Dickes Problem Adipositas

Der Einfluss von Ärzten ist begrenzt

Im Kampf gegen die immer weiter fortschreitende "Adipositas-Pandemie" rufen Experten jetzt nach einer gesamtgesellschaftlichen Strategie: Den Einfluss der Ärzte halten sie für wichtig, aber begrenzt.

Von Angela MisslbeckAngela Misslbeck Veröffentlicht:
Mehr als die Hälfte der Erwachsenen Deutschen ist übergewichtig. Jeder Vierte bis Fünfte von ihnen gilt sogar als adipös.Experten fehlt bislang eine umfassende Strategie, wie die Zahl der Betroffenen gesenkt werden kann.

Mehr als die Hälfte der Erwachsenen Deutschen ist übergewichtig. Jeder Vierte bis Fünfte von ihnen gilt sogar als adipös.Experten fehlt bislang eine umfassende Strategie, wie die Zahl der Betroffenen gesenkt werden kann.

© Africa Studio / fotolia.com

BERLIN. Vor einer neuen Pandemie warnt die Deutsche Adipositas Gesellschaft mit Blick auf die steigende Zahl stark übergewichtiger Menschen.

Hält der aktuelle Trend an, erwarten die Experten im Jahr 2025 bereits 177 Millionen Menschen mit schwerem Übergewicht weltweit. Insgesamt werden den Schätzungen zufolge dann 2,7 Milliarden Menschen auf der Erde von Übergewicht betroffen sein.

Professor Jürgen Ordemann, Adipositas-Chirurg an der Berliner Uniklinik Charité, spricht von einer Zeitenwende: "Weltweit sterben mehr Menschen an Übergewicht und den Folgen als an Hunger", sagte er bei der Jahrestagung der Deutschen Adipositasgesellschaft (DAG) in Berlin.

Adipositas-Chirurgie "keine Lösung für die Pandemie"

Die Adipositas-Chirurgie könne den Betroffenen beim Abnehmen helfen. Sie sei zwar "keine Lösung für die Pandemie, aber eine Lösung für den Einzelnen". Dafür gebe es eine klare Evidenz.

Ordemann kritisierte, dass in keinem Land Europas so wenig Adipositas-Patienten operiert würden wie in Deutschland. Das liege nicht am fehlenden Bedarf. "Das liegt daran, dass der Zugang zu der Operation so schwierig ist."

Diesen Patienten werde eine nachgewiesene Therapie vorenthalten, so Ordemann. Ähnliche Kritik hatte der Adipositas-Experte der CDU im Bundestag, Dietrich Monstadt, geäußert (wir berichteten).

Der GKV-Spitzenverband verweist dagegen darauf, dass chirurgische Eingriffe, wie etwa die Implantation eines Magenbandes die Ultima Ratio bei der Therapie von Adipositas seien.

"Nicht jeder übergewichtige Patient, der sie will, wird eine solche Therapie erhalten", teilte eine Sprecherin der "Ärzte Zeitung" auf Anfrage mit. Die Eingriffe seien an bestimmte, strenge Bedingungen geknüpft.

"Vor Indikationsstellung sollte wenigstens eine einjährige konservative Behandlung nach definierten Qualitätskriterien stattgefunden haben", so die Auffassung des GKV-Spitzenverbands.

Alternativen immer prüfen!

Zudem müsse vor einer Operation geprüft werden, ob auch andere Verfahren als Alternativen möglich seien, wie Diäten, Bewegungstherapie, medikamentöse Behandlung oder Psychotherapie.

Die Kassenverbands-Sprecherin verwies auf das Engagement der Krankenkassen in der Prävention. Auch das hatte der Gesundheitspolitiker Monstadt als unzureichend kritisiert. Er forderte eine Nationale Adipositas-Strategie, für die ein ressortübergreifender Adipositas-Beauftragter eingesetzt werden sollte.

Auch Adipositas-Experten fordern gesamtgesellschaftliche Anstrengungen in der Prävention von Übergewicht. "Wir werden die Adipositas-Epidemie nur mit Hilfe der Politik eindämmen können, denn wir haben es mit einem komplexen, gesamtgesellschaftlichen Phänomen zu tun", sagte DAG-Präsident Professor Martin Wabitsch.

Der Kinderarzt verwies darauf, dass nicht Kinder, sondern vor allem junge Erwachsene zunehmend unter Übergewicht und Adipositas leiden. Er forderte daher auch, dass Schulungsprogramme der Krankenkassen - wie es sie für Kinder gibt - auch für Erwachsene bezahlt würden.

Bei der Prävention misst er Ärzten zwar eine wesentliche Rolle zu. "Aber ihre Möglichkeiten sind begrenzt", sagte Wabitsch. Die Lösung liege nicht beim Individuum. Die "adipogene Gesellschaft" müsse sich ändern.

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