Prävention

Amtsärzte warnen: "Notfalls Streik"

Blutet der öffentliche Gesundheitsdienst aus? Der Bundesverband warnt vor einem eklatanten Personalmangel, weil Ärzte in der Klinik einfach besser verdienen. Das wollen die Amtsärzte nicht hinnehmen.

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BVÖGD-Chefin Teichert-Barthel: Zum elften Mal einen Korb erhalten.

BVÖGD-Chefin Teichert-Barthel: Zum elften Mal einen Korb erhalten.

© Martin Schutt / dpa

ERFURT (rbü). Der Bundesverband der Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst (BVÖGD) warnt vor drastischen Folgen der zunehmenden Honorarabkopplung im Gesundheitsdienst.

Bereits heute könne oft kein Impfangebot mehr unterbreitet werden, sagte die Verbandsvorsitzende Dr. Ute Teichert-Barthel am Donnerstag zur Eröffnung des Bundeskongresses in Erfurt.

Schätzungsweise 200 Ärzte fehlten, weil die Bezahlung sich immer weiter von den Honoraren im ambulanten und stationären Bereich entfernt. "Wer von einer Klinik in den ÖGD wechselt, verdient bis zu 1000 Euro netto weniger", sagte sie.

Die Tarifverhandlungen, die bereits seit April 2010 geführt werden, stecken in der Sackgasse. "Es gibt bis heute kein akzeptables Angebot, das überhaupt der Beratung würdig ist", sagte Teichert-Barthel.

Der nächste Schritt sei nun, in den Warnstreik zu treten, warnte sie die Politik. Der öffentliche Gesundheitsdienst ist Ländersache und wird von den Kommunen organisiert.

Drohende Versorgungslücken

Allein in Thüringen seien derzeit etwa 30 Prozent weniger Amtsärzte im Dienst, als das Land in einer eigenen Personalempfehlung vorgibt. Nach Angaben des Sozialministeriums sind theoretisch rund 70 Stellen in den Gesundheitsämtern unbesetzt.

Mancherorts sei die Versorgung in bestimmten Bereichen bereits zusammengebrochen, sagte die Leiterin des Gesundheitsamts Erfurt, Dr. Helga Peter. Vor allem Kinder-, Jugendärzte und Psychiater sind Mangelware, ein großes Problem sei insbesondere die Nachbesetzung von Stellen.

Der BVÖGD wirft der Bundesregierung vor, den Gesundheitsdienst bei der Einbindung in die Versorgung zu vernachlässigen.

Umso verärgerter reagierte man darauf, dass Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) seine Teilnahme an dem Kongress wegen des Wahlkampfs in Nordrhein-Westfallen kurzfristig absagte - es sei das elfte Mal, dass ein Bundesminister dem BVÖGD einen Korb gebe, schimpfte Teichert-Barthel.

Insbesondere bei der neuen Präventionsstrategie forderte sie eine stärkere Beteiligung der Gesundheitsämter. "Nur wir haben den Zugang zu Kindergärten oder Schulen. Wer den ÖGD bei der Prävention vergisst, lässt Chancen vorbeiziehen", sagte sie.

Outsourcing in der Kritik

Sorge bereitet den Amtsärzten vor allem die Entwicklung der Kindergesundheit. "Es findet ein Wandel von organischen Erkrankungen hin zu psychischen Belastungen bei Schulkindern statt", sagte die Erfurter Amtsärztin Peter.

Der dem Personalmangel geschuldete Trend zur Auslagerung von Dienstleistungen wie Gutachten und Laboruntersuchungen an niedergelassene Ärzte sei inzwischen gestoppt, sagte Teichert-Barthel.

Teichert-Bartel kritisierte das Outsourcing, weil damit die Unabhängigkeit des ÖGD gefährdet sei. "Wir müssen den Schutz der gesamten Bevölkerung im Auge haben."

Dem ständig wachsenden Aufgabenprofil werde jedoch bei der Personalausstattung nicht Rechnung getragen. "Erst wenn die Bevölkerung mit Pandemien wie EHEC oder Schweinegrippe konfrontiert wird, wird der Ruf nach mehr Kontrollen durch den ÖGD lautet", so die Bundeschefin.

Beim 62. wissenschaftlichen Kongress des BVÖGD in Erfurt werden bis Sonnabend rund 500 Mediziner aus ganz Deutschland erwartet. In Deutschland gibt es circa 400 Gesundheitsämter, an denen 17.000 Mitarbeiter beschäftigt sind, darunter 2800 Ärzte.

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