Arbeitssicherheit

Deutschland - verhinderter Nachhilfelehrer

In Bangladesch ist vor knapp 16 Monaten ein Fabrikgebäude eingestürzt und hat mehr als 1100 Arbeiter aus der Textilindustrie in den Tod gerissen. Deutschland setzt beim Thema Sicherheit am Arbeitsplatz Standards, tut sich aber schwer als Berater.

Christoph FuhrVon Christoph Fuhr Veröffentlicht:
Gerettet: eine Textilarbeiterin entkommt der Katastrophe von Dhaka im April 2013.

Gerettet: eine Textilarbeiterin entkommt der Katastrophe von Dhaka im April 2013.

© dpa

Er wirkte wie ein Schüler, der stellvertretend Ergebnisse einer ausgezeichneten Gruppenarbeit vorträgt und dann verspricht, dass seine Klasse solidarisch Mitschüler aus Parallelklassen unterstützen will, die mit dem behandelten Thema weniger gut klarkommen: Dr. Joachim Breuer.

Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, konnte beim Weltkongress für Arbeit und Sicherheit in Frankfurt eine hervorragende Bilanz präsentieren: Das Unfallrisiko am Arbeitsplatz war 2013 in Deutschland so gering wie nie zuvor.

Zwar bleibt immer noch viel tun, aber in einer globalisierten Welt liegen die wirklichen Herausforderungen beim Arbeitsschutz längst jenseits der Grenze - in Billiglohnländern wie Bangladesch, dessen Probleme ein ums andere Mal beim Weltkongress zum Thema gemacht wurden.

Die Textil- und Bekleidungsindustrie ist in diesem Land von fundamentaler Bedeutung. Sie erwirtschaftet 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und 80 Prozent der gesamten Exporterlöse. Dass sich Armut in den vergangenen 20 Jahren deutlich reduziert hat, wird zu einem wichtigen Teil dieser Branche zugeschrieben. Doch die Entwicklung ist teuer erkauft.

Im April 2013 stürzte in der Hauptstadt Dhaka ein achtstöckiges Gebäude ein, mehr als 1100 Menschen, die dort Bekleidung für den Export herstellten, wurden getötet. Schlamperei am Bau, verbunden mit Korruption, war die Ursache; auf das eingestürzte Gebäude waren illegal mehrere zusätzliche Stockwerke gebaut worden. Das führte zu einer Tragödie, die die Welt erschütterte.

Wie geht Deutschland mit dem Thema um? In einschlägigen TV-Polittalks und auf der Straße wurden unmittelbar nach der Katastrophe Argumente ausgetauscht, die zuweilen ratlos machten. Konsequent keine Produkte mehr aus Bangladesch kaufen?

Dann werden noch mehr bitterarme Menschen ihre Jobs verlieren! Oder: Augen zu und durch nach dem Motto: solche Unfälle sind eben der Preis der Industrialisierung, das haben auch andere Länder vorher in abgeschwächter Form erfahren müssen? Zynischer geht‘s ja wohl nicht!

Wo bleibt das Geld für die Opfer?

Knapp 16 Monate nach dem schlimmen Unglück ist eine klare deutsche Linie nur schwer zu erkennen. Europäische , darunter auch deutsche Unternehmen, die im Werk in Dhaka Waren produzieren ließen, haben zunächst Entschädigungen für Opfer und Angehörige versprochen. Längst nicht alle haben bisher gezahlt, kritisierte beim Weltkongress zurecht Sozialministerin Andrea Nahles (SPD).

Für nicht wenige Opfer, die seit der Katastrophe lebenslang auf Medikamente angewiesen sind, kann die fehlende Unterstützung schlimme Folgen haben.

Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hat vor Wochen die besondere Bedeutung Deutschlands "als einer der wichtigsten Märkte für Kleidung" herausgestellt. Er sprach von einer Signalwirkung, wenn es unserem Land quasi als Vorreiter gelingen würde, die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie zu verbessern.

Müller will ein Textilsiegel einführen. Er appelliert an den guten Willen der Industrie, schließt aber auch ein Gesetz nicht aus. Ökologische und soziale Standards für die gesamte Produktionskette sollen festgeklopft werden, "vom Baumwollfeld bis zum Bügel".

Das wiederum hält der deutsche Einzelhandel für wenig praktikabel. Die Einhaltung des Bau- und Ordnungsrechts sei Pflicht eines jeden Staates, hieß es. Die Botschaft: Bangladesch muss selbst seine Hausaufgaben machen. Ein peinliches Pingpongspiel zwischen Politik und Industrie, ein souveräner Umgang mit diesem Thema sieht anders aus.

Dabei hat es in Bangladesch insbesondere mit Hilfe der Internationalen Arbeitsorganisation ILO Veränderungen gegeben: Die Gründung von Gewerkschaften wurde vereinfacht, die Zahl unabhängiger Inspektoren zur Überprüfung der Sicherheit in Fabriken steigt.

Auch der Mindestlohn wurde von umgerechnet 28 Euro auf 50 Euro monatlich angehoben - aber mit der Folge, dass die Mieten in den Häusern im Umfeld der Fabriken schlagartig explodierten.

Kongress verbreitet Optimismus

Beim Kongress in Frankfurt wurde von Teilnehmern aus der ganzen Welt Optimismus verbreitet - auch für Bangladesch. In der Dritten Welt haben viele Länder inzwischen Maßnahmen ergriffen, um ihre Arbeitsschutzstrategien durch neue rechtliche Rahmenbedingungen und Überwachungsmechanismen auf ein starkes Fundament zu stellen.

Vieles ist in Bewegung geraten. Der Vorzeigeschüler Deutschland allerdings wird an seiner durchaus wünschenswerten Rolle als Nachhilfelehrer in Sachen Sicherheit am Arbeitsplatz noch kräftig arbeiten müssen.

Mehr zum Thema

Neue Studie der Techniker

Erst Corona, dann Long-COVID, anschließend lange AU

Kommentare
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden »Kostenlos registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Nach ersten Kassen-Daten zu den Langzeitfolgen einer Corona-Erkrankung waren COVID-19-Patienten, die im Krankenhaus beatmet werden mussten, anschließend durchschnittlich 190 Tage lang krankgeschrieben.

© © nmann77 / Fotolia

Neue Studie der Techniker

Erst Corona, dann Long-COVID, anschließend lange AU

Bei der Gesetzesvorlage zu den Gesundheitskiosken müsse Gesundheitsminister Lauterbach in die Puschen kommen, fordern Oppositionspolitiker. Im Bild ein Aufsteller im Gesundheitskiosk Hamburg-Billstedt.

© Daniel Reinhardt / dpa / picture alliance

Niedrigschwelliger Zugang zur Versorgung

Ampel kündigt baldigen Gesetzesvorschlag zu Gesundheitskiosken an