Direkt zum Inhaltsbereich

Mitochondrien-Ersatz

Briten wollen umstrittene IvF erlauben

Die britische Regierung betritt Neuland: Sie will eine IvF-Methode zum Ersatz von Mitochondrien in befruchteten Eizellen erlauben. Das Verfahren ist umstritten. In vielen Ländern ist es verboten, auch in Deutschland. Ein Tabubruch?

Peter LeinerVon Peter Leiner Veröffentlicht:
Modell eines Mitochondriums. Die Prävention von Mitochondriopathien durch den Ersatz dieser Zellorganellen bietet eine Chance, die Krankheit in den Familien zu eliminieren.

Modell eines Mitochondriums. Die Prävention von Mitochondriopathien durch den Ersatz dieser Zellorganellen bietet eine Chance, die Krankheit in den Familien zu eliminieren.

© Mopic/Fotolia.com

LONDON. Als weltweit erstes Land hat die britische Regierung angekündigt, eine Gesetzesvorlage zum Mitochondrienersatz zu erarbeiten, die in den kommenden Monaten öffentlich beraten werden soll.

Wie Chief Medical Officer Professor Dame Sally Davies, Beraterin der Regierung in Angelegenheiten des Gesundheitswesens, in einer Mitteilung betont hat, sei es richtig, diese lebensrettende Technik der künstlichen Befruchtung (IvF) zur Prävention von Mitochondriopathien rasch zuzulassen.

Dem Parlament soll im kommenden Jahr eine Endversion des Gesetzes vorgelegt werden. Optimisten in Großbritannien halten es für möglich, dass das IvF-Verfahren in zwei Jahren Paaren mit erhöhtem Risiko für eine ausgeprägte Mitochondriopathie angeboten werden könnte.

Etwa 12.000 Menschen sind in Großbritannien an einer Mitochondriopathie erkrankt. Bei einem von 6500 Neugeborenen wird dort eine solche genetische Erkrankung diagnostiziert. In Deutschland rechnen Humangenetiker mit einer Prävalenz von mindestens 1 bis 1,5 auf 10.000 Neugeborenen; viele leicht verlaufende Erkrankungen werden vermutlich nicht entdeckt.

Zu den genetischen Erkrankungen mit intrazellulärem Energiemangel aufgrund der gestörten oxidativen Phosphorylierung zählt die Lebersche hereditäre Optikusneuropathie und die mitochondriale Myopathie.

Eine Folge der Mutationen können Muskelschwäche, Diabetes, neurodegenerative und kardiovaskuläre Erkrankungen sein. Schätzungen zufolge lassen sich jährlich zehn Todesfälle durch Mitochondriopathien verhindern.

Zur Erinnerung: In einer Umfrage der Behörde HFEA (Human Fertilisation and Embryology AUTHORity) in Großbritannien hatten die meisten diese Präventionsoption begrüßt.

Embryonen als Quelle für Ersatzteile?

Daraufhin hatte die Regulierungs- und Überwachungsbehörde für alle britischen Kliniken detaillierte Empfehlungen zum Umgang mit der bisher auch dort verbotenen Therapieoption bei Mitochondriopathien gegeben, falls die Regierung eine Gesetzesänderung plane. Das ist jetzt der Fall.

Bei der von den Forschern um die Professoren Dr. Patrick Chinnery und Dr. Doug Turnbull von der Universität von Newcastle entwickelten Methode wird das Kern-Erbgut eines Spermiums und das einer Eizelle von einer Frau mit mitochondrialer Erkrankung kurz nach der Befruchtung - also noch als sogenannte Vorkerne - in die zuvor entkernte Eizelle einer gesunden Eizellspenderin übertragen.

Auf diesem Wege der künstlichen Befruchtung wird man die mutierte DNA der Mitochondrien in der Eizelle der betroffenen Frau elegant los. Wie in anderen Ländern ist auch in Deutschland dieses Verfahren der künstlichen Befruchtung verboten.

Nicht nur Chinnery und Turnbull vom Wellcome Trust Centre for Mitochondrial Disease Research begrüßen die Initiative der britischen Regierung, sondern auch Robert Meadowcroft von der Muscular Dystrophy Campaign und Sir John Tooke, Präsident der Academy of Medical Sciences.

Anders sieht es Dr. David King, Leiter der Organisation Human Genetics Alert. mit Sitz in LondonWie er der BBC sagte, seien derartige Verfahren nicht notwendig, zudem unsicher.

Helen Watt vom Christian Anscombe Bioethics Centre in Oxford befürchtet, mit dem modifizierten IVF-Verfahren würden Embryonen als "Quelle für Ersatzteile" geschaffen, wie sie dem "Guardian" sagte.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Zweifelhafte Pioniertat

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Statistik

Digitales Organspenderegister nimmt langsam Fahrt auf

Das könnte Sie auch interessieren
Glasglobus und Stethoskop, eingebettet in grünes Laub, als Symbol für Umweltgesundheit und ökologisch-medizinisches Bewusstsein

© AspctStyle / Generiert mit KI / stock.adobe.com

Klimawandel und Gesundheitswesen

Klimaschutz und Gesundheit: Herausforderungen und Lösungen

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein MRT verbraucht viel Energie, auch die Datenspeicherung ist energieintensiv.

© Marijan Murat / dpa / picture alliance

Klimawandel und Gesundheitswesen

Forderungen nach Verhaltensänderungen und Verhältnisprävention

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

© Frankfurter Forum für gesellschafts- und gesundheitspolitische Grundsatzfragen e. V.

Das Frankfurter Forum stellt sich vor

Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
50 Jahre Jung-Preis

© Jung-Stiftung für Wissenschaft und Forschung

50 Jahre Jung-Preis

Freiheit als Voraussetzung für medizinischen Fortschritt

Anzeige | Jung-Stiftung für Wissenschaft und Forschung
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb.  1: Indikationsübergreifendens Therapie-Monitoring in den ersten Behandlungszyklen mit Ribociclib beim HR+/HER2- Brustkrebs

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [1]

Früher und metastasierter HR+/HER2- Brustkrebs

Einfach und konsistent: indikationsübergreifendes Therapie-Management mit Ribociclib

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg
Podcast Dr. Nele Frerksen-Kirschner

© Porträt: Dr. Nele Freerksen-Kirschner, Universitätsklinik Aachen | Hirn: grandeduc / stock.adobe.com

„ÄrzteTag extra“-Podcast

Wechseljahresbeschwerden individuell behandeln

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Gedeon Richter Pharma GmbH, Köln
Abb. 1: OS von Patientinnen mit Endometriumkarzinom und Mismatch-Reparatur-Profizienz bzw. Mikrosatellitenstabilität

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Primär fortgeschrittenes/rezidivierendes Endometriumkarzinom

Nachhaltiger Überlebensvorteil durch Immuntherapie plus Carboplatin-Paclitaxel

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: GlaxoSmithKline GmbH & Co. KG, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Schutzmechanismus entdeckt?

Warum Krebs im Herzen selten vorkommt

Lesetipps
Eine Frau hat einen kleinen Ventilator in der Hand.

© Marcus Brandt/dpa

Auf einen Blick

Unsere Beiträge zum Thema Hitze in der Übersicht

Darstellung einer Lunge: Farbige 3D-Computertomographie (CT) in axialer Ebene bei interstitieller Lungenerkrankung (ILD).

© K.H. Fung / Science Photo Library

Warnzeichen trockener Reizhusten

Wenn bei Rheuma die Lunge knistert