Trump und die WHO

Die USA und das Corona-Eigentor

Der japanische Infektiologe Kentaro Iwata ist durch das Anprangern der COVID-19-Missstände auf der „Diamond Princess“ bekannt geworden. Er zeigt „als Wissenschaftler“ wenig Verständnis für Trumps Ankündigung, der WHO Mittel zu streichen. Auch Japan kritisiert er für Defizite im Pandemiemanagement.

Von Sonja Blaschke Veröffentlicht: 21.04.2020, 15:54 Uhr
Die USA und das Corona-Eigentor

Mikroskopische Darstellung eines Corona-Virus: Wie sinnvoll ist das Einstellen der US-amerikanischen WHO-Beitragszahlungen während der COVID-19-Pandemie?

© Naeblys / Getty images / iStock

Tokio. Die USA würden ein Eigentor schießen, wenn sie mitten in der Corona-Pandemie die Beitragszahlungen zur Weltgesundheitsorganisation stoppten. Dies sagte Kentaro Iwata, Professor für Infektiologie an der japanischen Universität Kobe, am Montag bei einer Online-Pressekonferenz. Der Mediziner war im Februar weltweit bekannt geworden, als er Japans dilettantischen Umgang mit Corona-Infektionen auf dem Kreuzfahrtschiff „Diamond Princess“ anprangerte.

Ob US-Präsident Donald Trumps Vorwürfe der „China-Hörigkeit“ gegenüber der WHO gerechtfertigt seien, könne er nicht beurteilen, so Iwata. Aber „es ist jetzt keine gute Zeit, der WHO die Unterstützung zu entziehen – und das wird auch nicht zum Vorteil der USA sein.“ Iwata betonte, dass er nicht politisch sei und rein als Wissenschaftler spreche: „Es geht mir nicht darum, mit dem Finger auf Präsident Trump zu zeigen – aber wir brauchen Kooperation, und nicht Sanktionen.“

Trump beschuldigt die WHO, durch angebliches Missmanagement und blindes Vertrauen in die von der Volksrepublik bereitgestellten Daten die Coronavirus-Pandemie verschlimmert zu haben. Seine Regierung werde die genauen Umstände in den kommenden 60 bis 90 Tagen prüfen, kündigte der US-Präsident an. Bis dahin lägen die Beitragszahlungen und freiwilligen Leistungen der USA auf Eis, die addiert fast 17 Prozent des WHO-Budgets ausmachen. Weltweit erntete die Trump-Regierung für diesen Schritte Kritik.

In Ebola-Afrika sicherer gefühlt als an Bord der „Diamond Princess“

Der Infektiologe Iwata war als Arzt im Praktikum mehrere Jahre in New York tätig, darunter am St. Luke’s Roosevelt Hospital der Columbia-Universität. Seit 2008 berät er im westjapanischen Kobe am Universitätskrankenhaus Patienten stationär und ambulant zu Themen wie HIV/Aids, Reisemedizin, Impfung und Fieber ungeklärten Ursprungs. Als Forscher hat er sich auf klinische Medizin spezialisiert, vor allem auf (wiederholt) ausbrechende Infektionskrankheiten wie die pandemische Grippe. Der 49-Jährige gilt in seiner Heimat als eine der aktuell wenigen kritischen Stimmen. Angeregt von seiner Frau, die ebenfalls Infektiologin ist, machte er per Youtube auf die Zustände auf der „Diamond Princess“ im Hafen von Yokohama aufmerksam. Die Videos wurden schnell über eine Million Mal geklickt und setzten die Regierung unter Zugzwang.

Denn nachdem man dort Infektionen entdeckt hatte, stellten die Behörden Passagiere und Mannschaft auf dem Schiff unter Quarantäne. Das Virus breitete sich rasant aus, etwa als die Crew Mahlzeiten an die Passagiere in den Kabinen verteilte. Das Resultat: über 700 Fälle und 13 Tote. Iwata, der das Schiff einige Stunden besuchte, sagte, er habe sich selbst bei der Behandlung von Ebola-Erkrankten in Afrika sicherer gefühlt. Scharf kritisierte er die Abwesenheit von Spezialisten sowie die fehlende Einrichtung von Zonen.

Auch Olympia 2021 in Tokio in Frage gestellt

Am Montag goss Iwata Öl in ein weiteres Feuer: die Verschiebung der Olympischen Sommerspiele in Tokio. Neuer Starttermin ist der 23. Juli 2021, doch Iwata zeigte sich skeptisch. „Japan könnte es schaffen, diese Krankheit bis nächsten Sommer unter Kontrolle zu bekommen – das wünsche ich mir. Aber ich denke nicht, dass das überall auf der Erde passieren wird. In dieser Hinsicht bin ich sehr pessimistisch in Bezug auf die Spiele.“ Diese könnten allenfalls in deutlich veränderter Form stattfinden, mit geringer Beteiligung oder ohne Publikum. Derzeit laufen Vorbereitungen für die Verschiebung, aber einen Plan B gebe es nicht, sagte ein Sprecher des Organisationskomitees.

Japan verzeichnete am Montag rund 11.500 Fälle, etwa 3.400 mehr als in der Vorwoche, darunter 236 Tote. Japan war das zweite Land nach China, in dem im Januar Infektionen bekannt wurden. Anstatt viel zu testen, setzte Japan lieber auf die Nachverfolgung der Fälle durch die Gesundheitsämter sowie die Isolierung enger Kontakte, damals laut Iwata eine „weise und effektive Strategie“.

Strategiewechsel bei COVID-19-Bekämpfung verpasst

Doch seit 25. März, einen Tag nach der Olympia-Absage, sind die Fälle in Tokio und Osaka stark angestiegen. Dann hätte man die Strategie ändern müssen, sagt Iwata, etwa durch verstärkte Tests und einen Lockdown, wenigstens in Tokio. So hätte man klarer machen können, dass physischer Abstand entscheidend sei, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern, und nicht primär das Tragen von Masken, wie in Japan viele irrtümlich glaubten. Doch in Japan weiche man selten vom einmal gewählten Weg ab, so der Mediziner.

Zuletzt häufen sich Nachrichten, dass Personen mit Covid-19-Symptomen tagelang auf Tests und deren Ergebnisse warten müssen oder stundenlang im Krankenwagen auf der Suche nach einem freien Bett in einem designierten Spital unterwegs sind, da nicht jedes Krankenhaus darauf eingerichtet ist, solche Patienten aufzunehmen. Covid-19-Patienten dürfen nur aus dem Spital entlassen werden, wenn sie zweimal negativ getestet werden. Das blockiert laut Iwata Kapazitäten. Immerhin werden seit kurzem leichtere Fälle in Hotels und nicht mehr im Spital isoliert.

Schon vor der Krise sei das japanische Gesundheitswesen durch Unterfinanzierung „am Rand des Kollaps“ gewesen, so Iwata. Dieses strukturelle Problem sei durch die Krise verschärft und offengelegt worden. „Viele Krankenhäuser sind nicht vorbereitet, COVID-19 zu bekämpfen“. Es fehle wie überall auf der Welt an Schutzkleidung.

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