken müssen in Vorleistung gehen. Sowohl Friedl als auch Jäschke haben bei der KV angerufen und auf die Probleme aufmerksam gemacht. Beide haben den Eindruck, dass die KV die Nöte der Ärzte und Menschen vor Ort nicht verstehen.

KV-Chef: Unbürokratische Hilfe!

„Bürokratische Hürden werden wir schnellstmöglich abbauen“, sagt Dr. Peter Heinz, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz, am Montag auf Anfrage der „Ärzte Zeitung“. Gerade heute habe der Krisenstab getagt und es werde Lösungen geben, die auch mit den Kassen abgesprochen seien. So sollten Rezepte, die mit dem Vermerk „Hochwasser“ versehen seien, außerhalb des normalen Budgets laufen. Die Gefahr eines Regresses lasse sich so umgehen.

Die Situation vor Ort sei schlimm, sagt Heinz, der sich am Sonntag persönlich ein Bild von der Lage in Bad Neuenahr gemacht hat. 15 Praxen seien dort vom Hochwasser betroffen bzw. überflutet worden. Einen Engpass sieht Heinz jedoch nicht, die Versorgung sei ingesamt gut, 25 Praxen vor Ort seien betriebsbereit. „Wir werden alle Praxen unterstützen, die von der Katastrophe betroffen sind“, verspricht Heinz.

Ganz so sehen Friedl und Jäschke das nicht: Die Menschen können je nach Flussseite die Bereitschaftspraxis der KV gar nicht erreichen. Die Brücke sei kaputt, Autos seien weggeschwemmt worden. Weiterhin hoffen die beiden Allgemeinärzte, dass die KV die Versorgungsnöte vor Ort erkennt und schnellstmöglich alles tut, damit den Menschen geholfen werden kann.

„Das Systemhaus hat bereits zugesagt, dass sie etwas auf die Beine stellen werden“, sagt Jaeschke. Jetzt hänge es nur noch an der KV.

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