Notkontrazeption

BÄK-Chef will "Pille danach" in Ärztehand

Die "Pille danach" over the counter, also ohne Rezept am Apothekentisch: Davon hält BÄK-Chef Montgomery wenig - und verweist auf die wichtige Beratung durch Ärzte.

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In der Diskussion um die OTC-Freigabe: Levonorgestrel.

In der Diskussion um die OTC-Freigabe: Levonorgestrel.

© Rolf Vennenbernd / dpa

KÖLN. Der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Professor Frank Ulrich Montgomery, hat sich erneut gegen einen OTC-Switch für das Notfallkontrazeptivum Levonorgestrel ausgesprochen. Vielmehr müsse das "gut funktionierende System von Beratung" beibehalten werden, forderte er am Dienstagmorgen im "Deutschlandfunk".

Zuletzt hatte sich Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) gegen die Entlassung von Levonorgestrel aus der Verschreibungspflicht ausgesprochen. Am Montag deutete sich schließlich ein Dissens in der großen Koalition deswegen an.

Sexualaufklärung gehöre in die Hand von Ärzten und nicht etwa in Apotheken, forderte Montgomery. Die Beratung von Frauen in Notsituationen funktioniere nicht, "indem man eine Pille über den Tresen einer Apotheke schiebt". "Wir möchten gerne den Vorteil unseres deutschen Gesundheitssystems weiter wahren, dass man in einem Gespräch mit einem Arzt eine kompetente Beratung bekommt, wie so etwas auch für die Zukunft verhindert werden kann", sagte er.

Beratung in der Apotheke könnte das ärztliche Gespräch nicht ersetzen, sagte Montgomery. "Ich möchte nun meinen akademischen Freunden von der Pharmazie nicht wehtun, aber ich glaube, da überschreiten sie doch eine Grenze. Die Beratung in der Apotheke (...) halte ich überhaupt nicht für suffizient."

Auch die Möglichkeit eines diskreten Gesprächs in der Offizin bezweifelte Montgomery. "Stellen Sie sich mal vor, Sie lassen sich da am Counter eines Apothekers in Fragen der Sexualität beraten." Das sei kein "kluger Vorschlag".

Der BÄK-Präsident verwies zudem auf auf mögliche Nebenwirkungen von Levonorgestrel. Patientinnen, die sie nur einmal nehmen würden, seien "in einer solchen extremen Ausnahmesituation" bereit, Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen. Sollten dann tatsächlich UAW auftreten, würden sie in diesen Fällen häufig womöglich auch gar nicht gemeldet.

Montgomery sprach sich dafür aus, zur Notfallkontrazeption den selektiven Progesteronrezeptor-Modulatoren Ulipristalacetat anstatt des Gestagens Levonorgestrel einzusetzen. Ulipristalacetat, das auch weiterhin unter Verschreibungspflicht bleiben wird, sei "ein besseres Mittel", weil es auch bei höherem Körpergewicht und auch noch später wirke.

Der BÄK-Chef räumte allerdings ein, dass Ulipristalacetat vergleichsweise zu mehr Nebenwirkungen führen könne. "Man muss vorher eine Schwangerschaft, eine bestehende Schwangerschaft sicher ausschließen dafür", sagte er. Sei sie ausgeschlossen, könne der Eisprung dann aber "mit Sicherheit" verhindert werden.

Als weiteres Argument gegen die OTC-Freigabe von Levonorgestrel führte Montgomery die Möglichkeit von Werbung nach dem Heilmittelwerbegesetz an: "Dann würden wir in Zukunft in den Hochglanzbroschüren wahrscheinlich Werbung für Levonorgestrel sehen", sagte er. "Das sind Dinge, die wir nicht für vernünftig halten." (eb)

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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Dr. Thomas Georg Schätzler

"Ich weiß, dass ich nichts weiß"?

Ich weiß nicht, wie weit es beim Präsidenten der Bundesärztekammer (BÄK), dem Kollegen und klinischen Radiologen bzw. Professor h. c. (HH), Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, mit dem Wissen über Sexualaufklärung bei Menschen im reproduktionsfähigen Alter steht. Die "gehöre in die Hand von Ärzten und nicht etwa in Apotheken", stellt er fest.

Denn dass das "gut funktionierende System von Beratung" beibehalten werden sollte, wie von ihm am Dienstagmorgen im "Deutschlandfunk" gefordert, kollidiert nicht unerheblich mit der Abweisung eines Vergewaltigungsopfers durch zwei Katholische Kölner Kliniken im letzten Jahr: Weil man dort aus fundamentalistisch-religiös verbrämten Gründen die "Pille danach" ohnehin nicht verordnen oder gar verabreichen wollte?

Die paternalistische Sichtweise unseres BÄK-Präsidenten erkennt man unschwer an seiner Sichtweise der Beratung von Frauen in Notsituationen: Sie funktioniere nicht, "indem man eine Pille über den Tresen einer Apotheke schiebt". "Wir möchten gerne den Vorteil unseres deutschen Gesundheitssystems weiter wahren, dass man in einem Gespräch mit einem Arzt eine kompetente Beratung bekommt, wie so etwas auch für die Zukunft verhindert werden kann", ist sein Statement.

Kein Wort davon, dass die männlichen Partner mit am Geschehen beteiligt sind, ja sogar eine der zwingenden Grundvoraussetzungen für das ganze Dilemma sind. Die Problematik der "Pille danach" liegt doch in erster Linie am mangelhaften bis teilweise gänzlich fehlenden Interesse, Wissen und Mit-Verantwortlich-Sein männlicher Partner bei Fragen und Problemen von Kontrazeption, Konzeption und ungewollter Schwangerschaften in allen möglichen Spielarten von Paar-Beziehungen.

Die informationelle Selbstbestimmung potenzieller Anwenderinnen der "Pechpill" muss integraler Bestandteil von Aufklärung, Information, Sexualkunde, Biologie-Unterricht, Sicherstellung ärztlicher Erreichbarkeit rund um die Uhr, Kompetenz und Erfahrung im Umgang mit Rat suchenden Frauen u n d Männern in dieser speziellen Frage sein. Empathie und weltanschauliche Toleranz sind Grundbedingungen, welche insbesondere die "C"-Parteien und immer noch viele Ärzte unter der Ägide katholischer Krankenhausträger und deren fundamentalistischer Ideologien vermissen lassen.

Daran ändern auch schein-liberale Positionen eines SPD-"Frauenverstehers", Prof. Dr. Karl Lauterbach, nichts, der ausgerechnet die "Pille danach" in Form von Levonorgestrel (PiDaNa®) mit der höchsten vergleichbaren Tagesdosis bzw. Nebenwirkungspotential als OTC-Präparat rezeptfrei und werbewirksam stellen will, offenkundig o h n e epidemiologisch begründbares Wissen über die klinisch brauchbare Alternative.

Die Folgen haben wir Ärzte dann auch noch mit „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ zu tragen, o h n e die potenziellen Anwenderinnen und deren Partner vorher überhaupt gesprochen oder beraten zu haben.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund


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