Berufspolitik

"Allgemeinmedizin hat sich an den Fakultäten durchgesetzt"

Professor Martin Scherer ist neuer Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin am Hamburger UKE. Er will die Wissenschaft mit dem hausärztlichen Alltag verknüpfen.

Von Dirk SchnackDirk Schnack Veröffentlicht:
Prof. Martin Scherer ist neuer Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin am UKE.

Prof. Martin Scherer ist neuer Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin am UKE.

© Schnack

HAMBURG. Fokus auf Leitlinien und Verknüpfung von Wissenschaft und hausärztlichem Alltag: Mit diesen Schwerpunkten will Professor Martin Scherer die Allgemeinmedizin am UKE weiterentwickeln.

Scherer ist Nachfolger von Professor Hendrik van den Bussche, der nach 18 Jahren als Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin am UKE in den Ruhestand ging.

Leitlinien vorantreiben

Das Institut in der Hansestadt gilt neben Frankfurt und Heidelberg als eines der bedeutendsten seines Faches und ist mit über 30 Mitarbeitern auch eines größten. Der 39-jährige Scherer war auch für den noch nicht besetzten Lehrstuhl am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck vorgesehen, entschied sich aber für Hamburg.

Zu seinen Plänen in Hamburg sagt er: "Ich will bewahren, aber auch verändern." Vorantreiben will er unter anderem die Arbeit mit Leitlinien - er ist Sprecher der ständigen Leitlinienkommission der Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) und zugleich deren Vizepräsident. In dieser Funktion hat er die Leitlinienentwicklungsstelle der Gesellschaft mit seiner Berufung nach Hamburg gebracht.

Zugleich will sich Scherer verstärkt Themen widmen, die den hausärztlichen Alltag berühren.

 "Angehende Hausärzte wurden lange Zeit eher lehrbuchorientiert ausgebildet. Es wurden Krankheiten der Reihe nach abgehandelt. Die kommunikativen Fähigkeiten kamen dabei häufig zu kurz. Das hat sich geändert, seitdem die Arbeit mit über siebzig Simulationspatienten am Institut für Allgemeinmedizin etabliert hat", sagt Scherer.

Einen ersten Eindruck davon will er Hausärzten, Weiterbildungsassistenten und Medizinischen Fachangestellten am ersten Hamburger Tag der Allgemeinmedizin Anfang November verschaffen.

Allgemeinmedizin mit Potential nach oben

Am 4. November hält Scherer seine Antrittsvorlesung zum Thema "Wissenschaftliche und Praktische Allgemeinmedizin - Schulterschluss für Forschung, Nachwuchs und Versorgung". Einen Tag später folgt der Tag der Allgemeinmedizin. Auf dem Programm steht an diesem Tag auch die Arbeit mit Laienschauspielern, die schwierige Situationen im Arzt-Patienten-Gespräch simulieren.

Bundesweit hält Scherer den Stellenwert der Allgemeinmedizin an den Hochschulen für besser, als häufig angenommen wird. Er verweist in diesem Zusammenhang auf inzwischen 13 Lehrstühle für Allgemeinmedizin an den 38 Fakultäten.

"Die Allgemeinmedizin hat sich an den Fakultäten durchgesetzt", lautet sein Eindruck. Potenzial nach oben hat das Fach nach seiner Beobachtung noch beim Image in der Öffentlichkeit. "Es ist noch nicht jedem klar, wie anspruchsvoll die Allgemeinmedizin ist", sagt Scherer.

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Nach den kürzlich in der ÄZ referierten, hypertrophen Vorstellungen aus Frankfurt, die zur Vermutung Anlass gaben, dass die Allgemeinmedizin nicht nur Amerika neu entdecken, sondern auch gleich noch das Rad neu erfunden möchte, klingt es aus Eppendorf realistisch nüchtern und hausärztlich zielführend.

Wer sich mit Leitlinien für die hausärztliche Praxis beschäftigt, wird diese ebenfalls nicht neu erfinden, sondern um die Beschäftigung mit den Leitlinien der anderen Fachgesellschaften nicht herum kommen und sich - soweit es die reine Wissenschaft betrifft - weitgehend daran orientieren müssen. Dann sind aber auch die Nahtstellen und zwingenden Anlässe für Kooperationen zu definieren. Daran mangelt es bislang in den (Kurzfassungen) Leitlinien der DGAM.

Die Allgemeinmedizin täte gut daran, sich als Glied im Fächerkanon zu begreifen und auch in dieser Weise darzustellen. Daran fehlt es vielerorts, in Hamburg jedoch offenbar nicht.

Es bleibt zu hoffen, dass die Einstellung des jungen Professors und Vizepräsidenten der DEGAM auch auf die Berufspolitik des Hausärzteverbandes ausstrahlt. Dass hier erhebliche Überzeugungsarbeit - auch für den Respekt gegenüber hausärztlichen Internisten - zu leisten ist, macht der jüngste Bericht zur Lage des Herrn Weigeldt (nachzulesen auf der homepage des Verbandes) mehr als deutlich.


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