Deutscher Schmerz- und Palliativtag

Fast 9000 Schmerzmediziner fehlen bundesweit

Die DGS schlägt Alarm: Es fehlen tausende ambulante Spezialisten, um die bundesweit rund 3,4 Millionen Menschen mit schweren chronischen Schmerzen adäquat zu versorgen. Aber auch bei der Umsetzung von Therapien sei ein Umdenken nötig.

Veröffentlicht: 21.07.2020, 18:20 Uhr
Fast 9000 Schmerzmediziner fehlen bundesweit

Schmerzmedizin ist bislang nur eine Zusatzbezeichnung, daher fällt sie nicht unter die Bedarfsplanung

© Frank Rumpenhorst / dpa / picture alliance

Neu-Isenburg. Mehr Individualisierung statt Standardversorgung fordern Schmerzmediziner zum Auftakt des Deutschen Schmerz- und Palliativtages, der corona-bedingt dieses Jahr erstmals komplett digital stattfindet. Vor allem bei älteren Schmerzpatienten sei dies wichtig, so Dr. Johannes Horlemann, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS).

Dabei habe gerade die Corona-Pandemie gezeigt, wie wichtig in diesem Zusammenhang Zuwendung als Baustein einer guten Versorgung sei. „Wir alle haben die Bilder der älteren Menschen gesehen, die über Wochen isoliert waren“, sagte er bei einer Online-Pressekonferenz am Dienstagnachmittag. „Und wir haben festgestellt, welche großen Schäden diese Isolierung mit sich bringt.“

Vor allem in den Kliniken müsse endlich ein Umdenken beim Umgang mit älteren Patienten stattfinden.

Bei der Diagnostik anfangen

Eine individuellere Versorgung bedeute bei älteren Schmerzpatienten aber auch, dass die Therapie mehr an den Bedürfnissen und der Lebensqualität des Einzelnen ausgerichtet werde, das sollte bereits bei der Diagnostik berücksichtigt werden.

Sie erfordert laut Horlemann im Patientenkontakt aber vor allem mehr Zeit. Denn ältere Menschen seien vergleichsweise langsamer in ihren Bewegungen, in der Sprache und der Auffassung von Informationen.

Und genau hier stoßen die Schmerzmediziner – mit Blick auch auf den demografischen Wandel – wieder an ein altes Problem: Es gibt zu wenig ambulant tätige Spezialisten. Deshalb bringt die DGS erneut ihre Forderung vor, dass die Schmerzmedizin in der ambulanten Bedarfsplanung berücksichtigt werden müsse. Doch dazu müssen Kassenärztliche Vereinigungen und Ärztekammern mit an den Tisch, stellte Horlemann klar.

Bundesweit nur 1200 niedergelassene Schmerzmediziner

Aktuell würden bundesweit rund 3,4 Millionen Menschen an schwersten chronischen Schmerzen leiden. Dem stünden aber nur 1200 ambulant tätige Schmerzmediziner gegenüber.

Wenn man die KV-Vorgabe kenne, nach der ein Schmerzmediziner nur 300 Patienten pro Quartal versorgen bzw. abrechnen könne, werde leicht ersichtlich, dass es zu wenig seien.

„Wir brauchten über 10.000 niedergelassene Schmerzmediziner, die aber auch nur Schmerzmedizin machen“, sagte Dr. Thomas Cegla, Vizepräsident der DGS. „Davon sind wir aber noch weit entfernt“, fügte er hinzu.

Es bräuchte die Facharztweiterbildung

Das Problem: Noch immer sei die Schmerzmedizin keine eigenständige Facharztweiterbildung, sondern nur eine Zusatzweiterbildung. Das sorge auch bei der Nachbesetzung von Praxen dafür, dass Sitze der Schmerzmedizin verloren gingen.

Ginge ein schmerzmedizinisch tätiger Neurologe in Ruhestand, sehe die aktuelle Bedarfsplanung die Neubesetzung dieses Kassenarztsitzes durch einen Neurologen vor, unabhängig von seiner Spezialisierung, erläuterte Horlemann.

Der DGS-Präsident, der selbst 65 ist, fordert nach eigenen Angaben ältere Kollegen in der Fachgesellschaft immer wieder auf, nicht in Ruhestand zu gehen, da sonst eine Versorgungslücke aufklaffe. Dies betreffe immerhin rund 4000 Kollegen, berichtete er. (reh)

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Kommentare
Dr. Birgit Bauer

Das Problem der Planung wird von uns Schmerztherapeuten nun schon seit Jahren thematisiert, aber nach wie vor ist keine Lösung in Sicht. M.E. könnte mit einem Facharzt zwar das verwaltungstechnische Planungsproblem behoben werden, aber die Pat. haben nichts davon. Hier würden nur mehr Kenntnisse über die Schmerzchronifizierungsprozesse in allen Fachrichtungen helfen. Mein Eindruck nach nunmehr 17 Jahren ausschließlich ambulanter schmerztherapeutischer Tätigkeit ist, dass 60% der hochchronifizierten Patienten durch das System hausgemacht sind. Ich erlebe immer wieder wie Patienten durch Fehl- und Überbehandlung regelrecht in die Chronifizierung getrieben werden, mit all den daraus resultierenden psychosozialen Verwerfungen.
Was bei dieser Patientenklientel für Schäden durch die ausschließlich evidenz- und leitlinienkonformen Therapien entstanden ist, ist kaum überschaubar. Deshalb bin ich unserem Berufsverband dankbar die Individualität des Pat. immer wieder in den Focus zu rücken. Arzt zu sein braucht außer Grundlagenwissen auch Erfahrung und Empathie für Patienten und vor allem Zeit. Ein Mensch kann nie Durchschnitt sein.
Ich werde am Jahresende nun mit 70 Jahren in den Ruhestand gehen, eine Nachfolge steht nach wie vor in den Sternen. Vor 3 Jahren habe ich meine Praxis in ein MVZ gegeben, weil es mir in den 5 Jahren davor nicht gelungen ist, einen Nachfolger zu finden, glaubte ich so für meine Pat. (ca. 420/Quartal) einen besseren Übergang zu erreichen.
Leider stehe ich nun vor dem gleichen Problem.
Zum Schluss sei mir eine etwas ketzerische Bemerkung erlaubt. In einem System der Gesundheitswirtschaft ist eben nur der kranke Mensch ökonomisch wertvoll.



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