Leitartikel zur Mitochondrienmanipulation

Briten spielen erneut eine zweifelhafte Vorreiterrolle

Der bisher nicht erlaubte Mitochondrienersatz zur Prävention unheilbarer Mitochondriopathien wird von den Briten gutgeheißen. Für sie überwiegt der Nutzen der Methode die Risiken. Ihre Sicherheit ist allerdings noch lange nicht garantiert.

Von Peter LeinerPeter Leiner Veröffentlicht: 25.03.2013, 13:00 Uhr
Können künftige Babys DNA von drei Personen in sich tragen?

Können künftige Babys DNA von drei Personen in sich tragen?

© Comstock / Thinkstock

Es ist erst wenige Jahre her, dass britische Wissenschaftler erstmals das Kern-Erbgut jeweils eines Spermiums und einer Eizelle von einer Frau mit bisher unheilbarer Mitochondriopathie kurz nach der Befruchtung - also noch als sogenannte Vorkerne - in die zuvor entkernte Eizelle einer gesunden Eizellspenderin übertragen haben. Insgesamt zehn Embryonen hatten die Forscher damals mit dieser Methode - dem Klonen sehr ähnlich - hergestellt und nach fünf Tagen Entwicklung zerstört.

Diese Forschung heizte in Großbritannien die Debatte darüber an, ob das denn überhaupt ethisch vertretbar sei, so letztlich auch in die Keimbahn einzugreifen. Anlass genug für die dortige Behörde HFEA (Human Fertilisation and Embryology AUTHORity), die Bevölkerung in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres nach ihrer Meinung über die sozialen und ethischen Folgen dieser Forschung zur Prävention der Erkrankung zu befragen.

Die HFEA kontrolliert in Großbritannien die Fertilitätskliniken und überwacht die Embryonenforschung, die im Vergleich zur Forschung in Deutschland recht freizügig ist. So dürfen zum Beispiel die Wissenschaftler an menschlichen Embryonen bis zum 14. Tag nach der Befruchtung forschen.

Die Behörde geht davon aus, dass in Großbritannien jedes Jahr einer von 200 Menschen an einer Mitochondriopathie unterschiedlicher Ausprägung auf der Basis von Veränderungen im mitochondrialen oder nukleären Erbgut erkrankt. Mehrere Hundert verschiedene Mutationen sind mit den Mitochondrienerkrankungen assoziiert.

Je mehr Mitochondrien ein mutiertes Erbgut in sich tragen, umso schwerer verläuft die Erkrankung. Weil Mitochondrien als "Kraftwerke" der Zellen gelten, sind bei genetischen Veränderungen vor allem Gewebe mit hoher Stoffwechselaktivität von pathologischen Veränderungen betroffen, also im ZNS, Skelettmuskel oder Herzen. Die Kinder sind etwa taub, haben Diabetes oder eine Kardiomyopathie.

Das Wellcome Trust Centre for Mitochondrial Research, das die Arbeit des Vorreiters dieser Forschung, Professor Doug Turnbull an der Universität Newcastle upon Tyne, unterstützt, wirbt schon seit längerem für die Prävention von Mitochondriopathien mit dem Slogan "Healing Broken Batteries" - in Anlehnung an die Bezeichnung der Mitochondrien als "Kraftwerke der Zelle". Für Turnbull wäre eine solche Prävention die Chance, Mitochondriopathien in den Familien zu eliminieren.

Unter anderem die Medizinnobelpreisträger Sir John Sulston und Sir Tim Hunt legen der britischen Regierung eindringlich nahe, Gesetzesänderungen noch vor dem Ende der Legislaturperiode vorzunehmen, sodass Kliniken betroffenen Familien die neuen Methoden zur Prävention von Mitochondriopathien anbieten können, vorausgesetzt die Sicherheit des Mitochondrienaustauschs ist belegt.

Wer diese Form der Therapie gesetzlich erlauben will, dem muss klar sein, was auf die Menschen zukommt ..

Jetzt gleich lesen ... Jetzt gleich lesen ...

Mehr zum Thema

Grundsatzprogramm

Grüne distanzieren sich von Homöopathie

Uniklinik Essen

Oberarzt soll tödliche Medikamente verabreicht haben

Debatte um Impfstoff-Verteilung

Der Corona-Impfstoff und die Ethik

Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Newsletter bestellen »

Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile.

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt.

Jetzt anmelden / registrieren »

Top-Meldungen
Herzecho: Ein kardiologischer Check vor der Gelenkersatz-Op lohnt sich vor allem bei älteren Patienten und solchen mit positiver Familienanamnese.

Auch bei asymptomatischen Patienten

Vor der Gelenkersatz-Op nach kardialen Risiken fahnden!

Gleich bis 4. März kommenden Jahres ist dieses Hotel geschlossen. So weit reichen die jetzt geplanten Maßnahmen zur Verlängerung des Lockdowns im Moment allerdings noch nicht.

Lockdown – Weihnachten – Lockdown

Bund und Länder planen Corona-Verbote bis 2021

Arbeit in einer Stroke Unit: Während des Lockdowns im Frühjahr kamen weniger Patienten mit einem Apoplex in die Kliniken, aber die Krankheitsverläufe der behandelten Patienten waren schwerer. (Archivbild)

Qualitätsmonitor 2020

Erster Corona-Lockdown führte zu mehr toten Apoplex-Patienten