Berufspolitik

Blühende Landschaften, vernarbende Wunden

20 Jahre deutsche Einheit - und die Deutschen murren. Zu Unrecht. Denn historisch gesehen sind die letzten 20 Jahre für Deutschland und Europa eine einzigartige Erfolgsgeschichte: für Frieden, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und wirtschaftliches Wohlergehen.

Von Helmut Laschet Veröffentlicht: 02.10.2010, 00:00 Uhr
Blühende Landschaften, vernarbende Wunden

... Uranbergbau der SDAG Wismut zu DDR-Zeiten. Heute ist Schlema wieder das, was es einst war: ein Kurort.

© Wismut

Als Ende der 80er Jahre die Sowjetunion und mit ihr der sozialistische Ostblock implodierten, stand eine Schreckensbilanz: Millionenfacher Mord, Repression, Umweltvernichtung. Ein System war an sich selbst erstickt: an seiner Menschenverachtung, seiner Unfreiheit, seiner Ineffizienz und Übermilitarisierung.

Bürger dieser Länder forderten ein, was ein Menschenrecht ist: Würde und Freiheit. Zuerst in Polen mit Solidarnosc, 1989 in der DDR mit dem Ruf: "Wir sind ein Volk!".

Am 3. Oktober 1990 waren die Deutschen wieder ein Volk. Ein Tag, der für ganz Europa eine Wende markiert.

Der Frieden, der in den 45 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg durch ein Gleichgewicht des nuklearen Schreckens gesichert worden war, wurde zu einem Frieden, der durch Freiheit, Freizügigkeit, Anerkennung der Menschenwürde, durch Zusammenarbeit und Solidarität der europäischen Völker gelebt wurde.

Vom Baltikum bis zum Balkan traten zehn ost- und mitteleuropäische Länder der Europäischen Union bei. Von Gibraltar bis vor die Tore St. Petersburgs gibt es keine Schlagbäume mehr. Die neuen Mitglieder der EU sind stolz, Europäer zu sein - ihre Bürger arbeiten mit großem Einsatz an der Aufholjagd.

Und Deutschland?

Die Euphorie der Wendejahre 1989/90 ist dahin, vergessen. Viel langsamer wächst zusammen, was zusammengehört. Eifersucht bestimmt die staatliche Verteilungspolitik. Das ist kleinlich angesichts der Erfolgsgeschichte der letzten 20 Jahre.

Am deutlichsten sichtbar ist das in der Natur: Die immensen Umweltschäden sind beseitigt, blühende Landschaften sind entstanden. Ein Beispiel ist die Hinterlassenschaft der Sowjetisch Deutschen Aktiengesellschaft Wismut (siehe Titelfoto): Die gigantische Uran-verseuchte Haldenlandschaft wurde mit einem Aufwand von sechs Milliarden Euro saniert und renaturiert - Bad Schlema wurde wieder das, was es einst war: ein Kurort.

Medizin und Pflege mit Menschenwürde

Eine ähnliche Erfolgsgeschichte ist die medizinische Versorgung. Am 1. Januar 1991 trat westdeutsches Krankenversicherungsrecht in den neuen Ländern in Kraft. Über Nacht war damit eine Arzneimittelversorgung nach Weststandard möglich - und sie wurde realisiert. In den Folgejahren wurden Krankenhäuser saniert oder neu aufgebaut. Psychiatrie und Altenpflege wurden erstmals menschenwürdig.

Umstritten ist heute, ob es sinnvoll war, die Poliklinikstruktur weitgehend aufzugeben. Tatsache ist: Die weitaus meisten Ärzte wollten aus den Staatsstrukturen heraus. Gewiss sind sie auch von westlichen Ärzteverbänden oder Beratern in die Freiberuflichkeit gedrängt worden. Zu bedenken ist allerdings: All dies musste 1990 binnen weniger Monate bei der Erarbeitung des Einigungsvertrages geregelt werden, die Zeit drängte, die Menschen wollten rasche Entscheidungen - für wissenschaftliche Studien blieb kein Raum.

Fehleinschätzungen und strategische Fehler

Bei alledem gab es Fehleinschätzungen, die teilweise bis heute persistieren. Die Produktivität der DDR-Wirtschaft erreichte Ende der 80er Jahre nur 30 bis 40 Prozent der westdeutschen Produktivität. Ein Gutteil des bescheidenen Wohlstands war auf Pump gekauft. Größte Teil der Industrie war nicht sanierungsfähig. Da war viel Unwissen.

Als strategischer, bis heute nachwirkender Fehler hat es sich erwiesen, den Sozialstaat West Eins zu Eins auf Ostdeutschland zu übertragen. Gerade in der Wendezeit 1990/91 war bei den Bürgern der alten Bundesrepublik die Bereitschaft vorhanden, den Gürtel enger zu schnallen. Einäugigkeit und mangelnder Mut damals verantwortlicher Sozialpolitiker wirken bis heute in der Auseinandersetzung um die Agenda 2010, Hartz IV und den Demografiefaktor in der Rente nach.

Vor allem aber ist falsch eingeschätzt worden, wie es lange es braucht, bis Wunden an Geist Seele vernarben, die den Menschen zugefügt worden sind.

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